»Erzähle doch, was geschehen ist,« sagte er.

Ich errötete unwillkürlich und schlug die Augen nieder. In seinen Augen flammte ein Ausdruck von Kränkung und Zorn auf. Ich erschrak vor den Gedanken, die ihm kommen konnten, und sagte mit einer Verstellung, die ich von mir selbst nicht erwartet hatte:

»Es ist nichts geschehen, es war mir nur so langweilig und traurig allein zu sein, und ich dachte viel an unser Leben und an dich. Ich fühle mich schon so lange schuldig gegen dich! Warum fährst du mit mir dorthin, wo es dir nicht gefällt? Ich fühle mich schon so lange schuldig gegen dich,« wiederholte ich, und die Tränen traten mir wieder in die Augen. »Wollen wir doch auf unser Gut fahren und für immer.«

»Ach, liebes Kind, verschone mich mit solchen empfindsamen Szenen,« sagte er kühl. »Daß du aufs Land willst, ist sehr schön, denn es ist uns recht wenig Geld übrig geblieben; aber für immer, – das ist nur eine Phantasie. Ich weiß, daß du es nicht aushalten wirst. Jetzt aber trinke Tee, das wird besser sein,« schloß er und stand auf, um dem Kellner zu klingeln.

Ich stellte mir alles vor, was er von mir denken konnte, und fühlte mich durch die schrecklichen Gedanken beleidigt, die ich ihm zuschrieb, als ich seinen ungläubigen, gleichsam beschämten Blick, den er auf mich gerichtet hielt, sah. – Nein, er will und kann mich nicht verstehen! – Ich sagte ihm, daß ich nach dem Kinde sehen möchte und verließ ihn. Ich wollte allein sein und weinen, weinen, weinen …


IV

Das lange nicht geheizte leere Haus zu Nikolskoje wurde wieder lebendig; aber das, was darin einst gelebt hatte, erwachte nicht mehr. Die Mama war nicht mehr am Leben, und wir standen uns allein gegenüber. Wir verlangten jetzt aber nicht nach dieser Einsamkeit, sie fiel uns sogar zur Last. Der Winter verging für mich um so schlimmer, als ich krank war und mich erst nach der Geburt meines zweiten Sohnes etwas erholte. Das Verhältnis zu meinem Mann war noch immer so kühl und freundschaftlich wie zur Zeit unseres Lebens in der Stadt; aber auf dem Lande erinnerte mich jedes Dielenbrett, jede Wand, jedes Sofa daran, was er für mich einst gewesen war und was ich verloren hatte! Zwischen uns stand etwas wie eine nicht verziehene Kränkung, als bestrafte er mich für irgend etwas und gäbe sich den Anschein, als merke er es nicht. Ich hatte ihm nichts abzubitten, es war nichts, womit er mich hätte verschonen können; er strafte mich nur damit, daß er sich und seine ganze Seele mir nicht mehr hingab, wie früher; er gab sie auch niemandem hin, als hätte er überhaupt keine Seele mehr. Manchmal kam mir der Gedanke, er stelle sich nur so, um mich zu quälen, während in ihm noch das alte Gefühl lebe, und ich bemühte mich, es zu wecken. Aber er schien jedesmal einer offenen Aussprache aus dem Wege zu gehen, mich der Verstellung zu verdächtigen und jede Empfindsamkeit als etwas Lächerliches zu fürchten. Sein Blick und sein Ton sagten mir: – Ich weiß alles, ich weiß alles, du brauchst mir nichts zu sagen, ich weiß alles, was du mir sagen willst. Ich weiß auch, daß du das eine sagen und etwas anderes tun wirst. – Diese Furcht vor einer offenen Aussprache verletzte mich anfangs, aber dann gewöhnte ich mich an den Gedanken, daß es kein Mangel an Offenheit, sondern das Fehlen eines Bedürfnisses nach Offenheit sei. Ich hätte es niemals übers Herz gebracht, ihm zu sagen, daß ich ihn liebe, oder ihn zu bitten, mit mir zu beten oder ihn zu rufen, damit er meinem Klavierspiel zuhöre. Im Verkehr zwischen uns hatten sich schon gewisse Anstandsgesetze herausgebildet. Wir lebten ein jeder für sich: er mit seinen Arbeiten, an denen mich zu beteiligen ich weder brauchte, noch wünschte, ich mit meinem Müßiggang, der ihn nicht mehr kränkte und betrübte wie früher. Die Kinder waren noch zu klein, um uns aneinander zu binden.

Da brach aber das Frühjahr an. Katja und Ssonja kamen für den Sommer aufs Land, unser Haus in Nikolskoje wurde umgebaut, und wir siedelten nach Pokrowskoje über. Es war dasselbe alte Haus von Pokrowskoje mit seinem Ausziehtisch, dem Klavier in dem hellen Salon und meinem ehemaligen Zimmer mit den weißen Vorhängen und meinen gleichsam vergessenen Mädchenträumen. In diesem Zimmer standen zwei Kinderbetten: in dem einen, in dem ich einst selbst gelegen hatte, bekreuzigte ich jetzt jeden Abend den pausbackigen Kokoscha, und aus dem anderen, kleineren guckte das Gesicht des kleinen Wanja aus seinen Windeln hervor. Nachdem ich sie bekreuzigt hatte, blieb ich oft in der Mitte dieses stillen Stübchens stehen, und plötzlich stiegen aus allen Ecken, von den Wänden und den Vorhängen alte, vergessene Gesichte meiner Jugend auf. Alte Stimmen sangen Mädchenlieder. Wo sind aber diese Gesichte? Wo diese lieben, süßen Lieder? Alles, was ich kaum zu hoffen wagte, war in Erfüllung gegangen. Unklare, ineinanderfließende Träume waren zur Wirklichkeit geworden, und die Wirklichkeit hatte sich in ein schweres, mühseliges und freudloses Leben verwandelt. Dabei war aber alles noch das alte: der gleiche Garten liegt vor den Fenstern mit dem gleichen Rasenplatz und den gleichen Wegen; die gleiche Bank steht dort über der Schlucht, der gleiche Nachtigallengesang schallt vom Teiche herüber, die gleichen Fliederbüsche prangen in voller Blüte, und derselbe Mond steht über dem Hause; und doch hat sich alles in einer so schrecklichen, so unmöglichen Weise verändert! So kalt ist alles, was so lieb und so nahe sein könnte! Ich sitze genau wie einst mit Katja im Wohnzimmer, und wir sprechen leise von ihm. Katjas Gesicht ist aber von Runzeln durchfurcht und gelb, ihre Augen glänzen nicht mehr vor Freude und Hoffnung, sondern drücken teilnahmsvolle Trauer und Mitleid aus. Wir sprechen nicht mehr mit Entzücken von ihm, wir kritisieren ihn; wir staunen nicht mehr, warum und wofür uns dieses Glück beschieden ist und haben auch nicht mehr den Wunsch wie einst, der ganzen Welt unsere Gefühle und Gedanken mitzuteilen; wir tuscheln miteinander wie Verschworene und fragen uns zum hundertsten Male, warum sich alles so traurig geändert habe. Er ist aber noch immer derselbe, nur die Falte zwischen seinen Brauen ist tiefer geworden, an seinen Schläfen schimmern mehr graue Haare, aber sein tiefer, aufmerksamer Blick ist vor mir immer mit einer Wolke verhüllt. Auch ich bin noch immer dieselbe, aber in mir ist keine Liebe und kein Verlangen nach Liebe. Kein Bedürfnis nach Arbeit, keine Zufriedenheit mit mir selbst. Und so fern und unmöglich erscheinen mir jetzt meine religiösen Ekstasen, meine einstige Liebe zu ihm, die frühere Fülle meines Lebens. Jetzt würde ich nicht mehr begreifen, was mir einst so klar und gerecht erschien: das Glück, für einen anderen zu leben. Weshalb für einen anderen, wenn ich nicht mal für mich selbst leben will?