Nachdem sie das selbstbereitete Gewand angelegt und die Haube aufgesetzt hatte, sprach sie, auf das Kissen gestützt, bis zum Tode unaufhörlich mit dem Geistlichen; ihr fiel ein, daß sie den Armen nichts hinterlassen hätte; sie holte zehn Rubel hervor und bat, sie im Kirchspiel zu verteilen. Dann bekreuzigte sie sich, legte sich hin und hauchte, den Namen Gottes auf den Lippen, ihren letzten Seufzer aus.
Sie schied ohne Bedauern aus dem Leben und hatte keine Furcht vor dem Tode, sondern nahm ihn als eine Wohltat hin. Wie oft wird das gesagt und wie selten geschieht es in Wirklichkeit! Natalie Sawischna konnte den Tod nicht fürchten, weil sie in unerschütterlichem Glauben starb und die Gebote des Evangeliums erfüllt hatte. Ihr ganzes Leben, seit sie das egoistische Gefühl gegen Foka (es war ihre Liebe) unterdrückt hatte, bestand aus reiner, uneigennütziger Hingabe und Aufopferung. Wenn auch ihr Glaube erhabener, ihr Leben höheren Zielen hätte zugewandt sein können – ist diese reine Seele deswegen etwa weniger der Liebe und Bewunderung wert?
Sie hat das beste und höchste Werk in diesem Leben vollbracht, sie ist ohne Bedauern und ohne Furcht gestorben. Was gehen uns ihre Gewohnheiten und ihre Glaubensrichtung an? Genug, daß sie gut starb.
Großer Gott! Schick mir ebensolchen Aberglauben, solche Sorgen um Kleinigkeiten, solche Irrungen und ebensolchen Tod!
Auf ihren Wunsch wurde sie unweit der Kapelle bei Mamas Grab beerdigt. Der von Brennesseln und Kletten überwucherte Hügel, unter dem sie liegt, ist von einem schwarzen, durch Regen grau gewordenen Holzgitter eingefaßt; ich vergesse niemals von der Kapelle zu diesem Gitter zu gehen und dort mein Gebet zu verrichten. Bisweilen tauchen in meiner Seele plötzlich traurige Erinnerungen an Natalie auf; mir kommt der Gedanke, daß ich in diesem Leben nie wieder solch zarte, liebende Seele treffen werde, und obgleich die Vorübergehenden mich erstaunt ansehen, bleibe ich schweigend vor dem schwarzen Gitter stehen, und bittere Tränen fließen aus meinen Augen.
Beilage I.
Zu Kapitel 8: »Die Jagd«.
Was ist an der Jagd mit Hunden schön.
Warum wird die Jagd mit Hunden, dieses unschuldige, gesundheitfördernde, schöne, anziehende Vergnügen von den meisten Stadt- und Landbewohnern so verachtet? »Mit Hunden jagen« sagen die Städter; »Hasen hetzen« die Landbewohner. Was ist Schlimmes dabei? Wem bringt es Schaden? Da wird gesagt: man ruiniert sich, man richtet sich zugrunde! – Es kommt dem Gutsbesitzer weit billiger, sich das ganze Jahr eine ordentliche Jagd zu halten, als zwei Herbstmonate in der Residenz, in einer Gouvernements- oder Bezirksstadt zuzubringen. Er würde diese zwei Monate aus Langerweile sicher dort zubringen, weil er während dieser Zeit auf dem Lande nichts zu tun hat. Zugrunde richten sich nur diejenigen, die wie wahnsinnig darauflosgaloppieren; und das tun wieder nur Leute, die keine Jäger sind.
Ferner heißt es: »Was ist denn für ein Vergnügen an der Hetzjagd?« Darauf erwidere ich: Im Jahre 18.., am 8. November, am Tage des heiligen Michael um acht Uhr morgens fuhr Fräulein …, ein Mädchen in vorgerücktem Alter und von respektgebietendem Äußern in einem verdeckten Schlitten aus dem Dorf ihres Bruders, des Herrn … Sie wäre schon tags vorher gefahren, aber es war Tauwetter und starker Schneefall eingetreten, der erst eine Stunde vor Sonnenaufgang nachließ. Die Prophezeiungen der Jäger für den Michaeltag erwiesen sich richtig; es war ein ausgezeichneter Spürschnee. Herr … war Jäger. Der Reitknecht brachte ihm sein Pferd, bestieg selbst das seine, pfiff den Barsois (russische Windhunde), die sich im Neuschnee wälzten und herumspielten, und ritt hinter dem Schlitten ins Freie. Er hatte noch keine zwanzig Faden zurückgelegt, als er rechts vom Wege eine Hasenspur erblickte, die in dem lockern Schnee so deutlich abgedrückt war, daß man jede Zehe erkennen konnte. Die Spur führte zur Tenne. Herr … verfolgte sie. Jetzt verdoppelte sie sich … Plötzlich ein »Haken«, wieder eine doppelte Spur, noch ein Haken, und dann lief alles so durcheinander, daß Herr … sich schweigend nach seinem Reitknecht umsah; beide waren ratlos. Der Reitknecht blickte eine Minute zur Seite, pfiff leise und deutete mit der Hetzpeitsche auf einen kleinen Punkt im Schnee; da war eine Sprungspur, alle vier Pfoten zusammen, dann wieder ein Sprung, die Pfoten schon weiter auseinander, und dann verlief die Spur gerade weiter. Nochmals eine Verdoppelung – da sprang plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, ein Waldhase mit silbergrauem Rücken auf. Die Hunde hinterher; er rannte auf den Weg und schoß direkt auf den Schlitten zu, der in kurzem Trabe vorauffuhr. Fräulein … hörte, daß hinten gehetzt wurde, ließ anhalten und stieg aus dem Schlitten, um die Jagd besser beobachten zu können. Als sie auf den Weg trat, war der Hase nicht mehr als zwanzig Schritte von ihr entfernt. Da sie sah, daß das Tier so in der Nähe war und direkt auf sie zulief, kreischte Fräulein … laut auf und setzte sich, alle Anstandsregeln vergessend, mit ausgebreitetem Überwurf wie eine Gluckhenne mitten auf den Weg. Wahrscheinlich wollte sie den unerfahrenen Hasen mit ihrem Überwurf zudecken, wenn er an sie herankäme. Leider gelang diese List nicht; denn als das Tier die Dame in der sonderbaren Stellung erblickte, ahnte es wahrscheinlich ihre hinterlistigen Gedanken und entsprang, die Ohren zusammenlegend, mit einem Satz den Hunden und stürmte ins freie Feld. Fräulein …, die plötzlich all ihre Pläne zerstört sah, kreischte durchdringend: »Ai, ai, haltet ihn, haltet ihn!« nahm ihren Überwurf zusammen und rannte hinterher. Neben dem Wege waren aber Schneewehen, außerdem war der Überwurf aus Fuchsfell schwer, und die weißen Filzstiefel rutschten fortwährend von den Füßen. Sie konnte nicht weiterlaufen, bekam solches Asthma und wurde so erschöpft, daß sie in den Schnee fiel und nur noch sagen konnte: »Was wollt ihr, Leute? Ich freue mich ja so, kann aber nicht mehr.« Sie wurde aufgehoben und in den Schlitten gesetzt; sie konnte vor Müdigkeit kein Wort herausbringen, lächelte aber.