»Wissen Sie was?« sagte sie plötzlich, mit dem Fuß einen kleinen Apfel aus dem Wege schleudernd, »ich sage zu einigen Jungen, die zu uns kommen: ›du‹; wollen wir uns auch duzen? Willst du?« fügte sie hinzu und sah mir, das Köpfchen schüttelnd, gerade in die Augen.
In diesem Augenblick traten wir in den Saal, und es begann der zweite, lebhafte Teil des Großvatertanzes.
»Kom … men Sie,« sagte ich, als die Musik und der Lärm meine Stimme übertönten.
»Komm, und nicht: kommen Sie,« verbesserte sie mich lächelnd.
Das »ie«, das sie möglichst derb auszusprechen suchte, erschien mir als der harmonischste Ton, den die menschliche Stimme hervorbringen kann. Ich war hingerissen.
Der »Großvater« war zu Ende; ich hatte nicht einen Satz mit »du« zustande gebracht, obgleich ich mir unaufhörlich den Kopf zerbrach und Wendungen ausgrübelte, in denen das Fürwort mehrmals vorkam. Es fehlte mir an Mut. »Willst du? Komm!« klang es in meinen Ohren und rief einen rauschähnlichen Zustand bei mir hervor: ich sah nichts als Sonja. Ich beobachtete, wie Frau Walachin sie musterte, ob sie vom Tanzen nicht zu sehr erhitzt sei und fahren könnte; wie sie sich kätzchengleich an ihre Mutter schmiegte; sah, wie ihre Locken zusammengenommen und hinter die Ohren gelegt wurden, so daß ein Teil der Stirn und die Schläfe frei wurde, die ich noch nicht gesehen hatte. Diese neuen Stellen schienen mir noch schöner als die bereits bekannten. Ich weiß noch, wie sie in ein großes wollenes Tuch so dicht eingewickelt wurde, daß, wenn sie nicht mit ihren Rosenfingern ein kleines Loch für den Mund freigemacht hätte, sie sicher erstickt wäre. Obgleich man hinter dem Tuch nur die Augen und die Nasenspitze sah, waren diese so lieb, daß ich mich von dem Anblick nicht trennen konnte. Als sie hinter ihrer Mutter die Treppe hinunterstieg, wandte sie sich schnell noch einmal um, nickte mit dem Kopf und dann sah ich sie nicht mehr.
Wolodja, Iwins, der junge Fürst, ich, wir alle waren in Sonja verliebt, standen auf der Treppe und warfen ihr Blicke nach. Wem sie eigentlich besonders zunickte, weiß ich nicht; damals war ich aber fest überzeugt, daß ich es sei.
Beim Abschied von Iwins sprach ich sehr frei, ungezwungen und sogar etwas kalt mit Serjoscha und drückte ihm die Hand.
Diese Veränderung in meinem Benehmen überraschte ihn wahrscheinlich unangenehm, denn er sah mich fragend und nicht gerade freundlich an. Wenn er begriff, daß sein Einfluß auf mich mit dem heutigen Abend sein Ende erreicht hatte, tat ihm das sicher leid, obgleich er sich bemühte, ganz gleichgültig zu erscheinen.
Zum erstenmal im Leben war ich treulos in der Liebe, und zum erstenmal empfand ich die Süßigkeit dieses Gefühls. Es war mir eine wahre Herzensstärkung, das überlebte Gefühl der Ergebenheit gegen ein frisches Liebesempfinden voll Heimlichkeit und Ungewißheit einzutauschen. Außerdem bedeutet mit einer Liebe aufhören und eine neue beginnen, doppelt lieben.