So vergingen zwei Monate, es kam der Winter mit seinen Frösten und Schneestürmen, und ich fing an, obwohl er mit mir war, mich einsam zu fühlen; zu fühlen, daß das Leben sich wiederhole, daß weder in mir noch in ihm etwas Neues sei, daß wir vielmehr wieder zum Alten zurückkehrten. Er widmete sich jetzt immer mehr seinen Geschäften ohne mich, und es kam mir wieder vor, als wäre in seiner Seele eine eigene Welt, in die er mich nicht einlassen wolle. Seine immer ruhige Stimmung reizte mich. Ich liebte ihn nicht weniger als früher und war auch über seine Liebe nicht weniger glücklich als früher; aber meine Liebe war in ihrem Wachstum stehengeblieben, und neben ihr keimte in meinem Herzen irgendein neues unruhiges Gefühl. Es genügte mir nicht, ihn zu lieben, nachdem ich das Glück genossen hatte, diese Liebe in mir aufblühen zu fühlen. Ich sehnte mich nach Bewegung und nicht nach einem ruhig dahinfließenden Leben. Ich sehnte mich nach Aufregungen, Gefahren und Aufopferung des Gefühls wegen. Es war in mir ein Überfluß an Kraft, die in unserem stillen Leben keine Anwendung fand. Mich überkamen Anfälle von Schwermut, die ich wie etwas Schlimmes vor ihm zu verbergen suchte, und Anfälle einer ungestümen Zärtlichkeit und Lustigkeit, die ihn erschreckten. Er merkte meinen Zustand früher als ich und machte mir den Vorschlag, in die Stadt zu ziehen; ich aber bat ihn, es nicht zu tun, unsere Lebensweise nicht zu ändern und unser Glück nicht zu stören. Ich war in der Tat glücklich, aber mich quälte es, daß dieses Glück mich gar keine Mühe, gar kein Opfer kostete, während mich der Überfluß an Tatkraft und Opferwilligkeit erdrückte. Ich liebte ihn und sah, daß ich für ihn alles war; aber ich wünschte mir, daß alle Menschen unsere Liebe sähen, daß man mich daran zu hindern suchte, ihn zu lieben, und daß ich ihn trotzdem liebte. Mein Geist und sogar meine Empfindung waren beschäftigt, aber es gab auch noch ein anderes Gefühl von Jugend, ein Verlangen nach Bewegung, das in unserem stillen Leben keine Befriedigung fand. Warum hatte er mir gesagt, daß wir in die Stadt ziehen könnten, sobald ich es nur wünschte? Hätte er es mir nicht gesagt, so hätte ich vielleicht verstanden, daß das Gefühl, das mich bedrückte, eine dumme und schädliche Einbildung und ein Fehler von mir war, daß das Opfer, nach dem ich lechzte, vor mir lag und in der Unterdrückung dieses Gefühls bestand. Der Gedanke, daß ich meiner Schwermut entgehen könnte, wenn ich nur in die Stadt zöge, kam mir unwillkürlich in den Sinn; zugleich wäre es aber für mich beschämend und schmerzlich, ihn von allem, was er liebte, loszureißen. Die Zeit ging aber dahin, der Schnee häufte sich immer höher an den Hausmauern auf, und wir waren immer allein und immer noch die gleichen zueinander; aber irgendwo draußen wogten in Glanz und Lärm Scharen von Menschen, die litten und sich freuten, ohne an uns und an unser dahinschwindendes Dasein zu denken. Das Unangenehmste war für mich, daß ich fühlte, wie die Gewohnheiten unser Leben mit jedem Tage zu einer bestimmten Form erstarren machten, wie unser Gefühl, statt frei zu werden, sich dem gleichmäßigen und leidenschaftslosen Gange der Zeit fügte. Des Morgens waren wir lustig, um die Mittagsstunde höflich und am Abend zärtlich. – Gut! … – sagte ich mir, – es ist gut, Gutes zu tun und ehrlich zu leben, wie er es nennt; aber dazu haben wir noch Zeit, und es gibt auch noch etwas anderes, wozu ich nur jetzt die Kraft habe. – Mir tat etwas anderes not, ich lechzte nach Kampf; ich wollte, daß das Gefühl unser Leben leite und nicht vom Leben geleitet werde. Ich wollte mit ihm an den Rand eines Abgrunds treten und sagen: – Ein Schritt, und ich stürze mich hinab, eine Bewegung, und ich bin verloren! – Er aber sollte am Rande des Abgrunds erbleichen, mich mit seinen kräftigen Armen emporheben, eine Weile über dem Abgrunde halten, so daß mir das Herz erkaltete, und mich dann forttragen, wohin er wollte.
Dieser Zustand beeinflußte sogar meine Gesundheit, und ich wurde nervös. Eines Morgens fühlte ich mich noch schlechter als gewöhnlich; er war aus dem Gutskontor in übler Laune zurückgekehrt, was bei ihm selten der Fall war. Ich merkte es sofort und fragte ihn, was er habe. Er wollte es mir aber nicht sagen und meinte, es sei nicht der Rede wert. Wie ich später erfuhr, hatte der Isprawnik einige von unseren Bauern zu sich berufen und von ihnen, um meinen Mann zu ärgern, unter Drohungen etwas Ungesetzliches verlangt. Mein Mann hatte es noch nicht so weit verdaut, daß es ihm bloß jämmerlich und lächerlich erschiene; er war gereizt und wollte darum mit mir nicht sprechen. Mir schien aber, er wolle darum nicht sprechen, weil er mich für ein Kind halte, welches gar nicht verstehen könne, was ihn beschäftige. Ich wandte mich von ihm weg, verstummte und ließ Marja Minitschna, die bei uns zu Besuch war, zum Tee bitten. Nach dem Tee, der sehr schnell getrunken war, ging ich mit Marja Minitschna ins Diwanzimmer und begann ihr irgendeinen Unsinn zu erzählen, der mich gar nicht interessierte. Er aber ging im Zimmer auf und ab und streifte uns ab und zu mit einem Blick. Diese Blicke hatten auf mich diesmal die eigentümliche Wirkung, daß ich immer größere Lust verspürte, zu sprechen und sogar zu lachen; alles, was ich selbst sagte, und auch alles, was Marja Minitschna sagte, kam mir so komisch vor. Er sagte mir kein Wort, zog sich in sein Kabinett zurück und schloß die Türe. Sobald ich seine Schritte nicht mehr hörte, verflüchtigte sich sofort meine ganze Lustigkeit, so daß Marja Minitschna mich sogar fragte, was ich habe. Ohne ihr zu antworten, setzte ich mich aufs Sofa und war bereit zu weinen. – Was fällt ihm bloß ein? – dachte ich mir. – Es ist irgendein Unsinn, der ihm so wichtig erscheint; wenn er bloß versuchen wollte, es mir zu sagen, so würde ich ihm zeigen, daß es ein Unsinn ist. Nein, er muß sich unbedingt einreden, daß ich es nicht verstehen werde, er muß mich mit seiner majestätischen Ruhe demütigen und immer Recht mir gegenüber behalten. Dafür habe ich auch Recht, wenn ich mich langweile, wenn mir alles leer erscheint, wenn ich leben und mich bewegen will, aber nicht immer auf demselben Flecke bleiben und fühlen, wie die Zeit über mich hinweggeht. Ich will vorwärtsgehen, ich will jeden Tag und jede Stunde etwas Neues; aber er will stehenbleiben und auch mich zum Stehen zwingen. Wie leicht könnte er es haben! Er brauchte mich gar nicht in die Stadt zu bringen, es genügte, wenn er nur so wäre, wie ich, wenn er sich keinen Zwang antäte, sich nicht zurückhielte und ganz einfach leben wollte. Das rät er immer mir, ist aber dabei selbst gar nicht einfach. Das ist es! –
Ich fühlte, wie mich die Tränen würgten, und daß ich gegen ihn gereizt war. Ich erschrak vor diesem Gefühl und ging zu ihm. Er saß im Kabinett und schrieb. Als er meine Schritte hörte, warf er mir einen kurzen, gleichgültigen und ruhigen Blick zu und fuhr fort zu schreiben. Dieser Blick gefiel mir nicht; statt zu ihm zu treten, blieb ich vor dem Tische stehen, auf dem er schrieb, schlug ein Buch auf und blickte hinein. Er hielt noch einmal in seinem Schreiben inne und sah mich an.
»Mascha, bist du heute schlecht gelaunt?« fragte er.
Ich antwortete mit einem kühlen Blick, welcher besagte: – Brauchst nicht zu fragen! Was sind das für Liebenswürdigkeiten? – Er schüttelte den Kopf und lächelte scheu und zärtlich; zum erstenmal antwortete ich auf sein Lächeln nicht mit meinem Lächeln.
»Was hast du heute gehabt?« fragte ich. »Warum hast du es mir nicht gesagt?«
»Unsinn! Eine kleine Unannehmlichkeit,« antwortete er. »Aber ich kann es dir auch erzählen. Zwei Bauern gingen in die Stadt …«
Aber ich ließ ihn nicht weitersprechen.
»Warum hast du es mir nicht schon beim Tee erzählt, als ich dich danach fragte?«