»So ein guter Freund!« sagte sie.

Die Teilnahme dieses fremden und gütigen Menschen tat mir wirklich warm und wohl.

Man hörte Ssonja im Salon lustig kreischen, während er mit ihr spielte. Ich schickte ihm ein Glas Tee hinüber; dann hörten wir, wie er sich ans Klavier setzte und mit Ssonjas Händchen auf die Tasten schlug.

»Marja Alexandrowna!« hörte ich ihn rufen, »kommen Sie her, spielen Sie etwas.«

Es war mir angenehm, daß er sich so ungezwungen und in einem freundschaftlich gebieterischen Ton an mich wandte; ich stand auf und ging auf ihn zu.

»Spielen Sie mal das,« sagte er, das Beethovenheft bei dem Adagio der Sonate Quasi una fantasia aufschlagend. »Wir wollen mal sehen, wie Sie spielen,« fügte er hinzu und zog sich mit seinem Teeglas in eine Ecke des Salons zurück.

Ich hatte, ich weiß selbst nicht warum, das Gefühl, daß es mir unmöglich gewesen wäre, mich zu weigern oder vorauszuschicken, daß ich schlecht spiele; ich setzte mich gehorsam ans Klavier und spielte so gut ich konnte, obwohl ich mich vor seinem Urteil fürchtete: ich wußte, daß er sich auf Musik verstand und sie liebte. Das Adagio entsprach ganz der Stimmung der Erinnerungen, die das Gespräch am Teetisch in mir geweckt hatte, und ich spielte es, glaube ich, recht anständig. Aber das Scherzo wollte er mich nicht spielen lassen. »Nein, das werden Sie nicht gut spielen,« sagte er, auf mich zugehend. »Lassen Sie das, aber der erste Teil war nicht schlecht. Sie scheinen Verständnis für Musik zu haben.« Dieses recht mäßige Lob freute mich so sehr, daß ich sogar rot wurde. Es war mir so neu und so angenehm, daß er, der Freund und beinahe Altersgenosse meines Vaters, zu mir ernst und wie zu seinesgleichen sprach, und nicht wie zu einem Kinde wie einst. Katja ging mit Ssonja hinauf, um sie zu Bett zu bringen, und wir blieben allein im Salon.

Er erzählte mir von meinem Vater; wie er sich ihm angeschlossen hatte, wie lustig sie gelebt hatten, als ich mich noch mit meinen Lehrbüchern und Spielsachen abgab; und mein Vater erschien mir in diesen Erzählungen als ein einfacher und lieber Mensch, wie ich ihn noch gar nicht gekannt hatte. Er erkundigte sich auch danach, was ich besonders liebe, was ich lese, was ich zu unternehmen gedenke und gab mir Ratschläge. Er war jetzt für mich nicht mehr der stets zu Scherzen aufgelegte lustige Patron, der mich einst gerne neckte und mir Spielsachen anfertigte, sondern ein ernster, einfacher und liebender Mann, dem ich unwillkürlich Achtung und Sympathie entgegenbrachte. Es war mir so leicht und wohl ums Herz, zugleich spürte ich auch eine gewisse Befangenheit, als ich mit ihm sprach. Ich fürchtete für jedes meiner Worte; ich wollte bei ihm selbst die Liebe verdienen, die er mir schon aus dem Grunde entgegenbrachte, weil ich die Tochter meines Vaters war.

Nachdem Katja Ssonja zu Bett gebracht hatte, gesellte sie sich zu uns. Sie beklagte sich über meine Apathie, von der ich selbst nichts gesagt hatte.