Eines Tages hatte Lady S. die ganze Gesellschaft zu einer Jagd mitgenommen, während ich mit L. M. am Nachmittag zur Burg hinausfuhr. Als unsere Equipage im Schritt die vielgewundene Chaussee zwischen den hundertjährigen Kastanien hinauffuhr, durch die man die von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete liebliche Umgebung von Baden-Baden sehen konnte, kam es zwischen uns zu einem so ernsten Gespräch, wie wir es noch nie geführt hatten. L. M., die ich schon seit langem kannte, erschien mir zum erstenmal als eine kluge und gute Frau, mit der man über alles sprechen konnte und deren Freundschaft angenehm war. Wir sprachen von unseren Familien und Kindern, von der Leere des hiesigen Lebens, wir sehnten uns nach Rußland und dem Leben auf dem Gute zurück, und es wurde uns plötzlich so schwermütig und wohl ums Herz. Wir betraten die Burg unter dem Einflusse des gleichen ernsten Gefühls. In ihren Mauern war es schattig und kühl, oben auf den Ruinen spielte die Sonne und ließen sich Schritte und Stimmen vernehmen. Durch die Türe zeigte sich uns wie in einem Rahmen das reizende, aber für uns Russen so kalte Bild der Landschaft von Baden-Baden. Wir setzten uns hin, um auszuruhen, und blickten schweigend auf die untergehende Sonne. Die Stimmen erklangen deutlicher, und es war mir, als hörte ich meinen Namen. Ich lauschte und hörte unwillkürlich jedes Wort. Die Stimmen waren mir bekannt: es waren der Marchese D. und sein Freund, ein Franzose, den ich ebenfalls kannte. Sie sprachen von mir und von der Lady S. Der Franzose verglich mich mit ihr und kritisierte meine und ihre Schönheit. Er sagte zwar nichts Beleidigendes, aber mir strömte das ganze Blut zum Herzen, als ich seine Worte hörte. Er erklärte sehr ausführlich, was an mir und was an Lady S. schön sei. Ich hätte schon ein Kind, aber Lady S. sei erst neunzehn Jahre alt; mein Haar sei schöner, dafür habe Lady S. eine schlankere Taille; die Lady sei eine große Dame, »während Ihre Passion,« sagte er, »nur eine von den kleinen russischen Fürstinnen ist, die in der letzten Zeit so oft hier erscheinen.« Er schloß damit, daß ich sehr gut daran tue, mich mit der Lady S. nicht zu messen, und daß ich nun in Baden-Baden endgültig erledigt sei.

»Sie tut mir leid.«

»Wenn es ihr nur nicht einfällt, sich mit Ihnen zu trösten,« fügte er mit einem lustigen und harten Lachen hinzu.

»Wenn sie verreist, folge ich ihr,« sagte roh die andere Stimme mit italienischem Akzent.

»Der glückliche Sterbliche! Er kann noch lieben!« lachte der Franzose.

»Lieben!« antwortete die andere Stimme und fuhr nach einigem Schweigen fort: »Ich kann nicht anders, ohne Liebe gibt es kein Leben. Aus seinem Leben einen Roman machen, ist das einzig Schöne. Mein Roman bleibt aber niemals in der Mitte stecken, und ich werde auch diesen zu Ende führen.«

»Bonne chance, mon ami,« sagte der Franzose.

Das Weitere hörten wir nicht, denn sie waren um eine Ecke gebogen, und ihre Stimmen erklangen von der anderen Seite. Sie gingen die Treppe hinunter, kamen nach einigen Minuten aus einer Seitentür und waren sehr erstaunt, uns hier zu treffen. Ich errötete, als der Marchese D. sich mir näherte, und erschrak, als er beim Verlassen der Burg mir den Arm bot. Ich konnte nicht ablehnen, und so begaben wir uns hinter L. M., die mit seinem Freunde vorausging, zu unserem Wagen. Die Worte des Franzosen hatten mich beleidigt, obwohl er nur das, was ich selbst fühlte, ausgesprochen hatte; aber die Worte des Marchese hatten mich durch ihre Rohheit in Erstaunen gesetzt und empört. Mich peinigte der Gedanke, daß er, obwohl ich seine Worte gehört hatte, keine Scheu vor mir empfand. Es war mir ekelhaft, ihn so nahe neben mir zu fühlen, und ich ging, ohne ihn anzusehen und ohne auf seine Worte zu antworten, schnell hinter L. M. und dem Franzosen her und bemühte mich, meinen Arm so zu halten, daß ich seine Worte nicht hören konnte. Der Marchese sagte etwas über die schöne Aussicht, über das unerwartete Glück, mich hier getroffen zu haben, und noch etwas, aber ich hörte ihm nicht zu. Ich dachte die ganze Zeit an meinen Mann, an meinen Sohn, an Rußland; ich empfand Scham, etwas tat mir leid, ich wünschte etwas und wollte so schnell als möglich nach Hause, nach meinem einsamen Zimmer im Hôtel de Bade, um ungestört über alles nachzudenken, was in meiner Seele aufgewühlt worden war. Aber L. M. ging langsam, zum Wagen war es noch weit, und mein Kavalier verlangsamte, wie mir schien, hartnäckig seine Schritte, als versuchte er mich zurückzuhalten. – Das darf nicht sein! – sagte ich mir und beschleunigte energisch meine Schritte. Aber er hielt mich tatsächlich zurück und drückte sogar meinen Arm. L. M. verschwand hinter einer Biegung des Weges, und wir blieben ganz allein. Mich überkam ein Schreck.

»Entschuldigen Sie,« sagte ich kühl und versuchte meinen Arm zu befreien, aber mein Spitzenärmel blieb an einem seiner Knöpfe hängen. Er beugte sich mit der Brust nach vorn und begann den Ärmel freizumachen, und die Finger seiner bloßen Hand berührten die meine. Ein eigentümliches, mir ganz neues Gefühl, in dem sich ein Grauen und eine Wonne vermischten, überlief mir kalt den Rücken. Ich sah ihn an, um durch einen kalten Blick die ganze Verachtung auszusprechen, die ich gegen ihn empfand; aber mein Blick drückte etwas ganz anderes aus: Furcht und Erregung. Seine brennenden, feuchten Augen, die so nahe an meinem Gesicht waren, sahen so eigentümlich auf mich, auf meinen Hals, auf meine Brust; seine beiden Hände betasteten meine Hand über dem Gelenk, seine offenen Lippen sprachen etwas, sie sagten, daß er mich liebe, daß ich für ihn alles sei; und diese Lippen kamen immer näher, und seine Hände drückten immer fester die meinen zusammen und versengten mich. Ein Feuer lief durch alle meine Adern, es wurde mir finster vor den Augen, ich zitterte, und die Worte, mit denen ich ihn zurückhalten wollte, blieben mir in der Kehle stecken. Plötzlich fühlte ich einen Kuß auf meiner Wange, ich blieb, am ganzen Leibe zitternd und erkaltend, stehen und sah ihn an. Außerstande, zu sprechen oder mich zu rühren, erwartete ich voller Schrecken etwas und verlangte zugleich danach. Das alles dauerte nur einen Augenblick. Aber dieser Augenblick war entsetzlich! Ich hatte ihn während dieses Augenblicks so genau gesehen. So verständlich war mir sein Gesicht: diese niedrige, steile Stirne, die der Stirne meines Mannes so ähnlich war, diese schöne, gerade Nase mit den geblähten Nüstern, dieser lange, steif gewichste Schnurr- und Kinnbart, diese glatt rasierten Wangen und der gebräunte Hals. Ich haßte ihn, ich fürchtete ihn: so fremd war er mir; aber in diesem Augenblick weckten in mir die Aufregung und die Leidenschaft dieses verhaßten, fremden Mannes einen so mächtigen Widerhall, ich fühlte ein so unüberwindliches Verlangen, mich den Küssen dieses rohen und schönen Mundes und den Umschlingungen dieser weißen Hände mit den feinen Adern und den ringgeschmückten Fingern hinzugeben, mich kopfüber in den lockenden Abgrund verbotener Wonnen, der sich plötzlich vor mir auftat, zu stürzen! …