Er war zu dem Adjutanten gekommen, um seinem Ärger und seinem Unwillen über die Leute Luft zu machen, die, wie er meinte, gegen ihn intriguieren, damit er nicht an dem bevorstehenden Kampfe teilnehme. Es sei häßlich, so zu handeln, sagt er, es sei nicht kameradschaftlich, er werde es ihnen schon gedenken u. s. w. So scharf ich auch seine Züge beobachtete, so aufmerksam ich auf den Klang seiner Stimme lauschte, ich mußte die Überzeugung gewinnen, daß er sich keineswegs verstellte, daß er vielmehr tief erregt und erbittert darüber war, daß man ihm nicht gestatten wollte, auf die Tscherkessen zu schießen und sich ihren Geschossen auszusetzen; er war so erbittert, wie ein Kind erbittert zu sein pflegt, das man eben unverdient gezüchtigt hat ... Mir war das alles gänzlich unverständlich.

VI

Um 10 Uhr abends sollten die Truppen ausrücken. Um halb neun stieg ich zu Pferde und ritt zum General. Da ich aber annahm, daß er und sein Adjutant beschäftigt seien, hielt ich an der Straße, band mein Pferd an den Zaun und setzte mich auf den Erdaufwurf, in der Absicht, dem General nachzueilen, wenn er ausreiten würde.

Die Glut und der helle Glanz der Sonne waren schon der Kühle der Nacht und dem matten Lichte des jungen Monds gewichen, der rings um sich her einen blassen, leuchtenden Halbkreis auf dem dunklen Blau des Sternenhimmels bildete und niederzugehen begann; durch die Fenster der Häuser und durch die Ritzen der Läden der Erdhütten schimmerten Lichter. Die schlanken Pappeln der Gärten, die sich am Horizont hinter den weißgetünchten, vom Mondlicht bestrahlten Erdhütten mit den Schilddächern abhoben, erschienen noch höher und dunkler.

Die langen Schatten der Häuser, der Bäume, der Zäune breiteten sich schön über den hellen staubigen Weg ... Vom Fluß her tönte ohne Unterlaß das Quarren der Frösche.[G] Auf den Straßen hörte man bald eilige Schritte und Gespräche, bald den Hufschlag von Pferden. Aus der Vorstadt klangen von Zeit zu Zeit die Klänge einer Drehorgel herüber: bald »Es wehen die Winde«, bald so was wie ein »Aurora-Walzer«.

[G] Die Frösche im Kaukasus bringen einen Laut hervor, der nichts gemein hat mit dem Quaken unserer Frösche.

Ich werde nicht sagen, was mich in Gedanken versunken beschäftigte: erstens weil ich mich schämen würde zu gestehen, daß es düstere Gedanken waren, die mich in unabweisbaren Scharen beschlichen, während ich rings um mich her nur Heiterkeit und Frohsinn beobachtete; zweitens aber, weil das nicht zu meiner Erzählung gehört. Ich war so in Gedanken versunken, daß ich nicht einmal bemerkte, daß die Glocke elf schlug und der General mit seinem Gefolge an mir vorüberritt.

Die Nachhut war noch in dem Festungsthore. Mit Mühe gelang es mir, über die Brücke zwischen den zusammengedrängten Geschützen, Pulverkasten, Kompagniewagen und der geräuschvoll kommandierenden Offiziere hindurchzukommen. Als ich durch das Thor hindurchgekommen war, setzte ich mein Pferd in Trab, ritt an den Truppen entlang, die sich nahezu eine Werst hinzogen und sich schweigend in der Dunkelheit vorwärts bewegten, und erreichte den General. Als ich an der Artillerie vorüberkam, die sich in gerader Linie hinzog, und an den Offizieren, die zwischen den Geschützen ritten, traf mich wie ein beleidigender Mißklang mitten durch die Stille und feierliche Harmonie die Stimme eines Deutschen. Er schrie: »Achtillechist, gieb mir die Lunte«, und die Stimme eines Soldaten schrie eilfertig: »Schewtschenko, der Herr Leutnant wünscht Feuer.«

Der größte Teil des Himmels hatte sich mit langen, dunklen, grauen Wolken bedeckt; hie und da nur schimmerten zwischen ihnen matte Sterne hindurch. Der Mond hatte sich schon hinter dem nahen Horizont der dunklen Berge verborgen, die zur Rechten sichtbar waren, und warf über ihren Gipfel ein schwaches, zitterndes Dämmerlicht, das sich scharf von dem undurchdringlichen Dunkel abhob, das über ihren Fuß gebreitet lag. Die Luft war warm und so still, daß sich nicht ein Gräschen, nicht ein Wölkchen regte. Es war so finster, daß man selbst in nächster Nähe die Gegenstände nicht unterscheiden konnte. Rechts und links vom Wege sah ich bald Felsen, bald Tiere, bald Menschen von sonderbarem Wesen – und ich erkannte erst dann, daß es Sträucher waren, wenn ich ihr Rascheln hörte und die Frische des Taus empfand, der an ihren Blättern hing. Vor mir sah ich eine dichte, wogende, schwarze Wand, hinter der einige bewegliche Punkte waren. Das war die Infanterie. In der ganzen Abteilung herrschte eine solche Stille, daß man deutlich all die verschwimmenden, von geheimnisvollem Zauber erfüllten Stimmen der Nacht hörte: das ferne, klagende Geheul der Schakale, das bald wie verzweifeltes Weinen, bald wie Lachen klang, das helle, einförmige Zirpen der Grillen, das Quaken der Frösche, den Schlag der Wachtel, einen herankommenden dumpfen Ton, dessen Ursprung ich mir nicht erklären konnte; und all die nächtlichen, kaum vernehmbaren Regungen der Natur, die man weder begreifen, noch näher erklären kann, flossen zusammen in den vollen Wohlklang, den wir Stille der Nacht nennen. Diese Stille der Nacht wurde unterbrochen oder, richtiger gesagt, floß zusammen mit dem dumpfen Hufschlag und dem Rascheln des hohen Grases, das die langsam vorwärtsgehende Abteilung hervorrief.