Am 21. Dezember kam leichter Südwestwind auf. Die Anker wurden gelichtet, das Ruder probiert, der Motor angewärmt, und nochmals alles überholt. Der Motor zündete krachend, und wir verließen das enge Fahrwasser der Norderaue. Das Schiff haute auf eine Sandbank auf, denn es war dort bei Hochwasser nur ein Fuß Wasser mehr, als das Schiff Tiefgang hatte. Die Masten zitterten, bewiesen aber beim Auflaufen ihre Stärke. Denn die Werft hatte gewußt, was es heißt, einen tüchtigen »Seeadler« zu bauen.

Die Norderaue hatten wir glücklich passiert, draußen vor der Boje setzten wir Segel. Es war schmuddlige Dezemberluft, naßkalt und unfreundlich; die griesgraue Nordsee frischte langsam auf. Voll standen die Segel, 2600 qm Segelfläche, an den 50 m hohen Masten. Mit voller Fahrt ging es längs der deutschen Küste unter den Klängen von »Deutschland, Deutschland über alles« und des alten Seemannsliedes »La Paloma« dahin.

Von hinten wurde die deutsche Vorpostenkette durchbrochen, die auf Wache lag gegen plötzliche feindliche Angriffe. Wie waren sie überrascht, als sie plötzlich ein Schiff des Friedens durch die graue Wand des Nebels hervortreten sahen.

Wir passieren die deutsche Vorpostenkette.

»Ein Segelschiff? wo sall dat hen, wo geit de hen?« Sie vermuteten, daß wir ein deutsches Schiff waren und aus der Heimat kamen. Die Vorpostenboote waren gerade verstärkt, weil die Ablösung für die Weihnachtszeit angekommen war; so standen viele Boote draußen, und trotzdem sie nach Hause wollten und Weihnachten feiern, machten sie sich in ihrer Begeisterung auf und folgten dem vollen Segler. Sie begleiteten uns ein Stück, aber wir gingen mit Segel- und Motorkraft so schnell, daß sie nicht mitkamen. Mancher von den Kameraden, den man gefragt hätte, ob er mitkommen wollte, hätte doch wohl das Weihnachtsfest vorgezogen, statt auf dem alten Windjammer ins Ungewisse zu fahren, in den Himmel oder in die Gefangenschaft. Mensch sei froh, daß du nach Hause darfst, fühl dich doppelt mollig bei dem Gedanken! Was lauerten da für Gefahren in dem trüben Morgen! Minen, feindliche und eigene U-Boote, die einen abschießen konnten, Blockade und feindliche Kreuzer. An alles das dachten wir nicht, sondern Durch!! war unsere Devise. Wohin, war einerlei für uns.

Abends gegen zehn Uhr hatten wir schon Hornsriff. Dann kamen wir längs der dänischen Küste. Um acht Uhr morgens sollten wir vor dem Skagerrak stehen, um für den Feind den Eindruck zu erwecken, daß wir tatsächlich aus einem neutralen Hafen kämen. Da plötzlich springt der Wind um nach Norden. Was tun? Wir können nicht weiter nach Norden. Es bleiben uns nur noch drei Wege offen. Zurück wollten wir nicht, rechts war Land, links lagen die Minenfelder. Land hat keine Lücken. Minen haben Lücken! So war der einzige Weg der nach links. Der resolute Entschluß ist die beste Weisheit. Hart backbord! Alle Mann in Schwimmwesten an Deck! Und das Glück ließ uns die Lücken treffen. Wir haben den Minengürtel durchfahren und kamen unversehrt in die freie Nordsee. Der Wind frischte immer mehr auf. Wir fuhren nicht etwa an der norwegischen Küste, auch nicht in der Mitte, sondern, wer das reinste Gewissen hat, geht dem Feind am nächsten! In Sicht der englischen Küste sausten wir längs.

Wir hatten Glück und der Seemann ist abergläubisch. In jenen Tagen, als ich den »Seeadler« bekam, war ich in Erinnerung an die wunderbare Erhaltung und Unverletzlichkeit von S. M. S. »Kronprinz« und seiner Mannschaft in der Skagerrakschlacht zu unserer Frau Kronprinzessin gegangen mit der Bitte, ob sie nicht auch unser Schutzengel sein wollte auf der weiten, gefahrvollen Fahrt. Während der vielen Vorbereitungsarbeiten hatte man nicht mehr Zeit, an dieses und jenes zu denken. In der Nacht aber, als ich an Bord ging und man der Heimat »Lebewohl« sagen sollte und von ernsten Gedanken bewegt war: Die Leute ahnen nicht, wohin es gehen soll, man ist der einzig Verantwortliche, und man kämpft mit der Frage: »Wird auch alles gelingen?« Dort draußen liegen die Minenfelder und Sperrfahrzeuge, die man durchbrechen soll ..., da, kurz vor der Abfahrt, eilen plötzlich in der dunklen Nacht zwei Ordonnanzen heran mit dem Ruf: »Hofpost.« »Hofpost?« Ein Paket »Eingeschrieben« und »Eilt«, »Potsdam, Marmorpalais.« Der Schlepper hat schon losgeworfen und riß uns von der Heimat ab. In der Kajüte erbrach ich mit aufgeregter Hand das Paket; wie ich das Siegel löste, da hielt ich das Bild unserer Frau Kronprinzessin mit meinem Patenkind, der Prinzessin Alexandrine in Händen. Darunter las ich im trüben Licht der Laterne: »Gott schütze S. M. S. Seeadler!« Wie wohl das tat! Ich empfand eine wundervolle Freude: Jetzt kann kommen, was da will, wir hatten Vertrauen zu allem! Das Bild unserer Frau Kronprinzessin war das einzige, das in der Kajüte hing neben dem dicken Eduard und König Haakon, so, daß wir es jederzeit herabnehmen konnten, wenn uns die Kriegslist zwang, unsern Stolz als Deutsche zu verhüllen. Sie war unser Schutzengel in Sturm und Krieg, nicht nur für uns, sondern auch für die Feinde: Es gab keinen Toten, keinen Verwundeten, auch nicht beim Feind. Als unser Schiff später verloren ging, wurden alle meine Jungs gerettet, und sie haben aus den Trümmern das Bild mit in die Heimat zurückgebracht.