– Ist es wirklich heute? – fragte ich mich, meinem Glücke nicht trauend. – Werde ich denn wirklich morgen nicht hier, sondern im fremden, säulengeschmückten Hause von Nikolskoje erwachen? Werde ich ihn nicht mehr hier erwarten, werde ihm nicht mehr entgegengehen und abends und nachts nicht mehr mit Katja über ihn plaudern? Werde nicht mehr mit ihm in Pokrowskoje am Klavier sitzen? Ihn nicht mehr begleiten und mich um ihn in den finsteren Nächten nicht mehr ängstigen? – Aber ich erinnerte mich seiner Worte von gestern abend, er käme zum letztenmal, und daß Katja mich genötigt, das Hochzeitskleid anzuprobieren und dabei gesagt hatte: »Für morgen«; einen Augenblick lang glaubte ich es und fing dann wieder zu zweifeln an. – Werde ich denn von morgen ab dort mit der Schwiegermutter, ohne die Nadeschda, ohne den alten Grigorij, ohne Katja leben? Werde vor dem Schlafengehen meine alte Wärterin nicht mehr küssen, und sie wird mich nicht mehr nach alter Gewohnheit bekreuzigen und mir sagen: »Gute Nacht, Fräulein«? Werde Ssonja nicht mehr unterrichten und mit ihr nicht mehr spielen, des Morgens nicht mehr an die Wand ihres Zimmers klopfen und ihr helles Lachen hören? Werde ich denn heute für mich selbst fremd werden, wird sich vor mir ein neues Leben mit der Verwirklichung aller meiner Wünsche und Hoffnungen auftun? Kommt dieses neue Leben für immer? – Ich erwartete ihn mit Ungeduld, denn es war mir so schwer, allein alle diese Gedanken zu tragen. Er kam früh, und erst an seiner Seite glaubte ich wirklich daran, daß ich heute seine Frau werden sollte, und dieser Gedanke hatte für mich nichts Schreckliches mehr.
Vor dem Essen gingen wir in unsere Kirche, um eine Messe für meinen verstorbenen Vater zu hören.
– Wenn er doch jetzt am Leben wäre! – dachte ich, als wir nach Hause zurückkehrten und ich mich schweigend auf den Arm eines Mannes stützte, der der beste Freund dessen gewesen war, an den ich dachte. Als ich während des Gebets mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden der Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor mir, glaubte so fest daran, daß seine Seele mich verstehe und meine Wahl segne, daß es mir auch jetzt schien, seine Seele schwebe über uns, und daß ich seinen Segen auf mir ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und Trauer flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft, die Stille, die entblößten Felder und der bleiche Himmel, von dem leuchtende, doch ohnmächtige Strahlen herabfielen, die sich vergebens bemühten, mir die Wange zu versengen, so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er, mit dem ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam und schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu anblickte, drückte die gleiche feierliche Stimmung, die halb Trauer und halb Freude war, aus, von der die Natur und auch mein Herz erfüllt waren.
Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir etwas sagen wollte. – Wie, wenn er mir jetzt dasselbe sagt, was ich selbst denke? – kam es mir in den Sinn. Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn übrigens zu nennen.
»Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine Mascha!‹«
»Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen Arm, der den meinigen stützte, noch fester an mich.
»Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort, mir in die Augen blickend. »Ich küßte damals diese Augen und liebte sie, nur weil sie den seinigen glichen; aber ich dachte gar nicht daran, daß sie mir einst um ihrer selbst willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie damals ›Mascha‹.«
»Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich.
»Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte er. »Erst jetzt ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein ruhiger und glücklicher, anziehender Blick ruhte auf mir.
Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen Feldweg durch das niedergestampfte Stoppelfeld; wir hörten nichts als unsere eigenen Schritte und Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld hin, auf dem ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos einen immer breiter werdenden schwarzen Streifen aufwühlte. Die Pferdeherde unten am Hügel schien ganz nahe. An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und bis zu unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute, lag schwarz und streifenweise auch schon grün der mit der Wintersaat bestellte Acker. Auf alles leuchtete die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen lagen lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luft um uns herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder und fielen uns auf die Augen, Haare und Kleider. Wenn wir sprachen, so klangen unsere Stimmen so, als blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen, als wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter diesem blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd die gar nicht heiße Sonne spielte.