Ich konnte nicht auf Erwiderung meiner Gefühle rechnen und wünschte sie gar nicht; meine Seele strömte auch so von Glück über. Für all meine unendliche Liebe, die vor keinem Opfer zurückschreckte, wünschte, forderte ich nichts: mir war auch so gut. Ich fühlte nur, wie mir das Blut zum Herzen strömte; daß dieses schlug wie eine Taube, daß ich etwas Sonderbares, Unverständliches wollte – wahrscheinlich weinen.
Als wir auf dem Korridor am dunklen Verschlage unter der Treppe vorbeikamen, dachte ich: was wäre das für ein Glück, wenn man ein ganzes Jahrhundert lang mit ihr in diesem dunklen Verschlage leben könnte, so daß niemand etwas davon wüßte. Aber das ist nicht möglich, also hat es auch keinen Zweck, daran zu denken; sie geht gleich, und Gott weiß, wann wir uns wiedersehen … vielleicht nie …
Wir waren das letzte Paar; ich ging langsam und beschloß, ihr alles zu sagen, was ich empfand. Aber was? Und wie?
»Nicht wahr, heute war es nett?« begann ich mit leiser, zitternder Stimme und beschleunigte den Schritt, voll Schreck nicht so sehr über das, was ich gesagt hatte, als über das, was ich sagen wollte.
»Ja, sehr,« antwortete sie, mir das Köpfchen mit so gutem offenen Ausdruck zuwendend, daß meine Furcht verschwand.
»Besonders nach dem Abendessen; wenn Sie aber wüßten, wie leid es mir tut – (›weh‹ wollte ich sagen, wagte es aber nicht), daß Sie gehen und wir uns nicht wiedersehen.«
»Warum nicht?« meinte sie, angelegentlich ihre Schuhspitzen betrachtend und mit einem Finger über den durchbrochenen Wandschirm fahrend, an dem wir vorüberkamen.
»Jeden Dienstag und Freitag um zwei Uhr fahre ich mit Mama auf dem Twerskoi Boulevard spazieren. Gehen Sie denn nicht aus?«
»Ich werde sicher um Erlaubnis bitten, und wenn man mich nicht läßt, laufe ich ohne Mütze fort. Den Weg weiß ich.«
Sonja lachte.