Vierzehn Tage später, vor den Feiertagen, waren wir schon in Petersburg.


II

Unsere Reise nach Petersburg, die acht Tage in Moskau, das Wiedersehen mit seinen und meinen Verwandten, die Einrichtung in der neuen Wohnung, die Fahrt selbst, die neuen Städte und die neuen Gesichter – all das zog wie ein Traum an mir vorüber. Das alles war so abwechslungsreich, neu und lustig, so warm und hell von seiner Gegenwart, von seiner Liebe erleuchtet, daß unser stilles Leben auf dem Lande mir als etwas Längstvergangenes und Nichtiges erschien. Zu meinem großen Erstaunen kamen mir alle (und zwar nicht nur die Verwandten, sondern auch die Fremden), statt mit dem Hochmut und der Kälte der großen Welt, die ich erwartete, mit einer so unverfälschten Liebenswürdigkeit und Freude entgegen, daß ich den Eindruck hatte, als hätten sie nur an mich gedacht und nur mich erwartet, um selbst ihre Freude an mir zu haben. Ebenso unerwartet für mich zeigte es sich, daß mein Mann in den vornehmsten Kreisen, die mir als die besten erschienen, viele Bekannte hatte, von denen er mir niemals erzählt hatte; und es war mir oft so sonderbar und unangenehm, aus seinem Munde strenge Urteile über manche dieser Menschen zu hören, die mir so gut zu sein schienen. Ich konnte nicht begreifen, warum er sie so kühl behandelte und vielen Bekanntschaften aus dem Wege ging, die mir so schmeichelhaft erschienen. Ich glaubte, je mehr gute Menschen man kenne, um so besser sei es, und alle Menschen seien doch so gut.

»Siehst du, wie wir uns einrichten müssen,« hatte er mir vor der Abreise vom Lande gesagt. »Hier sind wir reiche Leute, aber dort sind wir es lange nicht. Darum dürfen wir in der Stadt nur bis zur Osterwoche bleiben und müssen die große Welt meiden, sonst könnten wir Schwierigkeiten haben; auch deinetwegen möchte ich es nicht anders.«

»Wozu die große Welt?« fragte ich. »Wir wollen nur die Theater und unsere Verwandten besuchen, ein paarmal in die Oper gehen, gute Musik hören und schon vor der Osterwoche aufs Land zurückkehren.«

Kaum kamen wir aber nach Petersburg, als diese Pläne vergessen waren. Ich befand mich plötzlich in einer so neuen, glücklichen Welt, war von so viel Freuden umfangen und von solchen neuen Interessen in Anspruch genommen, daß ich mich sofort, wenn auch unbewußt, von meiner ganzen Vergangenheit und den in der Vergangenheit gefaßten Plänen lossagte. – Bisher war alles nur ein Spiel, das Richtige hatte noch nicht begonnen; das da ist aber das wahre Leben! Und was erwartet mich noch alles?! – dachte ich mir. Die Unruhe und die beginnende Langweile, die mich auf dem Lande gequält hatten, waren plötzlich wie durch einen Zauber gänzlich verschwunden. Meine Liebe zu meinem Mann war ruhiger geworden, und hier kam mir niemals der Gedanke, ob er mich nicht weniger liebe als früher. Ich durfte auch nicht an seiner Liebe zweifeln: er erriet sofort jeden meiner Gedanken, teilte jedes meiner Gefühle und erfüllte jeden meiner Wünsche. Seine Ruhe war hier verschwunden oder hatte bloß aufgehört, mich zu reizen. Dabei fühlte ich, daß zu seiner früheren Liebe sich auch noch ein Entzücken gesellte. Gar oft sagte er nach einem Besuch, oder wenn wir eine neue Bekanntschaft gemacht oder bei uns eine Abendgesellschaft gehabt hatten, wo ich vor Angst, irgendeinen Mißgriff zu machen, zitternd die Pflichten der Hausfrau erfüllte: – »Sehr gut, mein Kind! Ausgezeichnet! Mut! Wirklich ausgezeichnet!« Und ich war dann sehr froh. Bald nach unserer Ankunft in Petersburg schrieb er seiner Mutter einen Brief, und als ich einige Worte hinzuschreiben sollte, wollte er mir nicht zeigen, was er geschrieben hatte; infolgedessen bestand ich natürlich darauf und bekam das Geschriebene zu lesen. »Sie werden Mascha gar nicht wiedererkennen,« schrieb er ihr, »und auch ich selbst erkenne sie nicht wieder. Woher hat sie nur diese nette, graziöse Sicherheit, diese ›affabilité‹, diese Fähigkeit, in der Gesellschaft durch Geist zu glänzen, und diese Liebenswürdigkeit! Und all das ist bei ihr so einfach, lieb und gutmütig. Alle sind von ihr entzückt, und auch ich selbst kann sie gar nicht genug bewundern; wenn es möglich wäre, müßte ich sie noch mehr lieb gewinnen.«

– Ach so, also so eine bin ich! – dachte ich mir. Es wurde mir so wohl und so lustig zumute, und es kam mir sogar vor, als liebte ich ihn noch mehr. Mein Erfolg bei allen unseren Bekannten war für mich völlig unerwartet. Von allen Seiten hörte ich, daß ich hier einem Onkel besonders gut gefallen, daß dort eine Tante sich in mich verliebt hätte; der eine sagte mir, daß es in ganz Petersburg keine ähnliche Frau gäbe, die andere versicherte mich, ich brauche nur zu wollen, um die »exklusivste« Dame der Gesellschaft zu werden. Besonderen Eindruck machte ich auf eine Kusine meines Mannes, die Fürstin D., eine nicht mehr junge Dame der großen Welt; diese hatte sich plötzlich in mich verliebt und sagte mir so schmeichelhafte Dinge, daß es mir schwindelte. Als diese Kusine mich zum erstenmal aufforderte, einen Ball zu besuchen, und meinen Mann darum bat, wandte er sich an mich mit einem kaum merklichen schlauen Lächeln und fragte, ob ich hingehen möchte. Ich nickte bejahend und fühlte, wie ich errötete.