Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn zurück.
»Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die Gebete.« Er kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkisch sinken und begann mit ernstem Gesicht und stockend zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir um und suchte in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe.
Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn.
»Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, als ob ich wieder ein Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend und mir die Hände küssend.
Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen mehrere aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und gegenseitiger Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom Dufte guter, ehrlicher Familienerinnerungen erfüllt, welche plötzlich, als ich dieses Haus betreten, auch zu meinen Erinnerungen geworden waren. Über die Ausstattung des Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß alles elegant und hübsch gewesen wäre; aber von allem, von den Dienstboten bis zu den Möbeln und Speisen war genug da, alles war reinlich, dauerhaft, ordentlich und flößte Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch die Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen hausgewebte Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer« befanden sich ein altes Klavier, zwei Chiffonnièren von verschiedener Form, Diwans und Tischchen mit Messingverzierungen und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer, auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna besondere Mühe verwandt hatte, standen die besten Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und von verschiedenen Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in den ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der mir aber später so lieb wurde wie ein alter Freund. Von Tatjana Ssemjonowna war nichts zu hören, aber alles im Hause ging so regelmäßig, wie eine aufgezogene Uhr. Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber alle diese Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern der Absätze für das Unangenehmste auf der Welt), – alle diese Leute waren stolz auf ihre Stellung, zitterten vor der alten Herrin, sahen auf mich und meinen Mann mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend wurden sämtliche Fußböden gescheuert und sämtliche Teppiche geklopft; an jedem Ersten wurden Gottesdienste mit Wasserweihe abgehalten, und an jedem Namenstage Tatjana Ssemjonownas oder ihres Sohnes (auch an meinem – zum erstenmal in diesem Herbst) gab es ein Festmahl für die ganze Nachbarschaft. Dies alles geschah unverändert seit ältester Zeit, soweit Tatjana Ssemjonowna sich ihrer selbst erinnerte. Mein Mann mischte sich in den Haushalt nicht ein und beschäftigte sich nur mit der Gutswirtschaft und den Bauern und das mit großem Eifer. Er stand selbst im Winter so früh auf, daß ich ihn beim Aufwachen nicht mehr sah. Er kam gewöhnlich zum Frühstückstee zurück, den wir allein tranken, und befand sich um diese Stunde, nach allen Mühen und Unannehmlichkeiten, die ihm die Wirtschaft bereitet hatte, in der besonders lustigen Stimmung, die wir »wildes Entzücken« nannten. Oft verlangte ich von ihm einen Bericht über alles, was er am Morgen getrieben hatte, und er erzählte mir dann solchen Unsinn, daß wir uns beide vor Lachen kugelten; manchmal bestand ich darauf, daß er mir alles ernsthaft berichte, und er berichtete es mir, sein Lächeln unterdrückend. Ich blickte ihm in die Augen, sah seine Lippen sich bewegen, verstand nichts und freute mich nur darüber, daß ich ihn sah und seine Stimme hörte.
»Nun, was habe ich eben gesagt? Wiederhole es!« verlangte er von mir. Aber ich konnte nichts wiederholen. Es kam mir so komisch vor, daß er mir nicht von sich selbst und nicht von mir erzählte, sondern von irgendwelchen anderen Dingen. Als wäre es nicht ganz gleich, was es dort alles gab! Erst viel später fing ich an, seine Sorgen einigermaßen zu verstehen und mich für sie zu interessieren. Tatjana Ssemjonowna zeigte sich am Vormittag nicht, trank ihren Tee allein und ließ uns nur durch Abgesandte begrüßen. So seltsam klang in unserer eigenen, wahnsinnig glücklichen kleinen Welt die Stimme aus jenem anderen ordentlichen und vernünftigen Reich, daß ich mich oft nicht beherrschen konnte und nur laut lachte, wenn ihre Zofe, die Hände auf der Brust gefaltet, mir mit monotoner Stimme meldete, »Tatjana Ssemjonowna habe ihr befohlen, zu fragen, wie wir nach dem gestrigen Spaziergange geruht hätten; von sich selbst lasse sie aber berichten, daß ihr die ganze Nacht eine Seite wehgetan hätte, und daß ein dummer Hund im Dorfe gebellt und sie nicht schlafen lassen habe. Ferner lasse die gnädige Frau fragen, wie uns das heutige Gebäck gemundet habe, und dazu bemerken, daß heute nicht Taras, sondern zum ersten Male probeweise Nikolascha gebacken habe; alles, besonders die kleinen Brezeln seien ganz gut geraten, die Zwiebacke hätte er aber angebrannt.« Bis zum Mittagessen blieben wir wenig zusammen. Ich spielte Klavier oder las allein, er schrieb und ging noch einmal aus; aber zum Mittagessen, das wir um vier Uhr einnahmen, trafen wir uns im Wohnzimmer; die Mama tauchte aus ihrem Zimmer auf, und es erschienen irgendwelche arme, adlige Damen oder Wallfahrerinnen, von denen immer zwei bis drei im Hause wohnten. Mein Mann reichte regelmäßig nach alter Gewohnheit seiner Mutter den Arm, sie verlangte aber, daß er den anderen Arm mir reiche, und so gab es in der Türe regelmäßig Schwierigkeiten. Den Vorsitz beim Mittagessen führte die Mama, und das Gespräch bei Tische hatte immer einen ernsten und vernünftigen, etwas feierlichen Ton. Die einfachen Worte, die ich mit meinem Manne wechselte, störten auf eine angenehme Weise die Feierlichkeit dieser Sitzungen. Zwischen Mutter und Sohn kam es zuweilen zu Streitigkeiten und Sticheleien; ich mochte diese Streitigkeiten und Sticheleien besonders gern, weil bei diesen Gelegenheiten die zärtliche und dauerhafte Liebe, die uns verband, am stärksten zum Ausdruck kam. Nach dem Essen setzte sich Mama in den großen Sessel im Wohnzimmer und rieb Tabak oder schnitt die neuangekommenen Bücher auf, während wir etwas vorlasen oder ins Diwanzimmer zum Klavier gingen. Wir lasen in dieser Zeit sehr viel, aber die Musik war unser liebster und schönster Zeitvertreib, da sie jedesmal neue Saiten in unseren Herzen zum Tönen brachte und uns einander in einem neuen Lichte zeigte. Wenn ich seine Lieblingsstücke spielte, setzte er sich auf ein fernes Sofa, wo ich ihn fast nicht sehen konnte und bemühte sich aus Schamhaftigkeit den Eindruck zu verbergen, den die Musik auf ihn machte; aber oft, wenn er es gar nicht erwartete, stand ich vom Klavier auf und ging auf ihn zu, um in seinem Gesicht noch die Spuren der Erregung und den unnatürlich feuchten Glanz der Augen vorzufinden, die er vergebens vor mir zu verbergen suchte. Mama hatte oft Lust, nach uns zu sehen, wenn wir im Diwanzimmer waren; sie fürchtete wohl, uns zu stören, und ging zuweilen, ohne uns anzublicken, mit einem geheuchelt ernsten und gleichgültigen Ausdruck durchs Zimmer. Aber ich wußte, daß sie gar keinen Grund hatte, auf ihr Zimmer zu gehen und so schnell zurückzukehren. Den Abendtee, den ich einschenken mußte, tranken wir im großen Wohnzimmer, und alle Hausgenossen versammelten sich wieder bei Tisch. Diese feierlichen Sitzungen um den Samowar herum und das Verteilen der Gläser und Tassen brachten mich lange Zeit in Verlegenheit. Es kam mir immer vor, als sei ich der Ehre nicht würdig und viel zu jung und zu leichtsinnig, um den Hahn des so großen Samowars umzudrehen, um Glas für Glas auf Nikitas Tablett zu setzen und dabei zu sagen: »Für Pjotr Iwanowitsch, für Marja Minitschna«, um zu fragen: »Ist es süß genug?« und um einige Stück Zucker für die Kinderfrau und die verdienten Dienstboten zurückzulegen. »Sehr gut, sehr gut,« sagte mir oft mein Mann, »ganz wie eine Erwachsene!« Und das brachte mich in noch größere Verlegenheit.
Nach dem Tee legte die Schwiegermama Patience oder ließ sich von Marja Minitschna die Karten schlagen; dann küßte und bekreuzigte sie uns beide, und wir zogen uns zurück. Meistens blieben wir aber noch bis nach Mitternacht auf, und das war unsere schönste und angenehmste Zeit. Er erzählte mir von seiner Vergangenheit, wir schmiedeten Pläne, philosophierten auch manchmal und bemühten uns immer, recht leise zu sprechen, damit man uns oben nicht höre und es nicht Tatjana Ssemjonowna melde, die von uns verlangte, daß wir zeitig zu Bett gingen. Manchmal bekamen wir Appetit, schlichen uns in die Speisekammer, verschafften uns durch Nikitas Protektion einen kalten Imbiß und verzehrten ihn beim Scheine einer einzigen Kerze in meinem Kabinett. So lebten wir beide wie fremde Leute in diesem großen, alten Hause, in dem alles vom strengen Geist der alten Zeiten und dem Tatjana Ssemjonownas beherrscht wurde. Nicht nur sie selbst, sondern auch die Dienstboten, die ältlichen Mädchen, die Möbel, die Bilder flößten mir Respekt, eine gewisse Scheu und das Bewußtsein ein, daß wir hier nicht ganz auf unserem Platze seien und uns sehr vorsichtig und aufmerksam zu benehmen hätten. Wenn ich mich jetzt jener Zeit erinnere, so sehe ich, daß vieles – diese lästige unabänderliche Hausordnung, diese Menge müßiger und neugieriger Menschen in unserem Hause – unbequem und schwer zu ertragen war; aber diese Einengung vergrößerte unsere Liebe. Nicht nur ich, sondern auch er verriet durch keine Miene, daß ihm etwas mißfiele. Im Gegenteil, er schien sich sogar selbst von allem fernzuhalten, was schlecht war. Mamas Kammerdiener, Dmitrij Ssidorow, ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, ging regelmäßig nach dem Essen, wenn wir uns im Diwanzimmer befanden, in das Kabinett meines Mannes, um sich Tabak aus dem Kasten zu holen; man muß es gesehen haben, mit welchem lustigen Schrecken Ssergej Michailytsch auf den Zehen zu mir kam und, mit dem Finger drohend und mir zublinzelnd, auf Dmitrij Ssidorow zeigte, der es gar nicht ahnte, daß man ihn beobachtete. Und wenn Dmitrij Ssidorow fortging, ohne uns bemerkt zu haben, sagte mir mein Mann vor Freude darüber, daß alles so gut abgelaufen war, wie auch bei jeder anderen Gelegenheit, ich sei ein entzückendes Geschöpf und gab mir einen Kuß. Diese Ruhe, diese Allverzeihung und scheinbare Gleichgültigkeit gegen alles mißfielen mir zuweilen; ich merkte nicht, daß in mir die gleichen Eigenschaften steckten und hielt sie für eine Schwäche. – Ganz wie ein Kind, das sich nicht getraut, seinen Willen zu zeigen, – dachte ich mir.
»Ach, liebe Freundin,« antwortete er mir, als ich ihm einmal sagte, daß ich über seine Schwäche staunen müsse, »kann denn ein Mensch über etwas unzufrieden sein, wenn er so glücklich ist, wie ich? Es ist doch viel leichter, nachzugeben, als sich die anderen gefügig zu machen; davon habe ich mich schon längst überzeugt, und es gibt keine Lebenslage, in der man nicht glücklich sein könnte. Wir haben es aber so gut! Ich kann nicht zürnen, es gibt für mich jetzt nichts Schlechtes, es gibt nur Bemitleidenswertes und Komisches. Vor allen Dingen aber: le mieux est l'ennemi du bien. Glaube mir, wenn ich die Schelle eines Wagens höre, wenn ich einen Brief erhalte oder auch nur einfach erwache, überkommt mich zuweilen ein Grauen. Es ist so schrecklich, daß man leben muß, daß sich etwas ändern kann; etwas Besseres als die Gegenwart kann es aber gar nicht geben.«
Ich glaubte ihm, verstand ihn aber nicht; ich fühlte mich wohl, aber ich glaubte, daß es gerade so und nicht anders sein müsse, und daß es auch allen anderen Menschen ebenso ginge; daß es aber irgendwo auch noch ein anderes, wenn auch nicht größeres, aber ein anderes Glück gäbe.