– Ich bin so unglücklich, – dachte ich –, möge sich noch mehr Unglück über meinem Kopfe häufen. –

Er umschlang mich mit dem einen Arm und beugte sich über mein Gesicht. – Möge sich noch mehr Schande und Sünde über meinem Kopfe sammeln! –

»Je vous aime,« flüsterte er mit einer Stimme, die so sehr an die meines Mannes erinnerte. Ich dachte an meinen Mann und an mein Kind wie an längst entschwundene teure Wesen, mit denen mich nichts mehr verband. Aber plötzlich erklang hinter der Biegung die Stimme der L. M., die mich rief. Ich kam zur Besinnung, entriß ihm meine Hand und lief fast, ohne ihn anzusehen, zu L. M. Wir stiegen in den Wagen, und erst jetzt sah ich ihn an. Er nahm den Hut ab und sagte lächelnd etwas. Er begriff wohl nicht den unsagbaren Ekel, den ich in diesem Augenblick gegen ihn empfand.

Mein Leben erschien mir so unglücklich, meine Zukunft so hoffnungslos, die Vergangenheit so schwarz! L. M. sprach etwas zu mir, aber ich verstand ihre Worte nicht. Es war mir, als spräche sie mit mir nur aus Mitleid, um die Verachtung zu verbergen, die ich in ihr weckte. In jedem ihrer Worte, in jedem ihrer Blicke glaubte ich diese Verachtung, dieses verletzende Mitleid zu fühlen. Der Kuß brannte mir wie ein Schandmal auf der Wange, und der Gedanke an meinen Mann und an mein Kind war mir unerträglich. Ich hoffte allein in meinem Zimmer über meine Lage nachdenken zu können, aber es war mir so schrecklich, allein zu sein. Ich trank den Tee, den man mir gebracht hatte, nicht aus und machte mich mit fieberhafter Hast bereit, ohne zu wissen, warum, mit dem Abendzug zu meinem Mann nach Heidelberg zu fahren.

Als ich mit meiner Zofe im leeren Wagen saß, die Maschine sich in Bewegung setzte und die durch das Fenster hereinwehende frische Luft mir über das Gesicht strich, kam ich allmählich zur Besinnung und fing an, meine Vergangenheit und Zukunft klarer zu sehen. Mein ganzes Eheleben vom Tage unserer Abreise nach Petersburg an erschien mir in einem neuen Lichte und legte sich mir als schwerer Vorwurf aufs Gewissen. Zum erstenmal erinnerte ich mich wieder lebhaft unserer ersten Zeit auf dem Lande, unserer Pläne, und zum erstenmal kam mir die Frage in den Sinn: welches waren seine Freuden während dieser ganzen Zeit? Und ich fühlte mich schuldig gegen ihn. – Warum hat er mich aber nicht zurückgehalten, warum hat er geheuchelt, warum ist er allen Erklärungen aus dem Wege gegangen, warum hat er mich beleidigt? – fragte ich mich. – Warum hat er nicht von der Macht seiner Liebe über mich Gebrauch gemacht? Oder liebt er mich nicht? – Aber so schuldig er auch sein mochte, der Kuß jenes fremden Mannes brannte mir auf der Wange, und ich fühlte ihn. Je mehr ich mich Heidelberg näherte, um so klarer sah ich meinen Mann vor mir, und um so schrecklicher erschien mir die bevorstehende Begegnung. – Ich will ihm alles, alles sagen, ich will alles mit den Tränen der Reue ausweinen, – dachte ich, – und er wird mir verzeihen. – Aber ich wußte selbst nicht, was dieses »alles« war, was ich ihm sagen wollte, und ich glaubte selbst nicht, daß er mir verzeihen würde.

Als ich aber ins Zimmer meines Mannes trat und sein ruhiges, wenn auch erstauntes Gesicht sah, fühlte ich, daß ich ihm nichts zu sagen, nichts zu gestehen und auch nichts abzubitten habe. Der Gram und die Reue mußten unausgesprochen in meiner Seele bleiben.

»Was ist dir eingefallen?« fragte er. »Ich wollte ja selbst morgen zu dir kommen.« Als er aber mein Gesicht aufmerksamer betrachtete, schien er erschrocken. »Was hast du? Was ist mit dir los?« fragte er mich.

»Nichts,« antwortete ich, meine Tränen mit Mühe zurückhaltend. »Ich bin für ganz hergekommen. Fahren wir meinetwegen gleich morgen heim nach Rußland.«

Er sah mich recht lange schweigend und aufmerksam an.