Die Gespräche mit Natalie Sawischna wiederholten sich jeden Tag; ihr stilles Weinen und die ruhigen frommen Reden verschafften mir Trost und Erleichterung.
Aber bald wurden wir getrennt; drei Tage nach dem Begräbnis siedelten wir mit dem ganzen Hause nach Moskau über, und es war mir nicht bestimmt, Natalie je wiederzusehen.
Großmutter erfuhr die Schreckenskunde erst bei unserer Ankunft. Ihr Schmerz war außerordentlich. Wir wurden nicht zu ihr gelassen, da sie eine ganze Woche lang ohne Bewußtsein lag. Die Ärzte waren um ihr Leben besorgt, weil sie nicht nur keine Arzenei nahm, sondern mit niemandem sprach, nicht schlief und nichts genoß. Bisweilen saß sie in ihrem Zimmer allein auf ihrem Sessel, begann plötzlich zu lachen, dann ohne Tränen zu schluchzen, bekam Krämpfe und schrie unnatürlich laut unsinnige oder schreckliche Worte. Es war der erste starke Kummer, der sie traf, und dieser äußerte sich in Wut und Haß gegen Gott und Menschen. Sie mußte jemanden haben, dem sie ihr Unglück zum Vorwurf machte, und nun sprach sie entsetzliche Worte, fluchte Gott, ballte die Fäuste, drohte jemandem heftig, sprang von ihrem Sessel auf, ging mit großen schnellen Schritten durchs Zimmer und fiel dann ohnmächtig zu Boden.
Einmal betrat ich ihr Zimmer. Sie saß wie gewöhnlich auf ihrem Sessel und war anscheinend ruhig; aber ihr Blick machte mich stutzig. Die Augen waren weit offen, der Ausdruck aber unbestimmt und stumpf; sie sah mich gerade an, erkannte mich aber offenbar nicht. Ihre Lippen begannen langsam zu lächeln, und sie sprach mit rührender, zarter Stimme: »Komm her, mein Liebling, komm mein Engel …«
Ich glaubte, sie spräche zu mir und trat näher; aber sie sah mich nicht an.
»Ach, wenn du wüßtest, mein Herz, wie ich mich gequält habe und wie ich mich freue, daß du gekommen bist …« Da wurde mir klar, daß sie sich einbildete, Mama zu sehen, und ich blieb stehen.
»Dabei hat man mir gesagt, du wärest nicht mehr,« fuhr sie stirnrunzelnd fort. »Dieser Unsinn! Wie kannst du vor mir sterben!« Sie lachte schrecklich, hysterisch.
Nur Menschen, die starker Liebe fähig sind, können schweres Leid durchmachen; dieses Liebesbedürfnis aber bildet bei ihnen ein Gegengewicht für Kummer und lindert ihre Schmerzen.
Daher kommt es, daß die moralische Natur des Menschen noch lebenskräftiger ist als die physische, und daß Kummer niemals tötet.