»Charles Gounod« steuert ihren letzten Kurs.

Es war die »Charles Gounod«, die mit Mais von Durban kam. Ich habe ein sehr bescheidenes Musikverständnis, aber mein Lieblingslied ist Gounods »Liebchen komm’ mit in das duftige Grün«. Nun muß ich also gerade meinen Lieblingskomponisten versenken! Der Kapitän imponierte mir außerordentlich, nicht nur durch seine hohe Bildung, sondern vor allem durch die Aufrichtigkeit, mit welcher er zu verstehen gab, daß er unser Feind sei. Er verhielt sich peinlich korrekt, respektvoll gegen den Feind, aber vermied den leisesten Hauch einer Annäherung.

Der letzte Augenblick über Wasser.

Es erfolgte nun die Übernahme des Proviantes. Viel Rotwein und drei große fette Schweine wurden herübergebracht. »Piperle« war wieder der erste mit im Boot gewesen. Sobald ein Schiff in Sicht kam, wich er nicht von der Stelle, wo das Boot ins Wasser gelassen wurde. Kläffend raste er dann an Bord des gekaperten Schiffes umher, ob nicht ein Kollege zu finden wäre. Piperle war ein Original von Tier, der Liebling von Freund und Feind an Bord. Es war ein Hund, der nie das Gefühl hatte, »das ist mein Herr«, sondern »alle sind meine Freunde«. Er kannte jeden einzelnen. Morgens war sein erster Weg durch das Schiff, um jeden zu begrüßen und wieder von jedem begrüßt zu werden. Selbst an die Uhrzeiten hatte er sich gewöhnt. Besonders, wenn Proviantausgabe ist, wird er nie fehlen, um mit dem Proviantmeister in den Proviantraum zu gehen, wo allerlei Leckerbissen für ihn abfallen. Von hier hat er’s bereits wieder eilig, dem »Schnäuzchen« guten Tag zu sagen; trotzdem sie ihn immer, sowie er die Kajüte betritt, als neidischer Teckel anknurrt, bleibt er stets der alte, brave, entgegenkommende Kerl. Lange hält er sich nicht auf; eine kurze Visitenkartenabgabe an die Portiere, zum Zeichen, daß er da war, und er verschwindet wieder, ob sich nicht mittlerweile an Deck etwas ereignet hat, wo er dabei sein muß. Da steht er dann, hier und dort mal über Bord und mit der Nase in der Luft schnüffelnd, ob er nicht auch einmal ein Schiff entdecken und melden kann.

Unser Kurs führte uns zunächst nach unserem Piratenrevier, das sich auf 5 Grad nördlich vom Äquator und 30 Grad westlicher Länge befand. Es war insofern hier unser günstigstes Gebiet, als alle Segelschiffe, die aus dem Südostpassat kommen und nach Norden steuern, die Gegend dieser Längen- und Breitengrade schneiden müssen. Da hier ein steter gleichmäßiger Passat weht, kein schlechtes Wetter vorkommt und die Luft weithin sichtig ist, so hatten wir die Möglichkeit, von unseren hohen Masten 30 Seemeilen nach jeder Seite zu übersehen.

Auch ein Kapitän, der sich gerade auf der Hochzeitsreise befand, lief dem gemütlich zwinkernden Seeteufel in die Arme. Wir sahen einen Dreimastschoner und glaubten zunächst, es sei ein Amerikaner, weil die Yankees diesen Schonertyp bevorzugen. Es konnte möglicherweise aber auch ein kanadischer Schoner sein. Da wir uns damals noch nicht mit Amerika im Krieg befanden, hielten wir es für richtig, um unerkannt zu bleiben, ihn nicht anzugreifen, sondern heißten nur die norwegische Flagge, um ihn zu veranlassen, auch die seinige zu zeigen. Der Kapitän auf dem Schoner antwortete nicht mit derselben Höflichkeit, sondern mochte bei sich denken: »Was geht mich der Norweger an?« Wir holten die Flagge zum Gruß herunter und heißten sie wieder auf. Seine junge Frau, die das sah, warf ihrem Manne vor, daß er doch reichlich unhöflich sei, und forderte ihn auf, wenigstens seine Flagge zu zeigen. Wir selbst dachten schon bei uns: »Laß den Flegel laufen,« da ruft plötzlich der Ausguck: »Das ist kein Amerikaner, die englische Flagge geht hoch!« Hart Steuerbord! Er war ziemlich weit ab. Kriegsflagge hoch, Schuß vorn Bug! Es erfolgt nichts: noch einen Schuß! Der Schoner dreht bei. Es war der kanadische Schoner »Percé«.