»Leben Sie wohl.«

Nun hatte ich noch mehr das Gefühl, daß ich ihm weh getan hätte, und er tat mir leid. Katja und ich begleiteten ihn hinaus und blieben noch auf dem Hofe, bis er unseren Blicken entschwand. Als die Hufschläge seines Pferdes verhallt waren, ging ich um das Haus herum auf die Terrasse und begann wieder in den Garten hinauszuschauen; im taufeuchten Nebel, in dem alle nächtlichen Töne lebten, sah und hörte ich noch lange alles, was ich sehen und hören wollte.

Er kam ein zweites und ein drittes Mal, und die Befangenheit, die von unserem ersten seltsamen Gespräch herrührte, war ganz verschwunden und kehrte nicht wieder. Im Laufe des ganzen Sommers besuchte er uns zwei- und dreimal wöchentlich, und ich gewöhnte mich so sehr an ihn, daß es mir, wenn er längere Zeit ausblieb, unbehaglich wurde, allein zu leben; ich zürnte ihm und fand, daß er unrecht tat, wenn er mich so allein ließ. Er behandelte mich wie einen jungen lieben Freund, fragte mich über alles, forderte meine herzlichste Aufrichtigkeit heraus, gab mir Ratschläge, lobte mich, machte mir manchmal Vorwürfe und wies mich manchmal zurecht. – Aber trotz seiner Bemühungen, immer auf der gleichen Stufe mit mir zu stehen, fühlte ich, daß hinter dem, was ich an ihm verstand, noch eine ganze mir fremde Welt blieb, in die mich einzuführen er nicht für notwendig hielt, und das unterstützte meine Achtung vor ihm und zog mich zu ihm hin. Ich wußte von Katja und von den Nachbarn, daß er außer den Sorgen für die alte Mutter, mit der er zusammenlebte, außer seiner Gutswirtschaft und den mit der Vormundschaft verbundenen Mühen, auch noch irgendeine Tätigkeit im Adelsausschuß hatte, die ihm große Unannehmlichkeiten einbrachte; aber wie er das alles ansah, was für Überzeugungen, Pläne und Hoffnungen er hatte, konnte ich von ihm niemals erfahren. Wenn ich nur die Rede auf seine Geschäfte brachte, verzog er eigentümlich das Gesicht, als wollte er sagen: »Hören Sie bitte auf, das kann Sie doch nicht interessieren,« und brachte das Gespräch auf ein anderes Thema. Anfangs kränkte mich das, aber dann gewöhnte ich mich so sehr daran, nur noch von Dingen zu sprechen, die mich allein angingen, daß ich es vollkommen natürlich fand.

Was mir anfangs gleichfalls mißfiel, aber mit der Zeit sogar angenehm wurde, war seine völlige Gleichgültigkeit und beinahe Verachtung gegen mein Äußeres. Er deutete niemals, weder mit einem Blicke, noch mit einem Worte an, daß ich hübsch sei; im Gegenteil, er verzog das Gesicht und lachte, wenn man mich in seiner Gegenwart hübsch nannte. Er liebte es sogar, äußere Mängel an mir zu finden und mich mit ihnen zu necken. Die modernen Kleider und Frisuren, mit denen mich Katja an Festtagen herauszuputzen liebte, reizten ihn nur zu spöttischen Bemerkungen, die die gute Katja kränkten und anfangs auch mich stutzig machten. Katja, für die es feststand, daß ich ihm gefalle, konnte unmöglich begreifen, wie es ein Mann nicht gerne sehen möchte, daß die ihm gefallende Frau in einem möglichst günstigen Lichte erscheine. Ich aber kam bald dahinter, was er eigentlich wollte. Er wollte glauben, daß ich nicht kokett sei. Als ich das eingesehen hatte, blieb in mir keine Spur von Koketterie in der Kleidung, in der Frisur und in den Bewegungen; an ihre Stelle trat die allzu naive Koketterie der Einfachheit, während ich noch gar nicht so einfach sein konnte. Ich wußte, daß er mich liebte; ob aber wie ein Kind oder wie ein Weib, fragte ich mich noch nicht; seine Liebe war mir teuer, und da ich fühlte, daß er mich für das beste Mädchen in der Welt hielt, konnte ich nichts anderes wünschen, als daß diese Täuschung bestehen bleibe. Und ich täuschte ihn unwillkürlich. Aber indem ich ihn täuschte, wurde ich selbst besser. Ich fühlte, daß es besser und würdiger für mich sei, ihm die schönsten Seiten meiner Seele zu zeigen, als die meines Körpers. Meine Haare, Hände, Gesichtszüge, Gewohnheiten hatte er, wie mir schien, gleich auf den ersten Blick, wie sie auch sein mochten, ob gut oder schlecht, richtig eingeschätzt und kannte sie so gut, daß ich meinem Äußern nichts mehr hinzufügen konnte, außer der Sucht, ihn zu täuschen. Meine Seele kannte er aber nicht, weil er sie liebte, weil sie sich gerade in dieser Zeit entwickelte und wuchs, und darin konnte ich ihn täuschen, was ich auch tat. Wie leicht fühlte ich mich in seiner Gegenwart, als ich das begriffen hatte! Alle die grundlosen Hemmungen, alle Befangenheit war vollständig verschwunden. Ich fühlte, daß er mich, ganz gleich, ob er mich von vorn oder von der Seite, sitzend oder stehend, mit hinauf- oder hinuntergekämmtem Haar sah, durch und durch kannte, und es schien mir, daß er mit mir zufrieden sei, so wie ich war. Ich glaube, daß, wenn er mir gegen seine Gewohnheit plötzlich wie einer der anderen gesagt hätte, daß ich ein schönes Gesicht habe, ich darüber gar nicht froh gewesen wäre. Wie wohl, wie leicht wurde es mir dagegen ums Herz, wenn er mich nach irgendeinem Wort, das ich gerade gesagt hatte, aufmerksam ansah und mit bewegter Stimme, der er einen scherzhaften Ton zu geben versuchte, sagte:

»Ja, ja, in Ihnen steckt etwas. Sie sind ein gutes Mädchen, und ich muß es Ihnen sagen.«

Wofür empfing ich aber damals diesen Lohn, der mein Herz mit Stolz und Freude erfüllte? Nur weil ich sagte, daß ich die Liebe des alten Grigorij zu seiner Enkelin teile, oder weil mich ein Gedicht oder ein Roman, den ich gelesen, zu Tränen rührte, oder weil ich Mozart dem Schulhof vorzog. Und ich wunderte mich selbst über den ungewöhnlichen Spürsinn, mit dem ich immer erriet, was gut sei und was man lieben müsse, obwohl ich damals noch gar nicht wußte, was gut ist und was man lieben muß. Die Mehrzahl meiner früheren Gewohnheiten und Neigungen gefiel ihm nicht, und er brauchte nur mit einer Bewegung seiner Brauen oder mit einem Blick anzudeuten, daß ihm das, was ich eben sagen wollte, mißfalle, oder nur die eigentümliche, mitleidige, fast verächtliche Miene zu machen, damit es mir gleich vorkäme, daß ich das, was mir erst eben gefiel, nicht mehr liebe. Zuweilen hatte er erst die Absicht, mir irgendeinen Rat zu geben, aber ich glaubte schon zu wissen, was er mir sagen wollte. Er fragte mich mit einem stummen Blick, mir gerade in die Augen sehend, und sein Blick entlockte mir sofort jeden Gedanken, den er nur wollte. Alle meine damaligen Gedanken, alle meine damaligen Gefühle waren gar nicht mein; es waren nur seine Gedanken und Gefühle, die plötzlich mein wurden, in mein Leben übergingen und es erleuchteten. Ganz unmerklich fing ich an, alles: Katja, unsere Dienstboten, Ssonja, mich selbst und auch meine Beschäftigungen mit anderen Augen anzusehen. Die Bücher, die ich früher zu lesen pflegte, nur um die Langeweile zu vertreiben, waren für mich plötzlich zu einer der schönsten Lebensfreuden geworden, und das nur aus dem Grunde, weil wir beide über Bücher sprachen, sie zusammen lasen und er mir welche brachte. Die Beschäftigung mit Ssonja, die Stunden, die ich ihr erteilte, waren für mich früher eine schwere Last gewesen, die ich nur aus Pflichtgefühl auf mich nahm; als er aber einmal einer Stunde beiwohnte, wurde es mir eine große Freude, die Fortschritte Ssonjas zu verfolgen. Es erschien mir früher unmöglich, ein ganzes Musikstück einzuüben; aber jetzt, wo ich wußte, daß er mir zuhören und mich vielleicht auch loben würde, spielte ich oft vierzigmal hintereinander die gleiche Stelle, so daß die arme Katja sich Watte in die Ohren stopfte, während es mich nicht im geringsten langweilte. Die gleichen alten Sonaten klangen jetzt ganz anders und gerieten mir auch anders und viel besser. Selbst Katja, die ich so gut wie mich selbst kannte und liebte, war in meinen Augen wie verändert. Jetzt erst begriff ich, daß sie gar nicht verpflichtet war, uns eine Mutter, eine Freundin und eine Sklavin, die sie uns in Wirklichkeit war, zu sein. Ich begriff die ganze Selbstaufopferung und Hingebung dieses liebevollen Wesens, begriff alles, was ich ihr schuldete, und liebte sie noch mehr als früher. Er lehrte mich auch alle unsere Leute – die Bauern, das leibeigene Hausgesinde und die Dienstmädchen – mit ganz anderen Augen ansehen. Es klingt unglaublich, aber diese Menschen, unter denen ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahre gelebt hatte, waren mir viel fremder, als solche, die ich nie gesehen hatte; es war mir kein einziges Mal in den Sinn gekommen, daß diese Menschen ebenso liebten, wünschten und litten wie ich. Unser Garten, unsere Wälder, unsere Felder, die ich so lange schon kannte, waren für mich plötzlich neu und schön. Nicht umsonst pflegte er zu sagen, daß es im Leben nur ein einziges, zweifelloses Glück gäbe: für einen andern zu leben. Mir kam es zuerst seltsam vor, und ich begriff es nicht; aber diese Überzeugung drang mir, ohne daß ich mir viel überlegte, ins Herz. Er eröffnete mir eine ganze Welt von Freuden in der Gegenwart, ohne etwas in meinem Leben zu ändern und meinen Eindrücken etwas hinzuzufügen außer sich selbst. Alles, was mich von meiner Kindheit an stumm umgab, war plötzlich lebendig geworden. Er brauchte nur zu mir zu kommen, und alles fing sofort zu sprechen an und bestürmte meine Seele, sie mit Glück erfüllend.

Oft ging ich in jenem Sommer in mein Zimmer hinauf, legte mich aufs Bett und, statt der Frühlingssehnsucht mit ihren Wünschen und Hoffnungen auf die Zukunft, umfing mich die Unruhe eines gegenwärtigen Glücks. Ich konnte nicht einschlafen, ich stand auf, setzte mich zu Katja aufs Bett und sagte ihr, daß ich vollkommen zufrieden sei, was ich, wie ich jetzt weiß, ihr gar nicht zu sagen brauchte: sie konnte es mir ansehen. Aber sie sagte mir, daß auch sie sich nichts mehr wünsche, daß auch sie glücklich sei, und sie küßte mich. Ich glaubte es ihr, es erschien mir so notwendig und gerecht, daß alle glücklich seien. Katja wollte schlafen; sie stellte sich böse, jagte mich von ihrem Bette fort und schlief ein; ich aber nahm noch lange alles durch, was mich so glücklich machte. Manchmal stand ich auf und betete, betete mit eigenen Worten, um Gott für all das Glück zu danken, das Er mir gab.

Im Zimmer war es still; Katja atmete regelmäßig im Schlafe, neben ihr tickte die Uhr, ich aber wälzte mich hin und her und flüsterte irgendwelche Worte oder bekreuzigte mich und küßte das Kreuz, das ich am Halse trug. Die Türe war geschlossen, die Fensterläden waren zu, und irgendeine Fliege oder Mücke summte immer an der gleichen Stelle. Und mir war es, als wollte ich dieses Zimmer niemals verlassen, als wollte ich nicht, daß der Morgen komme, daß die mich umgebende seelische Atmosphäre sich verflüchtige. Mir schien, daß meine Gedanken, Gebete und Empfindungen lebende Wesen seien, die hier im Dunkeln neben mir wohnten, mein Bett umschwebten und über mir stünden. Und jeder Gedanke war sein Gedanke, und jedes Gefühl – sein Gefühl. Ich wußte damals noch nicht, daß es die Liebe ist, ich glaubte, daß es immer so sein könne, daß dieses Gefühl uns ganz einfach und ohne Grund gegeben werde.