Am 23. Dezember kam der Tag, an den sich noch mancher erinnern dürfte, der im Norden Deutschlands lebt, der Tag, an welchem einer der schwersten Stürme unsere Küsten heimsuchte. Auch wir haben die Gewalt dieses Orkans zu spüren bekommen. Der südliche Wind hatte uns bisher ein gutes Stück von der Heimat vorwärtsgebracht, als er unter starkem Fallen des Barometers plötzlich auf Südwest umsprang. Von Stunde zu Stunde frischte er stärker auf und wuchs allmählich zum Sturm. Alle Leinwand war gesetzt bis auf Roils-, Oberbram- und die kleineren Stagsegel. Der Sturm bot die günstige Gelegenheit, um alles aus dem Schiff herauszuholen. Gerade in dieser Nacht, wo es darauf ankam, die Hauptblockaden zu durchbrechen, mußten wir ihn als ein günstiges Geschick ansehen. Mit Sturmsegeln sausten wir längs. Das Schiff lag so schwer über, daß die ganze Leebordwand unter Wasser war. Der Verkehr über Deck war nicht mehr möglich, sondern die Leute mußten an der Außenbordseite an Strecktauen laufen. Alles stand zum Biegen und Brechen. Die Masten zitterten, das Schiff bebte; Preventerketten wurden zur Verstärkung an die Vor- und Großschoten aufgesetzt. Wir mußten alles wagen, wir konnten es auch, denn wir waren vor keinem Handelsherrn verantwortlich, sondern nur vor unserm obersten Kriegsherrn. Wir mußten den Wind ausnützen, er war ein Geschenk des Himmels. Auch wenn Topp und Takel von oben kam, so war die Gefahr nicht so groß als eine Untersuchung mit unseren schmierigen Papieren. Der Sturm pfeift und heult durch die Takelage. Hier und da brechen Schotenketten von den oberen Segeln; in wenigen Minuten ist die Leinwand aus den Liken gerissen, und ehe man die Segel festmachen kann, sieht man sie als zerfetzte Lappen hoch in der Luft über das Meer hinwegflattern. Wir laufen 15 Meilen Fahrt.

»... der Tag, an den sich noch mancher erinnern dürfte«.

Abends 11 Uhr passieren wir die erste Blockade. Alles stiert mit den Gläsern in der Hand durch die Dunkelheit, um ein Blockadeschiff ausfindig zu machen. Die Augenblicke höchster Spannung setzen ein. Kein Schiff zu sehen. Dem Feind war das Fallen des Barometers eine Warnung gewesen, und er hatte es vorgezogen, sich in Lee der Inseln von England in Sicherheit zu bringen. Aber ein Schiff war da, das kühn die Gelegenheit ausnützte, der »Seeadler«. Stampfend durchbrach er die Wogen, ein weißes Kielwasser hinter sich lassend, der Gischt wurde mit aller Kraft auseinandergepeitscht, Motor, Segel und der gute Geist, alles half und schob am Schiff; es war ein wundervolles Gefühl. Immer schwerer wird der Sturm, immer mehr Kraft liegt auf allem, was die Takelage hält und trägt, Pardunen, Wanten und Brassen, alles knarrt und zittert, angespannt wie zu straff gezogene Saiten. Viel kann man nicht mehr geben, aber man wagt!

Auch das Schiff legt sich immer mehr über. Man konnte nicht an Deck stehen, sondern saß auf der Reeling oder gegen die Lichtschächte gelehnt. Die zwei kleinen Hunde, die ich mit an Bord hatte, Piperle und Schnäuzchen, lagen, als ich einmal hinunterkam, auf der Seitenwand der Kajüte, auf einem norwegischen Kissen zusammengepfercht; der Fußboden war ihnen zu schräg. Das starke Überliegen bedeutet aber für ein Segelschiff nicht viel, da es wie ein Stehauf ist, der wieder auf die Füße kommt. Es kann über ein gewisses Maß hinaus nicht gedrückt werden. Der Sturm ist nicht das Gefährliche, sondern die See, und diese konnte uns nicht viel schaden, da wir unter Lee von England fuhren. »Durch« blieb unsere Devise.

Wir fuhren mit brennenden Positionslampen, steuerbord grün und backbord rot: Denn hier ist reines Gewissen, wir wollen ja nur durch. Gewaltig rollt und tobt die See von achtern auf. Hier und da schlagen schwere Brechseen über Deck, die aber infolge des Überliegens des Schiffes wie ein Wasserfall darüber hinbrausen und auf der anderen Seite ins Meer herabstürzen. Die beiden Rudersmänner sind am Steuer festgeschnallt, alles schüttert von dem Druck, der auf der Takelage liegt. Von vier zu vier Stunden durchmessen wir einen Breitengrad. Mit der Uhr in der Hand rechnen wir: Jetzt ist die Sperre passiert, jetzt jene und heute nacht 12 Uhr kriegen wir Hauptsperre zwischen Shetland und Bergen. Noch eine Stunde, wenn wir die erst hinter uns hätten! So oft Wachablösung war, hieß es: Wir haben keinen Engländer gesehen. ½ 12 Uhr, nichts, ¾ 12 Uhr nichts, Mitternacht nichts. Jetzt passieren wir die Hauptsperre, aber was heißt Sperre, wenn niemand da ist? Wir geben noch eine viertel, noch eine halbe Stunde zu: Kein Feind weit und breit! Der Wind war unser Freund. Wir dachten: Der gerade Weg ist der kürzeste; wenn wir den Orkan ausnutzen, durch die Orkneys und Shetlands hindurchgehen, dann haben wir ein paar Meilen gespart. Fahren wir also direkt hindurch!

Im Begriff, den Kurs zu ändern, springt der Wind um acht Strich nach Westnordwest. Das war uns wie ein Finger Gottes: Hier gehst du nicht durch, Seeadler! Und so wurden wir hinaufgeworfen bis Island.

Wir konnten nichts tun, als uns treiben lassen, immer höher hinauf. Lieber in Eis und Schnee stecken bleiben, als zur Shetlandssperre zurück oder in die Nähe von Kirkwall! Naturgewalt ist weniger schlimm als Feindesgewalt, insonderheit seine drahtlosen Rückfragen. Am nächsten Tage fingen wir einen Funkspruch auf, der mitteilte, daß der Orkan daheim Häuser abgedeckt und besonders in Emden und Wilhelmshaven viele Schiffe losgerissen hätte.