– Ganz anders sprachst du zu mir einst von deinem Glücke, – dachte ich mir. – Wie groß es auch war, sagtest du, daß du noch mehr verlangtest. Jetzt aber bist du ruhig und zufrieden, während meine Seele voll unausgesprochener Reue und nicht ausgeweinter Tränen ist. –
»Auch mir ist es so wohl,« sagte ich, »aber gerade das, daß alles vor mir so schön ist, stimmt mich traurig. In meiner Seele ist alles so unharmonisch und unvollständig, ich verlange nach etwas, und hier ist alles so schön und ruhig. Mischt sich denn nicht auch bei dir eine Trauer in den Naturgenuß, sehnst du dich nicht nach der Vergangenheit zurück?«
Er nahm seine Hand von meinem Kopf und schwieg eine Weile.
»Ja, einst hatte auch ich dieses Gefühl, besonders im Frühjahr,« sagte er, als besänne er sich auf etwas. »Ich blieb manche Nacht auf, mir etwas ersehnend und auf etwas hoffend, und es waren schöne Nächte! … Aber damals hatte ich alles vor mir, und jetzt habe ich alles hinter mir; jetzt genügt mir das, was ist, und es ist mir so wohl ums Herz,« schloß er mit einer so lässigen Sicherheit, daß ich, wie schmerzlich mir es auch zu hören war, glauben mußte, daß er die Wahrheit spreche.
»Du hast also gar keine Wünsche?« fragte ich.
»Ich wünsche mir nichts Unmögliches,« antwortete er, mein Gefühl erratend. »Du machst dir den Kopf naß,« fügte er hinzu, mich wie ein Kind liebkosend und mir wieder mit der Hand über das Haar streichend. »Du beneidest die Blätter und das Gras, weil sie vom Regen benetzt werden, du möchtest selbst Gras, Laub und Regen sein. Ich aber freue mich nur über sie, wie über alles in der Welt, was schön, jung und glücklich ist.«
»Und betrauerst du nichts Vergangenes?« fragte ich weiter; ich fühlte, wie es mir immer schwerer ums Herz wurde.
Er wurde nachdenklich und schwieg. Ich sah, daß er mir ganz aufrichtig antworten wollte.
»Nein!« antwortete er kurz.
»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!« sagte ich, mich zu ihm wendend und ihm in die Augen blickend. »Betrauerst du nicht das Vergangene?«