In den beiden letzten Wochen sahen wir uns jeden Tag. Er aß bei uns zu Mittag und blieb dann bis Mitternacht. Aber obwohl er sagte – und ich wußte, daß er die Wahrheit sprach, – daß er ohne mich gar nicht lebe, verbrachte er doch nie einen ganzen Tag mit mir und bemühte sich seinen Geschäften nachzugehen. Unsere äußeren Beziehungen blieben bis zur Hochzeit die alten: wir fuhren fort, uns mit »Sie« anzureden, er küßte mir nicht mal die Hand und suchte nicht nur keine Gelegenheit, mit mir allein zu sein, sondern schien auch solche Gelegenheiten zu meiden. Als fürchtete er, sich der allzu großen, gefährlichen Zärtlichkeit hinzugeben, die in ihm war. Ich weiß nicht, wer sich von uns beiden verändert hatte, er oder ich, aber jetzt fühlte ich mich ihm vollkommen gleich, nahm an ihm nicht mehr jene geheuchelte Einfachheit wahr, die mir früher so mißfiel, und sah vor mir oft mit Freude, statt des Respekt und Furcht einflößenden Mannes, ein sanftes und vor Glück fassungsloses Kind. – Das ist also alles, was an ihm war! – sagte ich mir oft: – Er ist genau so ein Mensch wie ich und nicht mehr. – Jetzt schien mir, daß ich ihn ganz durchschaut und erkannt hätte. Und alles, was ich erkannt hatte, war so einfach und stimmte so ganz mit meinem Wesen überein. Selbst seine Pläne über unser künftiges Leben waren auch die meinigen, die er nur klarer und besser in Worte zu kleiden verstand.

Das Wetter war während dieser Wochen schlecht, und wir verbrachten die meiste Zeit im Hause. Die schönsten und herzlichsten Gespräche führten wir in der Ecke zwischen dem Klavier und dem Fenster. Auf dem dunklen Fenster spiegelte sich ganz nahe das Licht der Kerzen, die Regentropfen schlugen gegen die glänzenden Scheiben und flossen an ihnen herab. Gegen das Dach prasselte es, in der Pfütze unter der Traufe klatschte das Wasser, und durch das Fenster zog Feuchtigkeit herein.

»Wissen Sie, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen,« begann er einmal, als wir sehr spät in unserem Winkel aufgeblieben waren. »Solange Sie spielten, mußte ich fortwährend daran denken.«

»Sagen Sie nichts, ich weiß alles,« erwiderte ich.

»Ja, wirklich, sprechen wir nicht davon.«

»Nein, sagen Sie es mir doch, was ist es?« fragte ich.

»Also hören Sie. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen die Geschichte von A. und B. erzählte?«

»Wie sollte ich mich dieser dummen Geschichte nicht erinnern? Es ist gut, daß sie so ausgegangen ist …«

»Ja, es hat nur ein Weniges gefehlt, und ich hätte selbst mein eigenes Glück vernichtet. Sie haben mich errettet. Die Hauptsache aber ist, daß ich damals log; ich schäme mich jetzt und will Ihnen die Geschichte zu Ende erzählen.«

»Ach, bitte nicht.«