III
Von diesem Tage an trat in unserem Leben und in unserem Verhältnis eine tiefe Veränderung ein. Wir fühlten uns, wenn wir allein waren, nicht mehr so wohl wie einst. Es gab Fragen, die wir umgingen, und in Gegenwart eines Dritten war es uns viel leichter zu sprechen als unter vier Augen. Wenn bloß die Rede auf das Landleben oder auf einen Ball kam, fing es uns vor den Augen zu flimmern an, und wir schämten uns, uns anzusehen. Als fühlten wir beide, wo der Abgrund lag, der uns trennte, und als mieden wir, ihm nahe zu kommen. Ich war überzeugt, daß er stolz und aufbrausend sei, und daß ich ihn vorsichtiger behandeln müsse, um nicht seine schwachen Seiten zu verletzen. Er aber war überzeugt, daß ich ohne die große Welt nicht leben könne, daß das Leben auf dem Lande mir nicht passe, und daß er sich meinem unglücklichen Geschmack fügen müsse. Wir vermieden beide jedes direkte Gespräch über diese Gegenstände und beurteilten darum einander falsch. Wir hatten schon lange aufgehört, einander für die vollkommensten Menschen auf Erden zu halten; wir stellten vielmehr Vergleiche mit anderen an und übten aneinander heimlich Kritik. Vor der Abreise erkrankte ich, und wir zogen statt aufs Land in eine Sommerfrische in der Nähe der Stadt, von wo mein Mann allein zu seiner Mutter reiste. Als er abreiste, war ich schon so weit hergestellt, daß ich mit ihm hätte mitkommen können, aber er bat mich, noch zu bleiben, als fürchtete er für meine Gesundheit. Ich fühlte, daß ihm nicht meine Gesundheit Sorgen machte, sondern der Gedanke, daß wir uns auf dem Lande zusammen nicht wohl fühlen würden; ich widersprach ihm nicht viel und blieb. Ohne ihn kam mir alles so leer und öde vor, als er aber wiederkam, merkte ich, daß er meinem Leben nicht mehr das zu verleihen vermochte, was er ihm früher verliehen hatte. Unsere früheren Beziehungen, wo jeder Gedanke, jede Empfindung, die ich ihm nicht mitteilte, auf mir wie ein Verbrechen lasteten, wo jede Handlung und jedes Wort von ihm mir als der Gipfel der Vollkommenheit erschienen, wo wir immer vor Freude lachen wollten, wenn wir uns bloß ansahen, – dieses Verhältnis war unmerklich zu einem anderen geworden und verschwunden, ehe wir uns dessen versahen. Ein jeder von uns hatte jetzt seine eigenen Interessen und Sorgen, die er gar nicht zu gemeinsamen zu machen suchte. Es bedrückte uns sogar nicht mehr, daß jeder von uns seine eigene, für den anderen fremde Welt hatte. Wir hatten uns an diesen Gedanken gewöhnt, und nach einem Jahre hörte es schon sogar in unseren Augen zu flimmern auf, wenn wir einander ansahen. Seine früheren Anfälle plötzlicher Lustigkeit waren dahin, ebenso sein kindliches Wesen, seine Allverzeihung und Gleichgültigkeit gegen alles, die mich früher so empört hatten; vorbei war es mit seinem tiefen Blick, der mich früher so verwirrte und erfreute, vorbei mit den gemeinsamen Gebeten und Ekstasen; wir sahen uns sogar recht selten, denn er war immer auf Reisen, und es tat ihm weder leid, noch ängstigte er sich, mich allein zu lassen; ich aber war immer in der großen Welt, wo ich ihn nicht brauchte.
Szenen und Zerwürfnisse kamen zwischen uns nicht mehr vor; ich bemühte mich, ihm gefällig zu sein, er erfüllte alle meine Wünsche, und es sah so aus, als ob wir einander noch liebten.
Wenn wir allein blieben, was nur selten vorkam, empfand ich in seiner Gegenwart weder Freude, noch Aufregung oder Verwirrung, ganz als wäre ich allein mit mir selbst. Ich wußte sehr gut, daß er mein Mann war, nicht irgendein neuer, unbekannter Fremder, sondern ein guter Mensch, mein Mann, den ich so gut kannte, wie mich selbst. Ich war überzeugt, daß ich alles wisse, was er tun und was er sagen, und wie er dies oder jenes ansehen würde, und wenn er etwas anders tat oder ansah, als ich erwartete, so glaubte ich, er habe sich geirrt. Ich erwartete von ihm nichts. Mit einem Worte, er war mein Mann und sonst nichts. Mir schien, als müsse es so sein, als gäbe es kein anderes Verhältnis, als hätte es unter uns sogar nie ein anderes Verhältnis gegeben. Wenn er verreiste, fühlte ich mich, besonders in der ersten Zeit, einsam; in seiner Abwesenheit empfand ich stärker, welche Stütze ich in ihm hatte; wenn er zurückkehrte, fiel ich ihm vor Freude um den Hals, obwohl ich schon nach zwei Stunden diese Freude vergaß und nicht mehr wußte, über was mit ihm zu sprechen. Nur in den Augenblicken der stillen, gemäßigten Zärtlichkeit, die es zwischen uns manchmal gab, kam es mir vor, als sei es nicht das Richtige, als hätte ich im Herzen ein Weh, und ich glaubte auch in seinen Augen dasselbe zu lesen. Ich sah vor mir jene Grenze der Zärtlichkeit, die zu überschreiten er nicht den Willen und ich nicht die Kraft hatte. Manchmal stimmte mich das traurig, aber ich hatte keine Zeit, mich irgendwelchen Betrachtungen hinzugeben, und ich bemühte mich, diese Trauer über die Änderung, die ich dunkel empfand, in den Zerstreuungen zu vergessen, die mir immer zur Verfügung standen. Das Leben in der großen Welt, das mich anfangs mit seinem Glanze benebelt und meinem Ehrgeiz geschmeichelt hatte, bemächtigte sich bald aller meiner Neigungen, wurde mir zur Gewohnheit, schlug mich in Fesseln und nahm in meiner Seele den ganzen Platz ein, der für die Gefühle bereitet war. Ich blieb jetzt niemals allein mit mir selbst und scheute es, über meine Lage zu grübeln. Die ganze Zeit vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein war besetzt und gehörte nicht mir, selbst wenn ich nicht ausging. Das war mir jetzt weder lustig noch langweilig, sondern ich hatte das Gefühl, als müsse es immer so und nicht anders sein.
So vergingen drei Jahre, und während dieser Jahre blieben unsere Beziehungen dieselben; sie waren gleichsam stehengeblieben, erstarrt und konnten weder schlechter noch besser werden. Im Laufe dieser drei Jahre gab es zwei wichtige Ereignisse in unserem Familienleben, doch keines von den beiden vermochte mein Leben irgendwie zu ändern. Es waren dies die Geburt meines ersten Kindes und der Tod Tatjana Ssemjonownas. Das Muttergefühl hatte mich in der ersten Zeit so mächtig ergriffen und ein so unerwartetes Entzücken in mir geweckt, daß ich schon glaubte, nun beginne für mich ein neues Leben; aber nach zwei Monaten, als ich wieder in den Strudel der großen Welt kam, fing dieses Gefühl an, beständig abzunehmen und wurde schließlich zu einer Gewohnheit und kalten Pflichterfüllung. Mein Mann dagegen war nach der Geburt unseres ersten Sohnes wieder der frühere sanfte und ruhige Stubenhocker geworden und hatte seine ganze Zärtlichkeit und Lustigkeit auf das Kind übertragen. Oft, wenn ich im Ballkleide ins Kinderzimmer kam, um es zum Abschied zu bekreuzigen, und dort meinen Mann traf, fühlte ich seinen vorwurfsvollen und durchdringenden Blick auf mir ruhen, und ich mußte mich schämen. Ich erschrak plötzlich über meine Gleichgültigkeit gegen das Kind und fragte mich, ob ich denn schlechter sei als die anderen Frauen. – Was soll ich machen? – dachte ich mir: – Ich liebe meinen Sohn, aber ich kann doch nicht tagelang bei ihm sitzen, das ist mir langweilig; heucheln werde ich aber um nichts in der Welt. – Der Tod seiner Mutter war für ihn ein harter Schlag; es war ihm schwer, wie er sagte, nach ihrem Tode in Nikolskoje zu wohnen; obwohl ich sie auch betrauerte und meinem Mann mitfühlte, hätte ich doch das Landleben vorgezogen, das mir angenehmer und ruhiger erschien. Diese ganzen drei Jahre hatten wir zum größten Teil in der Stadt verlebt, aufs Land kam ich nur einmal für zwei Monate, und im dritten Jahre reisten wir ins Ausland.
Wir verbrachten den Sommer in einem Badeorte.
Ich war damals erst einundzwanzig Jahre alt; unsere Vermögensverhältnisse waren, wie ich glaubte, im glänzendsten Zustande; vom Familienleben verlangte ich nicht mehr, als es mir gab; alle, die ich kannte, schienen mich zu lieben; mein Gesundheitszustand war gut; meine Toiletten waren die schönsten im ganzen Badeorte; ich wußte, daß ich schön war; das Wetter war herrlich; eine eigentümliche Atmosphäre von Schönheit und Eleganz umgab mich, und es war mir sehr lustig zumute. Aber ich war doch nicht so lustig, wie ich es in Nikolskoje gewesen, als ich fühlte, daß ich in mir selbst glücklich sei, glücklich, weil ich dieses Glück verdient habe, daß mein Glück wohl groß sei, es aber irgendwo auch noch ein größeres Glück geben müsse, und daß ich immer mehr und mehr von diesem Glück wolle. Damals war es ganz anders gewesen; aber auch in diesem Sommer fühlte ich mich wohl. Ich wünschte nichts, ich hoffte auf nichts, ich befürchtete nichts, mein Leben erschien mir ganz ausgefüllt, und mein Gewissen war ruhig. Unter allen jungen Männern jener Saison gab es nicht einen einzigen, den ich irgendwie vor den anderen bevorzugte, – nicht mal vor dem alten Fürsten K., unserem Gesandten, der mir den Hof machte. Der eine war jung, der andere alt, der eine ein blonder Engländer, der andere ein Franzose mit einem Spitzbart; sie erschienen mir alle gleich, doch alle waren mir unentbehrlich. Es waren lauter gleichgültige Menschen, die die freudige Lebensatmosphäre bildeten, die mich umgab. Nur einer unter ihnen, der italienische Marchese D., hatte durch die kühne Art, sein Entzücken über mich zu äußern, mehr als die anderen meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um mit mir zusammen zu sein, zu tanzen, auszureiten, mich im Kasino usw. zu treffen und mir zu sagen, daß ich schön sei. Einigemal sah ich ihn durchs Fenster in der Nähe unseres Hauses stehen, und oft hatte der unangenehme durchdringende Blick seiner glänzenden Augen mich erröten gemacht und genötigt, mich umzuwenden. Er war jung, hübsch, elegant und hatte, vor allen Dingen, in seinem Lächeln und im Ausdruck seiner Stirne eine Ähnlichkeit mit meinem Manne, obwohl er viel hübscher war als dieser. Die Ähnlichkeit frappierte mich, obwohl er im allgemeinen, in den Augen, im Blick, im langen Kinn, statt des reizenden Ausdruckes der Güte und der idealen Ruhe meines Mannes, etwas Rohes und Tierisches hatte. Ich glaubte damals, daß er mich leidenschaftlich liebe und dachte daran mit stolzem Mitleid. Manchmal kam mir der Wunsch, ihn zu beruhigen und auf den Ton einer halbfreundschaftlichen stillen Vertrautheit zu stimmen, er wies aber alle solche Versuche schroff zurück und fuhr fort, mich auf die unangenehmste Weise mit seiner noch unausgesprochenen, aber jeden Augenblick zur Entladung kommen wollenden Leidenschaft in Verlegenheit zu bringen. Obwohl ich es mir auch nicht eingestand, fürchtete ich doch diesen Menschen und dachte oft unwillkürlich an ihn. Mein Mann kannte ihn und begegnete ihm noch kühler und hochmütiger als unseren anderen Bekannten, für die er bloß der Mann seiner Frau war. Gegen Ende der Saison wurde ich krank und hütete vierzehn Tage lang das Zimmer. Als ich zum erstenmal nach meiner Krankheit abends zur Kurmusik kam, erfuhr ich, daß währenddessen die längst erwartete und wegen ihrer Schönheit bekannte Lady S. angekommen sei. Um mich bildete sich ein Kreis, man empfing mich mit großer Freude, aber ein noch schönerer Kreis hatte sich um die neuangekommene Salonlöwin gebildet. Alle um mich herum sprachen nur von ihrer Schönheit. Man zeigte sie mir; sie war tatsächlich schön, aber ihr selbstbewußter Ausdruck war mir unangenehm, und ich sprach es auch aus. An diesem Tage langweilte mich alles, was mir früher lustig vorkam. Am nächsten Tage veranstaltete Lady S. einen Ausflug zur Burg, an dem ich mich nicht beteiligte. Bei mir blieb fast niemand, und alles hatte sich in meinen Augen verändert. Alle kamen mir auf einmal so dumm und langweilig vor, ich weinte beinahe, ich wollte meine Kur so schnell als möglich beenden und nach Rußland zurückkehren. In meinem Herzen regte sich irgendein häßliches Gefühl, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Unter dem Vorwande, daß ich zu schwach sei, hörte ich auf, mich in der großen Gesellschaft zu zeigen und kam nur manchmal des Morgens ganz allein zum Brunnen oder machte mit meiner russischen Bekannten L. M. Ausflüge in die Umgegend. Mein Mann war während dieser Zeit abwesend: er war für einige Tage nach Heidelberg gefahren, um dort das Ende meiner Kur abzuwarten und dann zusammen mit mir nach Rußland zurückzukehren, und besuchte mich nur ab und zu.