»Wollen Sie Kirschen?« hörte ich seine Stimme von drüben. »Geben Sie mir den Teller.«

»Nein, ich will auch selbst pflücken, ich will den Schlüssel holen,« sagte ich. »Ssonja wird ihn nicht finden …«

Zugleich empfand ich den Wunsch, zu sehen, was er dort wohl tue und wie er sich bewege, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Eigentlich wollte ich ihn einfach für keinen Augenblick aus den Augen lassen. Ich lief auf den Zehen durch die Brennesseln an die andere Seite des Gewächshauses, wo die Umzäunung niedriger war, stieg auf ein leeres Faß, so daß die Mauer mir bis an die Brust reichte, und lehnte mich hinüber. Ich warf einen Blick in das Innere des Gewächshauses mit den alten, krummen Bäumen und den breiten, zackigen Blättern, unter denen die schwarzen, saftigen Kirschen schwer und senkrecht niederhingen; ich steckte den Kopf unter das Netz und erblickte unter dem Aste eines alten Kirschbaumes Ssergej Michailytsch. Er glaubte wohl, ich sei fortgegangen und niemand beobachte ihn. Er saß ohne Hut, die Augen geschlossen, auf dem morschen Stamme eines alten Kirschbaumes und rollte mit den Fingern ein Stück Kirschharz zu einem Kügelchen zusammen. Plötzlich zuckte er die Achseln, schlug die Augen auf, sagte etwas und lächelte. Dieses Wort und dieses Lächeln nahmen sich bei ihm so ungewohnt aus, daß ich mich schämte, ihn belauscht zu haben. Es schien mir, als wäre dieses Wort – »Mascha!« gewesen. – Es kann nicht sein, – dachte ich mir. »Liebe Mascha!« wiederholte er noch leiser und noch zärtlicher. Diese beiden Worte hörte ich aber schon ganz deutlich. Mein Herz schlug so heftig, eine so aufregende, gleichsam verbotene Freude hatte mich plötzlich ergriffen, daß ich mich an die Mauer klammerte, um nicht umzufallen und mich nicht zu verraten. Er hörte meine Bewegung, sah sich erschrocken um, schlug plötzlich die Augen nieder und errötete wie ein Kind. Er wollte mir etwas sagen, konnte es aber nicht, und immer neue Blutwellen röteten sein Gesicht. Aber er lächelte, als er mich ansah. Auch ich lächelte. Sein ganzes Gesicht erstrahlte vor Freude. Er war nicht mehr der alte Onkel, der mich liebkoste und belehrte, er war ein Mann, der mir gleichstand, der mich liebte und fürchtete und den auch ich fürchtete und liebte. Wir sagten nichts und sahen bloß einander an. Plötzlich runzelte er aber die Stirn, das Lächeln und der Glanz seiner Augen waren verschwunden, und er wandte sich wieder kühl und väterlich an mich, als hätten wir etwas Schlimmes getan, als wäre er zur Besinnung gekommen und rate auch mir, zur Besinnung zu kommen.

»Steigen Sie herab, Sie können sich weh tun,« sagte er mir. »Bringen Sie Ihr Haar in Ordnung, wie sehen Sie aus!«

– Warum verstellt er sich so? Warum will er mir weh tun! – fragte ich mich ärgerlich. Im gleichen Augenblick kam mir das unwiderstehliche Verlangen, ihn noch einmal in Verlegenheit zu bringen und meine Gewalt über ihn zu erproben.

»Nein, ich will selbst pflücken!« sagte ich. Ich ergriff mit den Händen den nächsten Ast und sprang mit den Füßen auf die Mauer. Er hatte nicht Zeit, mich zu stützen, denn ich sprang mit einem Satz in das Gewächshaus hinunter.

»Was machen Sie für Dummheiten!« sagte er, wieder errötend und seine Verwirrung hinter der ärgerlichen Miene verbergend. »Sie haben sich doch weh tun können. Wie wollen Sie von hier heraus?«

Er war in noch größerer Verwirrung als früher, aber dies freute mich nicht mehr, sondern machte mir Angst. Diese Angst konnte ich nicht verbergen, ich errötete, wich seinen Blicken aus und fing an, da ich nicht wußte, was zu sagen, die Kirschen zu pflücken, die ich aber nirgends hintun konnte. Ich machte mir Vorwürfe, ich bereute alles, ich fürchtete, und es war mir, als hätte ich mich durch diesen Streich für immer in seinen Augen blamiert. Ssonja, die mit dem Schlüssel gelaufen kam, befreite uns aus dieser peinlichen Situation. Lange Zeit sprachen wir nicht mehr miteinander und wandten uns nur an Ssonja. Als wir zu Katja zurückkehrten, welche beteuerte, sie habe gar nicht geschlafen und alles gehört, wurde ich wieder ruhig, während er versuchte, wieder den herablassenden väterlichen Ton anzuschlagen; aber dieser Ton wollte ihm nicht mehr gelingen, und er vermochte mich mit ihm nicht mehr zu täuschen. Ich erinnerte mich lebhaft des Gesprächs, das wir vor einigen Tagen geführt hatten.

Katja hatte gesagt, daß der Mann es leichter habe, zu lieben und seine Liebe zu äußern als die Frau.