Nach einer Woche war Großmutter imstande zu weinen, und ihr wurde besser. Ihr erster Gedanke, als sie zu sich kam, waren wir; ihre Liebe zu uns nahm noch zu. Wir wichen nicht von ihrem Sessel; sie weinte still vor sich hin, sprach von Mama und streichelte uns zärtlich.
Niemandem, der Großmutters Kummer sah, konnte der Gedanke kommen, daß sie ihn übertrieb. Der Ausdruck dieses Kummers war stark und rührend. Trotzdem, ich weiß nicht wie es kam, fühlte ich mich mehr zu Natalie Sawischna hingezogen, und ich bin bis jetzt überzeugt, daß niemand Mama so rein und aufrichtig geliebt und beweint hat, wie dieses einfache, hingebende Wesen.
Mit Mamas Tode endete für mich die glückliche Zeit der Kindheit, und es begann eine neue Epoche – die des Knabenalters. Da aber die Erinnerungen an Natalie Sawischna, die ich nicht wieder sah, die aber einen so starken und wohltätigen Einfluß auf meine Richtung und mein Empfinden ausübte, der ersten Epoche angehören, will ich noch einige Worte über Natalie und ihren Tod sagen.
Nach unserer Abreise litt sie, wie mir später Leute erzählten, die auf dem Lande blieben, sehr unter der Untätigkeit. Obgleich alle Kisten und Kasten unter ihrer Obhut standen, und sie unablässig darin kramte, sie umpackte, wog, verteilte, fehlten ihr doch der Lärm und das Getriebe des von der Herrschaft bewohnten Landhauses, an welche sie von kleinauf gewöhnt war. Der Kummer, die veränderte Lebensweise und das Fehlen der Sorgen entwickelten bei ihr bald eine Alterskrankheit, zu der sie neigte. Gerade ein Jahr nach Mutters Tode bekam sie die Wassersucht und legte sich ins Bett.
Ich glaube, das einsame Leben in dem großen, öden Hause von Petrowskoie, ohne Verwandte und Freunde, wurde Natalie Sawischna schwer. Und noch schwerer der Tod. Alle Hausangehörigen liebten und verehrten Natalie, aber sie unterhielt mit niemandem Freundschaft und war stolz darauf. Sie war der Meinung, daß bei ihrer Stellung als Wirtschafterin, die das Vertrauen ihrer Herrschaft genoß und so viele Kasten mit jeglichem Gut unter sich hatte, Freundschaft mit irgend jemandem zu Parteilichkeit und strafbarer Nachlässigkeit führen müsse; deswegen, oder vielleicht, weil sie mit der anderen Dienerschaft nichts gemein hatte, hielt sie sich von allen fern und sagte, es gäbe für sie weder Vettern noch Basen im Hause, und beim Gut der Herrschaft sähe sie niemandem durch die Finger.
In heißem Gebet Gott ihre Gefühle anvertrauend, suchte und fand sie Trost; bisweilen aber, in Augenblicken der Schwäche, der wir alle unterliegen und in denen der beste Trost für Menschen Tränen und die Teilnahme eines lebenden Wesens sind, – nahm sie ihren Mops ins Bett, der ihr die Hände leckte und seine klugen, gelben Augen auf sie richtete. Mit dem sprach sie, weinte leise und streichelte ihn. Wenn der Hund jämmerlich zu heulen begann, suchte sie ihn zu beruhigen und sagte: »Hör schon auf; ich weiß auch ohne dich, daß ich bald sterbe.«
Einen Monat vor ihrem Tode holte sie aus ihrem Kasten weißen Kattun, weißen Tüll und rosa Band hervor, nähte sich mit Hilfe ihres Mädchens ein weißes Gewand und eine Haube und traf bis auf die kleinsten Einzelheiten alle Anordnungen für ihr Begräbnis. Ferner ordnete sie die Kisten der Herrschaft und übergab den Inhalt mit peinlicher Gewissenhaftigkeit nach einem Verzeichnis der Frau des Hausverwalters. Dann holte sie zwei seidene Kleider, einen uralten Schal, den Großmutter ihr einst geschenkt, und Großvaters goldgestickte, ihr ebenfalls vermachte Uniform hervor. Dank ihrer Sorgsamkeit waren Stickerei und Tressen an der Uniform noch ganz wie neu und das Tuch nicht von Motten berührt.
Vor ihrem Ende äußerte sie den Wunsch, das eine Kleid, das rosa, sollte Wolodja zu einem Schlafrock oder Halbrock haben; das andere, gewürfelte, ich zum selben Zweck, und den Schal – Ljubotschka. Die Uniform setzte sie dem von uns aus, der zuerst Offizier wurde. Alle übrige Habe und das Geld, mit Ausnahme von vierzig Rubeln, die sie zum Begräbnis und Messelesen bestimmte, sollte ihr Bruder bekommen. Dieser schon längst freigelassene Bruder wohnte in einem entfernten Gouvernement und führte ein sehr liederliches Leben. Deswegen hatte sie bei Lebzeiten keinerlei Verkehr mit ihm. Als er kam, um die Erbschaft in Empfang zu nehmen und es sich herausstellte, daß das ganze Vermögen der Verstorbenen in fünfundzwanzig Papierrubeln bestand, wollte er das nicht glauben und sagte, es sei unmöglich, daß eine Frau, die sechzig Jahre in einem vornehmen Hause gelebt, alles unter Händen gehabt, stets geknausert und jeden Lappen benutzt hätte, nichts hinterlassen haben sollte. Es war aber wirklich so.
Natalie Sawischna war zwei Monate krank gewesen und hatte ihre Leiden mit wahrhaft christlicher Geduld ertragen; sie murrte nicht, jammerte nicht, sondern rief nur, ihrer Gewohnheit nach, unaufhörlich Gott an. Eine Stunde vor ihrem Tode beichtete sie mit stiller Freude und bekam das Abendmahl und die heilige Ölung.
Alle Hausbewohner bat sie um Vergebung für Kränkungen, die sie ihnen zugefügt haben könnte, und ersuchte ihren Beichtvater, uns allen zu übermitteln, daß sie nicht wüßte, wie sie uns für alle Liebe danken sollte und daß sie uns um Verzeihung bäte, wenn sie in ihrer Dummheit jemandem Kummer bereitet hätte. »Eine Diebin bin ich nie gewesen, und ich darf wohl sagen, daß ich keinen Heller vom Herrschaftsgut veruntreut habe.« Das war die einzige Eigenschaft, die sie an sich schätzte.