Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte mich noch.

»Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe im Flüstertone, und mußte dabei erröten.

Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch liebevoller, noch freudiger und glücklicher an.

Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine Mutter und die Gäste versammelt, die wir schließlich doch hatten einladen müssen, und so blieb ich bis zu dem Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns in den Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr allein.

Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen Blick nur seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich neben dem Chor aufrecht stand, Katja in einer Haube mit lila Bändern und mit Tränen an den Wangen, und zwei oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig musterten. Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in meiner Seele weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte nicht beten und blickte stumpf auf die Heiligenbilder, auf die Kerzen, auf das Kreuz des Ornates auf dem Rücken des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf das Fenster der Kirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur, daß mit mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte, daß er mich einst getauft und es nun dank Gottes Gnade erlebt habe, mich auch zu trauen, als Katja und seine Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme erklang, der nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner Seele nichts Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem heiligen Sakrament, das an mir soeben vollzogen worden war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser Kuß war so seltsam und unserem Gefühle fremd. – Ist das alles?! – dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel der Räder hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein frischer Lufthauch wehte mir ins Gesicht, er setzte seinen Hut auf und half mir in den Wagen. Durch das Wagenfenster sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen Mond. Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag. Etwas stach mich ins Herz. Die Selbstverständlichkeit, mit der er es machte, kam mir irgendwie verletzend vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann über die weiche Landstraße, und wir fuhren davon. Ich drückte mich in die Ecke und blickte auf die fernen, hellen Fluren und auf den Weg hinaus, der im kalten Mondlichte dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte ich doch seine Nähe. – Ist das alles, was mir dieser Augenblick gab, von dem ich so viel erwartet hatte? – dachte ich, und es kam mir noch immer demütigend und beleidigend vor, so nahe neben ihm zu sitzen. Ich wandte mich zu ihm um, mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein Wort wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein Gefühl von Kränkung und Angst an seine Stelle getreten.

»Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht geglaubt, daß es möglich sei,« antwortete er leise auf meinen Blick.

»Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht, warum,« sagte ich.

»Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er. Dann nahm er meine Hand und beugte über sie sein Gesicht.

Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein Herz tat mir vor Kälte weh.

»Ja,« flüsterte ich.