»Doch nur für mich, der ich meine Jugend hinter mir habe, aber nicht für Sie,« fuhr er fort. »Sie haben noch nicht gelebt, Sie werden das Glück vielleicht in anderen Dingen suchen wollen und es vielleicht auch in anderen Dingen finden. Vielleicht kommt Ihnen das jetzt nur darum als ein Glück vor, weil Sie mich lieben.«
»Nein, ich habe immer nur dieses stille Familienleben gewünscht und geliebt,« erwiderte ich. »Und Sie sagen nur das, was ich mir schon gedacht habe.«
Er lächelte.
»Es kommt Ihnen nur so vor, liebe Freundin. Aber das ist zu wenig für Sie. Sie haben die Schönheit und die Jugend,« sagte er wieder.
Aber ich wurde böse, daß er mir nicht glauben wollte und mir meine Schönheit und Jugend gleichsam zum Vorwurf machte.
»Warum lieben Sie mich dann?« fragte ich böse. »Um meiner Jugend oder um meiner selbst willen?«
»Ich weiß es nicht, aber ich liebe Sie,« antwortete er und sah mich mit einem durchdringenden und anziehenden Blicke an.
Ich antwortete nicht und blickte ihm unwillkürlich in die Augen. Plötzlich geschah mit mir etwas Seltsames: zuerst hörte ich auf, das, was mich umgab, zu sehen, dann verschwand auch sein Gesicht vor mir, und nur seine Augen schienen ganz dicht vor meinen Augen zu glänzen; dann war es mir, als ob seine Augen in mir wären; alles trübte sich, ich sah nichts mehr und mußte meine Augen schließen, um mich von diesem Gefühl von Wonne und Grauen zu befreien, das in mir dieser Blick weckte …
Am Vorabend unseres Hochzeitstages wurde das Wetter besser. Nach den verregneten Sommertagen kam der erste kalte und heitere Herbstabend. Alles war feucht, kalt und hell, und der Garten zeigte sich zum erstenmal herbstlich leer, bunt und nackt. Der Himmel war klar, kalt und bleich. Ich ging schlafen, glücklich, daß an meinem Hochzeitstage schönes Wetter sein würde. Ich erwachte mit der Sonne, und der Gedanke, daß es schon heute sei, erschreckte mich und setzte mich zugleich in Erstaunen. Ich trat in den Garten. Die Sonne war erst eben aufgegangen und leuchtete durch die halbentlaubten, gelb gewordenen Linden der Allee hindurch. Der Gartenweg war mit raschelndem Laub bedeckt. Die runzligen Beeren der Eberesche leuchteten rot auf den Zweigen neben den spärlichen, vom Froste getöteten Blättern; die Georginen waren zusammengeschrumpft und schwarz geworden. Der Reif lag zum erstenmal silbern auf dem bleichen Rasen und auf den abgebrochenen Pestwurzstauden vor dem Hause. Am heiteren kalten Himmel war kein Wölkchen zu sehen, ein solches wäre auch nicht möglich gewesen.