»Aber morgen muß ich mich am Verbandort als verwundet einschreiben lassen,« dachte der Stabskapitän, als der herbeigekommene Feldscher ihn verband.
XIV
Hunderte von frischen, blutigen Menschenkörpern, die vor zwei Stunden noch von den mannigfaltigsten, erhabenen und kleinlichen Hoffnungen und Wünschen erfüllt waren, lagen mit erstarrten Gliedern in dem betauten, blumenreichen Thale, das die Bastion vom Laufgraben trennte, und auf dem ebenen Fußboden der Totenkapelle in Sewastopol; Hunderte von Menschen, mit Verwünschungen und Gebeten auf den vertrockneten Lippen, krochen, wanden sich und stöhnten: die einen zwischen den Leichnamen im blumenreichen Thal, die anderen auf Tragbahren, Pritschen und der blutigen Diele des Verbandortes; und gerade so, wie an früheren Tagen, stand Wetterleuchten über dem Ssapunberg, erbleichten die glänzenden Sterne, kam ein weißer Nebel vom brausenden, dunkeln Meere daher gezogen, flammte die helle Morgenröte im Osten auf, zerstreuten sich die dunklen Gewitterwölkchen am hellblauen Horizont, und gerade so wie an den früheren Tagen tauchte, der ganzen erwachenden Welt Freude, Liebe und Glück verheißend, das mächtige, schöne Tagesgestirn empor.
XV
Am folgenden Tage, gegen Abend, spielte wieder eine Jägerkapelle auf dem Boulevard, und wieder spazierten Offiziere, Junker, Soldaten und junge Frauenzimmer müßig in der Nähe des Pavillons und in den niedrigen, von blühenden, wohlriechenden, weißen Akazien gebildeten Alleen.
Kalugin, Fürst Galzin und ein Oberst gingen Arm in Arm um den Pavillon und sprachen von dem Gefecht des vergangenen Tages.
Der leitende Faden ihres Gesprächs war, wie es immer in ähnlichen Fällen zu sein pflegt, nicht das Gefecht selbst, sondern der Anteil, den der Erzählende an dem Gefecht genommen hatte. Ihr Aussehen und der Klang ihrer Stimme war ernst, beinahe traurig, als ob die Verluste des gestrigen Tages jeden von ihnen berührten und schmerzten; in Wahrheit aber war dieser Ausdruck der Trauer, da niemand von ihnen einen nahestehenden Menschen verloren hatte, der offizielle Ausdruck, den sie für ihre Pflicht hielten zur Schau zu tragen. Kalugin und der Oberst wären jeden Tag bereit gewesen, ein solches Gefecht mitzumachen, wenn sie nur jedesmal einen goldenen Säbel oder den Generalmajor bekommen hätten, obgleich sie sehr nette Menschen waren. Ich höre es gern, wenn man einen Eroberer wegen seines Ehrgeizes, der Millionen zu Grunde richtet, einen Unmenschen nennt. Man frage aber den Fähnrich Petruschow und den Unterleutnant Antonow und andere aufs Gewissen, dann ist jeder von uns ein kleiner Napoleon, ein kleiner Unmensch, und jeden Augenblick bereit, einen Kampf aufzunehmen und hunderte Menschen zu töten, nur um einen unnützen Orden oder ein Drittel seiner Gage zu bekommen.
Nein, entschuldigen Sie, sagte der Oberst, erst ist es auf dem linken Flügel losgegangen, ich bin ja dort gewesen.