»Vergiß bitte, was ich dir gesagt habe,« sagte er.

Ich ergriff seine Hand, ein zitterndes Lächeln erschien auf meinem Gesicht, die Tränen wollten mir schon aus den Augen stürzen, aber er zog seine Hand zurück und setzte sich in einen Sessel ziemlich weit von mir, als fürchtete er eine empfindsame Szene. – Glaubt er denn wirklich, daß er im Rechte sei? – dachte ich mir, und die schon fertige Erklärung und die Bitte, nicht zur Soiree zu gehen, erstarben mir auf den Lippen.

»Wir müssen Mama schreiben, daß wir die Abreise aufgeschoben haben,« sagte er, »sonst wird sie unruhig werden.«

»Wann gedenkst du denn zu reisen?« fragte ich.

»Am Dienstag nach der Soiree,« antwortete er.

»Ich hoffe, daß es nicht meinetwegen geschieht,« sagte ich, ihm in die Augen blickend, aber seine Augen sahen mich nur an und sagten nichts, als wären sie verschleiert. Sein Gesicht kam mir plötzlich alt und unangenehm vor.

Wir gingen zu der Soiree, und zwischen uns stellte sich äußerlich wieder ein gutes und freundschaftliches Verhältnis ein; aber dieses Verhältnis war ganz anders als das frühere.

Auf der Soiree saß ich unter den Damen, als der Prinz auf mich zuging, so daß ich aufstehen mußte, um mit ihm zu sprechen. Als ich aufstand, suchte ich unwillkürlich mit den Augen meinen Mann und sah, daß er mich vom anderen Ende des Saales beobachtete und sich plötzlich wegwandte. Ich empfand plötzlich solchen Schmerz und solche Scham, daß ich unter den Augen des Prinzen furchtbar verlegen wurde und über das Gesicht bis zum Hals hinunter errötete. Ich mußte aber stehen und anhören, was er sagte, indem er mich von oben herab betrachtete. Unser Gespräch war nur kurz, es gab neben mir keinen Platz, wo er sich hinsetzen konnte, und er merkte wohl auch, daß ich mich unbehaglich fühlte. Wir sprachen vom letzten Ball, wo ich den Sommer zuzubringen pflege usw. Als er mich verließ, äußerte er den Wunsch, auch meinen Mann kennenzulernen, und ich sah, wie sie sich am anderen Ende des Saales trafen und ins Gespräch kamen. Der Prinz sagte wohl etwas von mir, da er sich mitten im Gespräch lächelnd nach mir umwandte.

Mein Mann wurde plötzlich rot, machte eine tiefe Verbeugung und ließ den Prinzen stehen. Auch ich errötete: ich mußte mich schämen, als ich mir dachte, welche Vorstellung der Prinz wohl von mir und besonders von meinem Manne gewonnen haben müßte. Mir kam vor, als hätten alle bemerkt, wie verlegen ich war, als ich mit dem Prinzen sprach, als sei allen auch das sonderbare Benehmen meines Mannes aufgefallen; Gott weiß, wie sie es sich wohl erklären mögen; wissen sie vielleicht etwas vom Gespräch, das ich mit ihm gehabt habe? Die Kusine brachte mich nach Hause, und unterwegs kamen wir auch auf meinen Mann zu sprechen. Ich konnte mich nicht beherrschen und erzählte ihr alles, was zwischen uns anläßlich dieser unglückseligen Soiree vorgefallen war. Sie beruhigte mich und sagte, daß es ein ganz bedeutungsloses, durchaus gewöhnliches Zerwürfnis sei, das keinerlei Folgen haben werde; sie äußerte sich auch von ihrem Standpunkte aus über den Charakter meines Mannes und meinte, daß er verschlossen und stolz geworden sei; ich stimmte ihr bei, und es war mir, als finge ich jetzt an, ihn ruhiger und besser zu beurteilen.

Aber später, als ich wieder allein mit meinem Manne war, lastete dieses Urteil über ihn wie ein Verbrechen auf meinem Gewissen, und ich fühlte, daß der uns trennende Abgrund noch größer geworden war.