Der junge Mann, dem ich die Dame weggeschnappt, tanzte im ersten Paar. Er sprang, seine Dame an der Hand haltend, vom Stuhl auf, anstatt aber den »pas de Basque« zu machen, wie Mimi uns gelehrt, lief er einfach vorwärts, blieb in der Ecke stehen, stampfte mit den Hacken auf, spreizte die Beine, machte kehrt und lief hüpfend weiter.
Was macht der nur, dachte ich, das ist doch gar nicht so, wie Mimi es uns gezeigt hat; sie behauptet, die Mazurka würde schwebend auf den Fußspitzen mit kreisförmiger Beinbewegung getanzt – nun ist es ganz anders. Da sind Iwin und Wolodja ebenfalls. Wenn er sich nur nicht blamiert, der Ärmste! Nein, wirklich gar nicht übel; er tanzt auch so. Großartig!
Die Mazurka ging zu Ende; einige ältere Herren und Damen verabschiedeten sich von Großmutter und fuhren fort. Diener trugen, den Tanzenden vorsichtig ausweichend, Geschirr in die Hinterzimmer. Großmutter war ersichtlich müde und sprach sehr gedehnt, gleichsam unlustig. Die Musikanten spielten zum dreißigstenmal träge dasselbe Motiv. In diesem Augenblick kam das große Mädchen, mit dem ich getanzt hatte, in Begleitung einer der zahllosen kleinen Fürstinnen und Sonjas auf mich zu; wohl um Großmutter zu gefallen, lächelte sie ihr zu und richtete folgende zartsinnige Frage an mich: »Rose oder Hortensie?«
»Ah, du bist hier, Freundchen!« wandte Großmutter sich zu mir um, »geh nur, geh.«
Nicht ohne Zittern und Zagen sagte ich: »Hortensie« und war noch nicht zur Besinnung gekommen, als schon eine kleine Hand im weißen Handschuh in der meinigen lag und Sonja fröhlich lächelnd auf ihren kleinen Zehenspitzen vorwärts tanzte ohne zu ahnen, daß ich mit meinen Füßen nichts anzufangen wußte.
Obgleich ich mir klar darüber war, daß das pas de Basque jetzt unangebracht, ungehörig sei und vielleicht unangenehme Folgen für mich haben könnte, wirkten die bekannten Mazurkaklänge auf mein Ohr, teilten sich den Nerven mit, die ihrerseits die Bewegung auf die Beine übertrugen, so daß diese letzteren unwillkürlich und zum Erstaunen aller Zuschauer die verhängnisvollen, gleitenden, kreisförmigen pas auf den Zehenspitzen beschrieben, die Mimi mir wahrscheinlich zum Schabernack beigebracht hatte.
Solange wir geradeaus tanzten, ging die Sache noch; als wir aber an die Biegung kamen, bemerkte ich, daß ich, beim Beibehalten des pas de Basque, sicher vorwärts tanzen würde. Um das zu vermeiden, blieb ich stehen und wollte dieselben Beinbewegungen auf dem Fleck machen, die der junge Mann im ersten Paar und andere so hübsch ausführten.
In dem Augenblick, als ich die Beine spreizte und schon springen wollte, blickte Sonja, die schnell um mich herumlief, ernsthaft und neugierig auf meine Beine. Vielleicht wäre mein Sprung noch halbwegs gelungen, wenn Sonja nicht so genau zugesehen hätte. Sobald ich das aber bemerkte, verlor ich vollständig die Fassung, und statt des kühnen pas, den ich beabsichtigt, wurde ich so verlegen, daß ich ohne jeden Takt, höchst komisch, und ganz unbeschreiblich auf der Stelle hüpfte. Dann blieb ich vollends stehen und sah mich um. Alle starrten mich an; einige neugierig, andere mitleidig, noch andere spöttisch. Großmutter blickte kaltblütig drein. Wolodja zwinkerte und machte mir Zeichen; Papa wurde rot, stand auf, trat zu mir und nahm mich bei der Hand.
»Il ne fallait pas danser, si vous ne savez pas!« raunte er mir ärgerlich ins Ohr, nahm Sonjas Arm und tanzte unter lautem Beifall der Zuschauer die Tour mit ihr nach alter Manier zu Ende.
Ich hatte nicht einmal den Mut, an meinen Platz zurückzukehren, verschwand im nächsten Zimmer und wälzte mich in stummer Verzweiflung auf einem Sofa. Dieser Übergang vom glücklichen zuversichtlichen Gemütszustand zum drückenden Bewußtsein des tiefen Falles war schrecklich. Wäre in diesem Augenblick die Möglichkeit gewesen und die Versuchung an mich herangetreten, mir das Leben zu nehmen, – ich war so unglücklich, daß ich keine Minute gezögert hätte. Das schlimmste war, daß Sonja mich so fragend und neugierig-mitleidig angesehen hatte. Herrgott, wofür strafst du mich so hart, dachte ich. Jetzt ist alles verloren; alle verachten mich und werden mich stets verachten; mir sind alle Wege versperrt, zum Glück, zur Heiterkeit, Freundschaft, Liebe, Auszeichnung. Alles ist hin. Niemand liebt mich. Gut, jetzt will ich auch niemanden mehr lieben, alle haben sich über mein Unglück gefreut, jetzt will ich mich auch freuen, wenn ihnen etwas passiert!