Ich hatte seit der damaligen Petersburger Reise die Musik ganz aufgegeben; aber das alte Klavier und die alten Noten weckten in mir wieder die alte Lust.
Eines Tages fühlte ich mich etwas unwohl und blieb allein zu Hause; Katja und Ssonja waren mit ihm nach Nikolskoje gefahren, um den Neubau zu besichtigen. Der Teetisch war gedeckt; ich ging hinunter, um auf sie zu warten, und setzte mich ans Klavier. Ich schlug die Sonate quasi una fantasia auf und begann zu spielen. Niemand war zu sehen oder zu hören, die Fenster nach dem Garten standen offen, und die bekannten Töne voller majestätischer Trauer klangen durch das Zimmer. Als ich mit dem ersten Teil zu Ende war, blickte ich aus alter Gewohnheit in den Winkel, wo er einst zu sitzen und mir zuzuhören pflegte. Er war aber nicht da; der Stuhl, den man schon lange nicht von der Stelle gerückt hatte, stand noch in seiner Ecke; durch das Fenster sah ich einen Fliederbusch, der sich vom hellen Abendhimmel abhob, und die Kühle des Abends strömte durch das offene Fenster herein. Ich stützte mich auf das Klavier, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und gab mich meinen Gedanken hin. Lange saß ich so, voller Schmerz der unwiederbringlichen alten Zeiten gedenkend und ängstlich in die Zukunft blickend. Aber die Zukunft schien leer, als ob ich mir nichts mehr erhoffte, nichts mehr ersehnte. – Habe ich denn mein Leben schon hinter mir? – fragte ich mich und hob entsetzt den Kopf. Um zu vergessen und nicht mehr zu denken, begann ich noch einmal dasselbe Andante zu spielen. – Mein Gott! – dachte ich mir, – verzeih mir, wenn ich schuldig bin, oder gib mir alles wieder, was in meiner Seele so schön war, oder lehre mich, was ich jetzt tun, wie ich leben soll! – Ein Wagen rollte über den Rasen und hielt vor dem Hause, auf der Terrasse ließen sich die bekannten vorsichtigen Schritte vernehmen, die gleich wieder verhallten. Aber diese bekannten Schritte weckten in meiner Seele nicht mehr das frühere Gefühl. Als ich zu Ende war, hörte ich diese Schritte hinter mir, und eine Hand legte sich auf meine Schulter.
»Wie klug von dir, daß du diese Sonate gespielt hast!« sagte er.
Ich schwieg.
»Hast du noch keinen Tee getrunken?«
Ich schüttelte verneinend den Kopf und sah mich nicht um, um die Spuren der Erregung auf meinem Gesicht nicht zu verraten.
»Katja und Ssonja kommen gleich nach: das Pferd wollte nicht recht laufen, sie sind an der Landstraße aus dem Wagen gestiegen und kommen zu Fuß,« sagte er.
»Wir wollen auf sie warten,« sagte ich und trat auf die Terrasse, in der Hoffnung, daß er mir folgen würde; er erkundigte sich aber nach den Kindern und ging zu ihnen. Seine Gegenwart, der Ton seiner einfachen, gütigen Stimme ließen es mir unglaublich erscheinen, daß ich etwas verloren hätte. Was soll ich mir noch wünschen? Er ist gütig und mild, er ist ein guter Gatte und Vater, ich weiß selbst nicht, was mir noch fehlt. Ich trat auf die Terrasse und setzte mich unter die Markise, auf die gleiche Bank, auf der ich am Tage unserer ersten Aussprache gesessen hatte. Die Sonne war schon untergegangen, es dämmerte, eine dunkle Frühlingswolke hing über dem Hause und dem Garten, und nur durch die Bäume war noch ein wolkenloser Streif des Himmels mit dem erlöschenden Abendrot und dem eben aufleuchtenden Abendstern zu sehen. Auf allen Dingen lag der Schatten der leichten Wolke, und alles wartete auf einen milden Frühlingsregen. Der Wind hatte sich gelegt, kein Blatt, kein Halm regte sich, der Duft des Flieders und des Faulbaums war im Garten und auf der Terrasse so stark, als stünde die ganze Luft in Blüte, und wogte bald stärker, bald schwächer, so daß man die Augen schließen wollte, um nichts zu sehen und nichts zu fühlen außer diesem süßen Duft. Die Georginen und die noch nicht aufgeblühten Rosen standen unbeweglich auf ihren aufgewühlten, schwarzen Beeten und schienen langsam an ihren weißen Stäben hinaufzuwachsen; die Frösche quakten unten in der Schlucht so laut und durchdringend, als wollten sie sich zum letztenmal vor dem Regen, der sie ins Wasser treiben würde, gehörig ausschreien. Ein ununterbrochenes, feines Rieseln tönte durch ihr Geschrei hindurch. Die Nachtigallen riefen einander etwas zu, und man hörte sie unruhig von der einen Stelle zu der anderen fliegen. Auch in diesem Frühling versuchte eine Nachtigall, sich im Gebüsch unter dem Fenster niederzulassen, und als ich hinaustrat, hörte ich, wie sie in die Allee flog, dort noch einen Triller losließ und dann erwartungsvoll verstummte.
Vergebens suchte ich mich zu beruhigen: ich erwartete und beklagte etwas.
Er kam hinunter und setzte sich neben mich.