III
Während der Getreideernte gingen wir, Katja, Ssonja und ich eines Nachmittags in den Garten zu unserer Lieblingsbank im Schatten der Linden über der Schlucht mit der Aussicht auf die Wälder und Felder. Ssergej Michailytsch hatte uns schon seit drei Tagen nicht besucht, und wir erwarteten ihn an diesem Tage, um so mehr als unser Verwalter gesagt hatte, er hätte versprochen, aufs Feld herauszukommen. Gegen zwei Uhr sahen wir ihn, wie er aufs Kornfeld geritten kam. Katja ließ Pfirsiche und Kirschen bringen, die er gerne aß, blickte mich lächelnd an, legte sich auf die Bank und schlummerte ein. Ich brach mir einen krummen und flachen Lindenzweig mit saftigen Blättern und saftigem Bast, der mir die Hand befeuchtete, fächelte damit Katja und fuhr in meiner Lektüre fort, blickte aber immer vom Buche auf und spähte nach dem Feldweg hin, auf dem er kommen mußte. Ssonja baute an den Wurzeln der alten Linde eine Laube für ihre Puppen. Der Tag war heiß und windstill, es war schwül, die Wolken ballten sich zusammen und wurden immer schwärzer, ein Gewitter war schon seit dem frühen Morgen im Anzug. Ich war erregt wie immer vor einem Gewitter. Aber nach der Mittagsstunde hatten die Wolken angefangen, sich zu zerstreuen, und die Sonne war in einen wolkenlosen Teil des Himmels getreten; nur an einem Ende des Himmels grollte es noch, und die schwere Wolke, die tief über dem Horizonte stand und mit dem Staube der Felder zusammenfloß, wurde ab und zu bis zur Erde vom bleichen Zickzack des Blitzes zerrissen. Es war klar, daß das Gewitter an diesem Tage nicht zur Entladung kommen würde, wenigstens bei uns nicht. Auf dem hier und da hinter dem Garten sichtbaren Wege zogen sich ununterbrochen Fuhrwerke hin: bald die langsamen, knarrenden, hoch mit Garben beladenen Wagen, bald die ihnen schnell entgegenfahrenden leeren; die Beine der auf ihnen stehenden Bauern zitterten, und ihre Hemden flatterten. Die dichten Staubwolken stiegen weder in die Höhe, noch sanken sie auf die Erde nieder, sondern blieben hinter der Hecke zwischen dem durchsichtigen Laube der Bäume des Gartens hängen. Etwas weiter, auf der Tenne, ließen sich die gleichen Stimmen und das gleiche Knarren der Räder vernehmen, und dieselben gelben Garben, die langsam längs des Zaunes vorübergefahren waren, flogen dort durch die Luft und häuften sich vor meinen Augen zu ovalen oben spitz zulaufenden Zelten, auf denen die Bauern sich wie die Ameisen regten. Vorne, auf dem staubigen Felde bewegten sich ebenfalls Wagen, waren ebenfalls gelbe Garben zu sehen, und das gleiche Knarren der Wagen, Schreien und Singen hallten von fern. An einem Ende wurde das Feld immer nackter und nackter, und die Streifen der mit Beifuß bewachsenen Raine traten darauf hervor. Unten rechts hoben sich vom abgemähten Felde, auf dem das Korn noch unordentlich herumlag, die bunten Kleider der Frauen ab, die die Garben banden, sich bückten und mit den Armen fuchtelten, und das unordentliche Feld säuberte sich allmählich, und die Garben erschienen in hübschen, engen Reihen. Es war, als verwandelte sich vor meinen Augen der Sommer in den Herbst. Überall herrschten Staub und Glut; nur unser Lieblingsplätzchen im Garten blieb davon verschont. An allen Seiten redete, lärmte und bewegte sich in diesem Staube, unter dieser sengenden Sonne das Arbeitervolk.
Katja schlief aber so süß mit dem Batisttaschentuch auf dem Gesicht auf unserer kühlen Bank, die schwarzen Kirschen glänzten so saftig auf dem Teller, unsere Kleider waren so frisch und rein, das Wasser im Kruge spielte und schillerte so hell in der Sonne, und es war mir so wohl ums Herz. – Was soll ich machen? – dachte ich. – Ist es meine Schuld, daß ich glücklich bin? Aber wie kann ich dieses Glück den anderen mitteilen? Wie und wem soll ich mich und mein ganzes Glück hingeben? –
Die Sonne sank hinter die Wipfel der Birkenallee; der Staub auf den Feldern legte sich; die Ferne wurde beim schräg fallenden Lichte immer deutlicher und klarer; die Wolken hatten sich vollständig verzogen; auf der Tenne ragten drei neue Getreideschober über die Bäume hinauf, und die Bauern waren von ihnen herabgestiegen; die Wagen fuhren, wohl zum letztenmal, unter lautem Geschrei der Arbeiter vorbei; die Weiber gingen mit den Rechen auf den Schultern und den Garbenbändern im Gürtel laut singend nach Hause, aber Ssergej Michailytsch wollte noch immer nicht kommen, obwohl ich schon längst gesehen hatte, wie er von der Anhöhe hinuntergeritten war. Plötzlich tauchte in der Allee, an der Seite, wo ich ihn gar nicht erwartete, seine Gestalt auf (er war um die Schlucht herumgegangen). Mit freudigem, strahlendem Gesicht, den Hut in der Hand, näherte er sich mir mit schnellen Schritten. Als er sah, daß Katja schlief, biß er sich in die Lippen, kniff die Augen zusammen und kam auf den Fußspitzen näher; ich merkte sofort, daß er sich in der eigentümlichen Stimmung einer grundlosen Freude befand, die ich an ihm so furchtbar liebte und die wir »wildes Entzücken« nannten. Er war wie ein Schuljunge, der aus der Schule entlaufen ist; sein ganzes Wesen, vom Gesicht bis zu den Füßen atmete Zufriedenheit, Glück und kindliche Ausgelassenheit.
»Nun, guten Tag, junges Veilchen, wie geht es Ihnen? Gut?« flüsterte er, auf mich zugehend und mir die Hand drückend. »Mir geht es ausgezeichnet,« antwortete er auf meine Frage nach seinem Befinden, »ich bin heute dreizehn Jahre alt und habe Lust, Pferdchen zu spielen und auf die Bäume zu klettern.«
»In wildem Entzücken?« fragte ich, ihm in die lachenden Augen blickend und fühlend, daß dieses »wilde Entzücken« sich auch mir mitgeteilt hatte.
»Ja,« antwortete er, mir mit einem Auge zublinzelnd und ein Lächeln unterdrückend. »Warum schlagen Sie aber Katerina Karlowna auf die Nase?«
Ich hatte gar nicht bemerkt, daß ich, ihn immerfort ansehend, mit dem Zweige das Taschentuch von Katja heruntergeworfen hatte und ihr mit den Blättern über das Gesicht fuhr. Ich mußte lachen.
»Sie wird aber behaupten, sie hätte gar nicht geschlafen,« sagte ich im Flüstertone, als fürchtete ich Katja zu wecken; aber ich tat es gar nicht aus diesem Grunde: es war mir einfach angenehm, mit ihm so zu sprechen.
Er bewegte, mir nachäffend, die Lippen, als hätte ich so leise gesprochen, daß er nichts hören konnte. Als er den Teller mit den Kirschen sah, ergriff er ihn mit einer Miene, als täte er es heimlich, ging zu Ssonja unter die Linde und setzte sich auf ihre Puppen. Ssonja wurde anfangs böse, aber er besänftigte sie bald damit, daß er ein Spiel ersann, bei dem sie beide die Kirschen um die Wette essen mußten.