»Ich weiß nicht, was du erwartet hast,« fuhr er fort, »aber ich konnte das Schlimmste erwarten, da ich dich täglich in diesem Schmutz, im Müßiggange und Luxus dieser dummen Gesellschaft sah; und ich habe es auch erlebt … Ich hab' es erlebt, daß ich heute Scham und Schmerz empfinde wie niemals; es war mir schmerzvoll genug, als deine Freundin mit ihren schmutzigen Händen in mein Herz griff und von meiner Eifersucht zu sprechen begann; und von was für einer Eifersucht? – auf einen Menschen, den keiner von uns, weder du noch ich, kennt. Du aber willst mich wie zu Trotz nicht verstehen, du willst mir etwas zum Opfer bringen, – doch was? … Ich muß mich für dich, für deine Erniedrigung schämen! … Ein Opfer!« wiederholte er.

– Ach, so ist also die Gewalt des Mannes, – dachte ich mir: – Eine Frau zu beleidigen und zu demütigen, die nichts verbrochen hat. Das sind also die Rechte des Mannes, aber ich werde mich ihnen nicht fügen. –

»Nein, ich will dir nichts zum Opfer bringen,« sagte ich und fühlte, wie meine Nüstern sich unnatürlich erweiterten und wie mir das Blut aus dem Gesicht strömte. »Ich werde am Sonnabend zu der Soiree gehen, werde unbedingt hingehen.«

»Gott gebe dir viel Vergnügen, aber zwischen uns ist alles aus!« rief er in einem Anfalle von Raserei, die er nicht mehr beherrschen konnte. »Aber du wirst mich nicht länger quälen. Ich war dumm, daß ich …« begann er wieder, aber seine Lippen zitterten, und er nahm sich mit sichtlicher Anstrengung zusammen, um den angefangenen Satz nicht zu Ende zu sprechen.

Ich fürchtete und haßte ihn in diesem Augenblick. Ich wollte ihm vieles sagen und mich für alle die Beleidigungen rächen; hätte ich aber nur den Mund aufgemacht, so wäre ich in Tränen ausgebrochen und hätte mich vor ihm erniedrigt. Ich verließ schweigend das Zimmer. Als ich aber seine Schritte nicht mehr hörte, entsetzte ich mich vor dem, was wir getan hatten. Ich entsetzte mich vor dem Gedanken, daß dieses Band, das mein Glück ausgemacht hatte, für immer zerreißen würde, und ich wollte schon zu ihm zurückkehren. – Hat er sich aber auch genügend beruhigt, um mich zu verstehen, wenn ich ihm schweigend die Hand reiche und ihn anblicke? – fragte ich mich. – Wird er meine Großmut begreifen? Wie, wenn er meinen Schmerz für Heuchelei hält? Oder wenn er meine Reue mit dem Bewußtsein seines Rechts und mit stolzer Ruhe hinnimmt und mir verzeiht? Warum, warum hat er, den ich so sehr liebte, mich so grausam beleidigt? –

Ich ging nicht zu ihm, sondern in mein Zimmer, wo ich lange allein saß und weinte, mich mit Grauen jedes Wortes, das zwischen uns gefallen war, erinnernd, diese Worte mit anderen vertauschend und andere, gute Worte hinzufügend, dann wieder mit Entsetzen und einem Gefühl der Kränkung des Vorgefallenen gedenkend. Als ich am Abend am Teetisch erschien und in Gegenwart von S., der bei uns zu Besuch war, meinen Mann traf, fühlte ich, daß an diesem Tage sich ein ganzer Abgrund zwischen uns aufgetan hatte. S. fragte mich, wann wir abreisten. Ich kam nicht dazu, ihm zu antworten.

»Am Dienstag,« antwortete mein Mann. »Wir wollen noch die Soiree bei der Gräfin R. mitmachen. Du gehst doch hin?« wandte er sich an mich.

Ich erschrak über den einfachen Ton seiner Stimme und sah ihn ängstlich an. Seine Augen waren gerade auf mich gerichtet, der Blick war boshaft und spöttisch, seine Stimme klang gemessen und kalt.

»Ja,« antwortete ich.

Am Abend, als wir allein geblieben waren, ging er auf mich zu und reichte mir die Hand.