Mit der Zeit fing er an sich offenbar zu langweilen und das Leben, das wir führten, als eine Last zu empfinden. Aber ich kümmerte mich nicht viel darum; wenn ich zuweilen auch seinen aufmerksamen und ernsten, fragend auf mich gerichteten Blick sah, verstand ich seine Bedeutung nicht. Ich war von diesem Gefühl, das ich so plötzlich in allen Fremden geweckt hatte und das ich für Liebe hielt, von dieser Luft des Luxus, der Vergnügungen und der neuen Eindrücke, die ich hier zum erstenmal atmete, so benebelt, sein mich erdrückender moralischer Einfluß war so spurlos verschwunden, es war mir so angenehm, hier in dieser Welt nicht nur auf der gleichen Stufe mit ihm, sondern sogar über ihm zu stehen und ihn darum noch mehr und selbständiger zu lieben als früher, daß ich unmöglich verstehen konnte, was er in diesem Leben in der großen Welt Unangenehmes für mich erblickte. Ich empfand das mir neue Gefühl des Stolzes und der Genugtuung, wenn bei meinem Erscheinen auf einem Balle alle Blicke sich auf mich richteten, während er, als schämte er sich, dieser Menge zu zeigen, daß er mich besitze, mich eiligst verließ und sich in der schwarzen Schar der Fracks verlor. – Wart' einmal! – sagte ich mir oft, mit den Augen am Ende des Saales seine unauffällige Gestalt mit dem oft gelangweilten Gesicht suchend, – wart' einmal! – sagte ich mir, – wenn wir wieder zu Hause sind, so wirst du auch verstehen, für wen ich so schön und glänzend sein wollte und wen ich von allen, die mich am heutigen Abend umgeben, liebe. – Ich glaubte selbst aufrichtig daran, daß meine Erfolge mich nur darum so freuten, weil ich sie ihm zum Opfer bringen konnte. Das Einzige, was mir in dieser großen Welt gefährlich werden konnte, glaubte ich, sei die Möglichkeit, mich in einen der Männer, die ich da traf, zu vergaffen und in meinem Manne Eifersucht zu wecken; aber er vertraute mir so sehr und schien so ruhig und gleichgültig, und alle diese jungen Männer kamen mir im Vergleich zu ihm so unbedeutend vor, daß diese Gefahr, die ich für die einzige hielt, mich gar nicht erschreckte. Aber die Aufmerksamkeit mancher Menschen in der Gesellschaft gewährte mir dennoch Vergnügen, schmeichelte meinem Ehrgeiz, brachte mich auf den Gedanken, daß meine Liebe zu meinem Manne mir als Verdienst anzurechnen sei und verlieh meinem Benehmen gegen ihn eine gewisse Überlegenheit und sogar Nachlässigkeit.

»Ich habe gesehen, wie lebhaft du dich mit der N. N. unterhalten hast,« sagte ich ihm einmal bei der Rückkehr von einem Ball, ihm mit dem Finger drohend und eine der bekannten Damen der Petersburger Gesellschaft nennend, mit der er an diesem Abend wirklich gesprochen hatte. Ich sagte dies, um ihn etwas aufzurütteln, denn er war besonders schweigsam und langweilig.

»Ach, wie kann man nur so sprechen? Und das sagst du, Mascha!« sprach er durch die Zähne und das Gesicht wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend. »Das steht uns beiden nicht! Überlaß das den anderen; solch ein verlogenes Verhältnis könnte unser wahres Verhältnis zueinander trüben, und ich hoffe doch, daß dieses wahre Verhältnis wiederkehrt.«

Ich schämte mich und schwieg.

»Es kehrt doch wieder, Mascha? Wie glaubst du?« fragte er.

»Es hat sich doch gar nicht getrübt und wird sich nie trüben,« entgegnete ich und glaubte in jenem Augenblick wirklich daran.

»Gott gebe es!« sagte er. »Sonst wäre es Zeit, aufs Land zurückzukehren.«

Das war aber auch das einzige Mal, daß er so zu mir sprach; sonst schien es mir immer, daß er sich ebenso wohl fühlte wie ich, mir war aber so lustig und fröhlich zumute. – Wenn er sich sogar manchmal langweilt, – tröstete ich mich, – so habe ich mich doch seinetwegen genug auf dem Lande gelangweilt; und wenn unser Verhältnis sich auch etwas verändert hat, so wird es doch wiederkehren, sobald wir im Sommer wieder allein mit Tatjana Ssemjonowna in unserem Hause von Nikolskoje sind. –

So verging für mich unmerklich dieser Winter, und wir blieben sogar, entgegen unserer Absicht, auch die Osterwoche in Petersburg. In der Woche nach Ostern, als wir schon reisefertig waren, als alles eingepackt war und mein Mann, der die Geschenke, Blumen und andere Gegenstände für unser Landleben einkaufte, besonders zärtlich und fröhlich gestimmt war, kam zu uns unerwartet die Kusine, um uns zu überreden, bis zum nächsten Sonnabend zu bleiben und noch eine Soiree bei der Gräfin R. mitzumachen. Sie sagte, die Gräfin R. wolle mich unbedingt bei sich sehen und der Prinz M., der sich damals in Petersburg aufhielt, hätte noch auf dem letzten Ball den Wunsch geäußert, mich kennenzulernen; er würde nur deswegen zu der Soiree kommen und hätte gesagt, ich sei die hübscheste Frau in ganz Rußland. Die ganze Stadt werde dabei sein, mit einem Worte, es wäre ganz unerhört, wenn ich nicht käme.