Mehr, sagte der Leutnant ärgerlich.

Und jetzt ist Ihnen ein Licht aufgegangen, zu spät, Väterchen! Das weiß alle Welt längst, daß er unser Regimentsfalschspieler ist, sagte Sch., er konnte sich kaum halten vor Lachen und war äußerst befriedigt von seinem Einfall. Da sehen Sie Guskow vor sich, der richtet ihm die Karten her. Darum sind Sie auch so befreundet, liebes Väterchen. Und der Stabskapitän Sch. brach in ein so gutmütiges Lachen aus und schüttelte sich so mit dem ganzen Körper, daß er das Glas Glühwein verschüttete, das er gerade in der Hand hielt. Auf Guskows gelbem, abgemagertem Gesicht zeigte sich eine Röte; er versuchte mehrere Male den Mund zu öffnen, hob die Finger zum Schnurrbart und ließ sie wieder zu der Stelle herabsinken, wo andere Leute Taschen haben, erhob sich und setzte sich wieder und sagte endlich wie mit fremder Stimme zu Sch.: Das ist kein Scherz, Nikolaj Iwanytsch. Sie sprechen hier solche Dinge und vor Leuten, die mich nicht kennen, und die mich in einem fadenscheinigen Pelzrock sehen, weil ... seine Stimme stockte, und wieder gingen seine kleinen roten Händchen mit den schmutzigen Nägeln von dem Pelz zum Gesicht und fuhren über den Schnurrbart, das Haar und die Nase, oder wischten die Augen klar, oder kratzten ohne alles Bedürfnis die Backen.

Was ist da viel zu reden, das wissen ja alle, Väterchen! fuhr Sch. fort, aufs innerste befriedigt von seinem Scherz und ohne im geringsten Guskows Erregung zu bemerken. Guskow flüsterte noch ein paar Worte, stützte den Ellbogen des rechten Arms auf das Knie des linken Beins, betrachtete in der unnatürlichsten Stellung Sch. und nahm eine Miene an, als ob er verächtlich lächelte.

»Nein, – sagte ich innerlich überzeugt, während ich dieses Lachen beobachtete – ich habe ihn nicht nur irgendwo gesehen, sondern auch mit ihm gesprochen.«

Wir sind uns schon einmal begegnet, sagte ich zu ihm, als Sch.s Lachen unter dem Eindruck des allgemeinen Schweigens sich zu legen begann. Guskows veränderliches Gesicht leuchtete plötzlich auf, und seine Augen hefteten sich zum erstenmal mit einem herzensfrohen Ausdruck auf mich.

Gewiß, ich habe Sie sogleich erkannt, begann er französisch. Im Jahre 48 hatte ich ziemlich oft das Vergnügen, Sie in Moskau bei meiner Schwester Iwaschina zu treffen.

Ich entschuldigte mich, daß ich ihn in dieser Tracht und in dieser neuen Kleidung nicht sofort erkannt hätte. Er erhob sich, trat auf mich zu, drückte mir mit seiner feuchten Hand zögernd, schwach die meinige und setzte sich neben mich. Anstatt mich anzusehen, den er so froh zu sein schien wiederzufinden, blickte er mit dem Ausdruck einer unbehaglichen Prahlsucht im Kreise der Offiziere umher. Geschah es, weil ich in ihm einen Mann erkannt, dem ich vor einigen Jahren im Frack im Salon begegnet war, oder weil er bei dieser Erinnerung plötzlich in seiner eigenen Meinung gestiegen war, genug mir schien, als hätte sich sein Gesicht, ja sogar seine Bewegungen, plötzlich verändert: sie zeigten jetzt einen lebhaften Geist, kindliche Selbstzufriedenheit im Bewußtsein dieses Geistes und eine gewisse geringschätzige Nachlässigkeit, so daß mein alter Bekannter – ich gestehe es – trotz seiner bedauernswerten Lage mir nicht mehr Mitleid einflößte, sondern ein gewisses Gefühl der Feindseligkeit.

Ich erinnerte mich lebhaft zurück an unsere erste Begegnung. Im Jahre 48 besuchte ich, während meines Aufenthaltes in Moskau, häufig Iwaschin, mit dem ich aufgewachsen war und mit dem mich eine alte Freundschaft verband. Seine Gattin war eine angenehme Wirtin, eine liebenswürdige Frau, wie man zu sagen pflegt, mir aber hat sie nie gefallen ... In dem Winter, in dem ich bei ihnen verkehrte, sprach sie oft mit schlecht verhehltem Stolz von ihrem Bruder, der vor kurzem seine Studien abgeschlossen und, wie sie sagte, einer der gebildetsten und in der guten Gesellschaft Petersburgs beliebtesten jungen Leute sei. Da ich vom Hörensagen Guskows Vater kannte, der sehr reich war und eine angesehene Stellung einnahm, und da ich die Anschauungsweise der Schwester kannte, kam ich dem jungen Guskow mit einem Vorurteil entgegen. Eines Abends, als ich Iwaschin besuchte, traf ich bei ihm einen mittelgroßen, nach seiner äußeren Erscheinung sehr angenehmen jungen Mann in schwarzem Frack, in weißer Weste und heller Binde, mit dem der Hausherr mich bekannt zu machen vergaß. Der junge Mann, der sich offenbar anschickte, auf einen Ball zu gehen, stand mit dem Hute in der Hand vor Iwaschin und disputierte hitzig, aber höflich mit ihm über einen unserer gemeinsamen Bekannten, der sich damals im ungarischen Feldzuge ausgezeichnet hatte. Er meinte, dieser Bekannte sei durchaus kein Held und nicht für den Krieg geschaffen, wie man von ihm sage, sondern nur ein kluger und gebildeter Mann. Ich erinnere mich, ich nahm in dem Streit gegen Guskow Partei, und ließ mich fortreißen, ihm sogar zu beweisen, daß Klugheit und Bildung stets im umgekehrten Verhältnisse zur Tapferkeit ständen, und ich erinnere mich, wie Guskow in liebenswürdiger und kluger Weise mir auseinandersetzte, daß Tapferkeit die notwendige Folge der Klugheit und eines gewissen Grades geistiger Entwicklung sei, und daß ich dem, da ich mich selbst für einen klugen und gebildeten Mann hielt, nicht anders als zustimmen konnte! Ich erinnere mich, daß mich Frau Iwaschina am Schlusse unseres Gesprächs mit ihrem Bruder bekannt machte, und er mir mit einem herablassenden Lächeln seine kleine Hand reichte, auf die er den weißen Handschuh erst halb gezogen hatte, und daß er mir ebenso schwach und zögernd wie jetzt die Hand gedrückt hatte. Obgleich ich gegen ihn voreingenommen war, mußte ich damals Guskow Gerechtigkeit widerfahren lassen und seiner Schwester darin beistimmen, daß er wirklich ein kluger und liebenswürdiger junger Mann war, der in der Gesellschaft Erfolge haben müsse. Er war außerordentlich sauber und gut gekleidet, jugendfrisch, hatte sichere, bescheidene Manieren und ein ungemein jugendliches, fast kindliches Aussehen, um dessentwillen man ihm unwillkürlich den Ausdruck der Selbstgefälligkeit und den Wunsch, anderen seine Überlegenheit empfinden zu lassen, den sein kluges Gesicht und besonders sein Lächeln beständig zur Schau trug, gern verzeihen mochte. Man erzählte sich, er habe in diesem Winter große Erfolge bei den Moskauer Damen gehabt. Da ich ihn bei seiner Schwester sah, konnte ich nur aus dem Ausdruck von Glück und Zufriedenheit, den sein jugendliches Äußeres beständig zeigte, und aus seinen bisweilen unbescheidenen Erzählungen schließen, bis zu welchem Grade das berechtigt war. Wir begegneten einander wohl sechsmal und sprachen ziemlich viel miteinander, oder genauer gesagt, er sprach meist französisch in vorzüglicher Ausdrucksweise, sehr gewählt und bilderreich, und verstand es, anderen in der Unterhaltung in gefälliger, höflicher Weise ins Wort zu fallen. Er verkehrte überhaupt mit allen, auch mit mir, ziemlich von oben herab; und, wie es mir immer geht im Umgange mit Menschen, die mit der festen Überzeugung auftreten, daß man mit mir von oben herab verkehren könne und mit denen ich nicht genauer bekannt bin, fühlte ich auch hier, daß er in diesem Punkte ganz im Rechte war.

Jetzt, da er sich zu mir setzte und mir selbst die Hand reichte, erkannte ich in ihm den früheren hochmütigen Ausdruck lebhaft wieder, und es schien mir, als nütze er in nicht ganz ehrenhafter Weise den Vorteil seiner Lage als eines Subalternen dem Offizier gegenüber aus, indem er mich so leichthin fragte, was ich die ganze Zeit hindurch gemacht habe und wie ich hierher gekommen sei. Obgleich ich auf jede Frage russisch antwortete, begann er immer wieder französisch; aber er drückte sich offenbar nicht mehr so geläufig in dieser Sprache aus wie früher. Von sich erzählte er mir so nebenbei, er habe nach seiner unglückseligen, dummen Geschichte (was das für eine Geschichte war, weiß ich nicht und hat er mir auch nicht erzählt) drei Monate im Arrest gesessen, dann sei er in den Kaukasus in das N.-Regiment geschickt worden und diene jetzt schon drei Jahre als Gemeiner in diesem Regimente.

Sie werden es nicht glauben, sagte er zu mir französisch, was ich alles in diesen Regimentern von den Offizieren habe leiden müssen! Ein Glück für mich, daß ich von früher her den Adjutanten gekannt habe, von dem wir eben gesprochen haben; er ist ein guter Mensch, wirklich, bemerkte er in höflichem Tone – ich wohne bei ihm und für mich ist das immer eine kleine Erleichterung. Oui, mon cher, les jours se suivent, mais ne se ressemblent pas, fügte er hinzu, aber er stockte, wurde rot und erhob sich, denn er hatte bemerkt, daß eben der Adjutant, von dem wir sprachen, auf uns zukam.