»Beginnende Vereisung.«
Jetzt begann die bittere Kälte. Wir gerieten aus dem Golfstrom heraus in die Gegend, wo nur eine halbe Stunde Tag war und die Sonne, die um 11 Uhr aufging, um ½ 12 Uhr schon wieder verschwand. Die See wurde immer schwerer, weil sie weiter ausholen konnte, und die Wellen, die über Deck gingen und durch die Ritzen der Ladung liefen, erstarrten in dem grimmigen Frost; das ganze Vorschiff war bald vereist. Das Schlimmste war, daß die Taue vom Eis so verdickten, daß sie nicht mehr durch die Blöcke gingen. Wir versuchten sie mit Sauerstoffapparaten aufzutauen, aber es half nichts. Die unteren Segel, auf welche das Wasser gespritzt war, standen wie Bretter. Die geheimnisvollen Luken waren zugefroren und die vierzig Menschen unten eingepfercht, die vierundzwanzig oben aber ohne genügende Decken, der Möglichkeit beraubt, zu ihren Kojen zu gehen.
Vierthalb Tage stand man an Deck. Die Spannung erlaubte nicht, ins Bett zu gehen, nur im Kartenhaus habe ich ein bißchen gegessen und geruht. Die Finger konnten wir nicht mehr aufkriegen, der Mund war steif von Kälte. Man rutschte auf dem spiegelblanken Deck umher, das so glatt war, daß man sich nirgends auf den Füßen halten konnte. Wohin man griff, war Eis. Aber eines war noch warm, eines dampfte, vorn und achtern, der Grogkessel. Das surrte und das schnurrte; der Deckel snackerte so mit. Ordentlich Rum hinein, und dann mal her, das tut gut! Wenn einer von draußen hereinkam, konnte er nichts mehr fassen, er preßte das Grogglas zwischen die Hände, ließ sich nichts von dem Duft entgehen, die Dämpfe mußten den Mund erst beweglich machen. Man taute sich tatsächlich daran auf.
Wie dankte man dem, der den Grog erfunden hatte! Wenn ich an die Hamburger Bezeichnung des Grogs als Eisbrecher denke, dort oben habe ich erst die wahre Bedeutung des Wortes empfunden. Denn dort fror alles zusammen, der Dampf der Nase und des Mundes. Es federte alles um das Gesicht umher, wie um ein Walroßmaul. Leute, die daheim mit Grog renommieren, haben ja keine Ahnung davon. So richtig schmeckt er erst, wo die Sonne nicht aufgeht.
Wir mußten das Schiff sich selbst überlassen, konnten kein Tauwerk bedienen. Ein seltsames Gefühl, auf dem erstarrten Fahrzeug nicht mehr Seemann zu sein, sondern als ohnmächtiger Passagier in der Gnade des Himmels zu fahren! Wir überließen uns dem arktischen Klabautermann und durften nur damit rechnen, daß der Wind endlich nördlich umsprang. Er tat uns auch schließlich den Gefallen, und nun kamen wir südlich und wurden mit Axt und Picke der Eislast Herr, um das Schiff wieder zum Manöverieren zu bringen. Wir setzten nun alle Segel und gingen zwischen den Färöer und Island in den Atlantik.
»... und gingen zwischen den Färöer und Island in den Atlantik.«
(Aufnahme des unerkannten »Seeadlers« von Bord eines feindlichen Schiffes aus, das wir gleich darauf versenkten.)