Warum ist Papa rot geworden und hat mich an der Hand gefaßt? Warum hat Wolodja mir Zeichen gemacht, die alle sehen und die mir nicht mehr helfen konnten? Hätte er das nicht getan, würde niemand etwas bemerkt haben. Er hat es absichtlich getan, um mich zu blamieren; niemand, niemand hat mich hier lieb. Mama wäre sicherlich meinetwegen nicht errötet! …
Und meine Phantasie folgte diesem Bilde weit, weit in die Ferne; ich dachte an Mama, an die Wiese vor dem Hause, die hohen Linden im Garten, den reinen Teich, über dem Schwalben hin und her schossen; an duftende Heudiemen, den blauen Himmel, an dem durchsichtige weiße Wolken standen; an einen stillen heiteren Abend, und viele andere, ruhigfreudige Erinnerungen hielten Einzug in mein aufgeregtes Gemüt.
25. Nach der Mazurka.
Die Mazurka war zu Ende. Wolodja, Iwins und der junge Fürst kamen in das Zimmer, in dem ich auf dem Sofa lag und riefen mich, als wenn nichts passiert wäre, nach oben; ich sollte meine Kräfte mit Etienne messen, der sehr prahlte und sagte, er würfe uns alle mit einem Finger um. Hätte jemand sich auch nur die leiseste Anspielung auf mein Mißgeschick erlaubt, so wäre ich rasend geworden und hätte ihnen Unannehmlichkeiten gesagt; da das aber nicht geschah, willigte ich ein, mit nach oben zu kommen, besonders da ich mich in Kraft- und Geschicklichkeitsübungen stets ausgezeichnet habe. Dieser Kampf, das Rennen, Toben und Geschrei zerstreute mich und ließ mich mein Unglück fast vergessen; nur bisweilen kam mir die Erinnerung; dann preßte ich die Zähne zusammen und schrie leicht auf, wie meistens bei sehr unangenehmer Erinnerung. Als wir zum Abendessen gerufen wurden, hatte ich meine misanthropischen Pläne schon vergessen und lief mit dem angenehmen Gefühl der Selbstzufriedenheit, die der Erfolg gebiert, nach unten. Mein Erfolg, ich darf sagen: mein Triumph, bestand darin, daß ich zweimal hintereinander den jungen Fürsten geworfen hatte, einmal derart, daß auf seiner Stirn eine sehr große und sehr lächerliche Beule zum Vorschein kam.
Beim Abendessen, als der Diener jedem von uns aus einer umwickelten Flasche Champagner eingoß, standen wir alle auf und gingen noch einmal zu Großmutter zum Gratulieren. Kaum war das geschehen, so ertönten aus dem Saal die Klänge des Großvatertanzes und überall wurden geräuschvoll die Stühle zurückgeschoben. Ich glaube, ich hätte es niemals riskiert, Sonja wieder aufzufordern, wenn nicht in dem Augenblick, als ich zögerte, Sonjas Mutter vorübergekommen wäre und zu uns beiden gesagt hätte: »Was steht ihr denn da; kommt doch.«
Sonja reichte mir den Arm, und wir liefen aus dem Saal.
Der Ringkampf, das Glas Champagner, die Nähe und Heiterkeit Sonjas ließen mich die unglückliche Mazurka ganz vergessen; ich fühlte nicht die geringste Verlegenheit mehr, war ausgelassen bis zur Tollheit.
Mit den Beinen machte ich die komischsten Dinge; ich ahmte die Gangart eines Pferdes nach, lief in kurzem Trab, hob stolz die Beine, blieb dann auf einer Stelle stehen und trampelte mit den Füßen wie ein Hammel, der über einen Hund böse ist. Dabei lachte ich aus vollem Herzen, ohne mich um den Eindruck zu kümmern, den meine pas auf die Zuschauer machten. Sonja lachte ebenfalls unaufhörlich; lachte, als wir uns Arm in Arm im Kreise drehten; kicherte, als ein Herr mit Schnurrbart und goldenem Ring am Daumen langsam die Beine hebend über ein Schnupftuch stieg, mit einem Ausdruck, als ob ihm das sehr schwer würde, und schüttelte sich vor Lachen, als ich, um meine Geschicklichkeit zu zeigen, fast bis zur Decke sprang. Dieses reizende helle Lachen, bei dem ihr Händchen wie ein Vöglein in meiner Hand zitterte, sowie der schnelle Übergang von der Verzweigung zur Heiterkeit machten mich ganz glücklich.
Als wir durch Großmutters Zimmer kamen, besah ich mich unwillkürlich in dem großen Trumeau in der Ecke. Mein Gesicht war schweißgebadet, das Haar zerzaust, die Borsten sträubten sich mehr als je – trotzdem befriedigte mich der Gesamteindruck; die grauen, noch kleineren Augen als sonst glänzten derart, und der ganze Gesichtsausdruck war so lustig, unbekümmert und gut, gesund und frisch, daß ich mich noch niemals in so vorteilhaftem Licht gesehen hatte. Das rührte wahrscheinlich daher, daß ich mich beim Schauen in den Spiegel gewöhnlich bemühte, einen nachdenklichen und deswegen unnatürlichen dummen Ausdruck anzunehmen. Wäre ich nur immer so wie jetzt! dachte ich, dann könnte ich noch gefallen.
Als ich dann aber wieder auf das schöne Gesichtchen meiner Dame blickte, fand ich dort außer der Fröhlichkeit, Gesundheit und Sorglosigkeit, die mir in meinem Gesicht gefielen, so viel vornehme, zarte Schönheit, daß ich mich über mich selbst ärgerte; ich sah ein, wie dumm es war zu hoffen, die Aufmerksamkeit eines so herrlichen Geschöpfes jemals auf mich zu lenken.