Boote wurden ausgesetzt. Nachdem wir so lange kein Land gesehen hatten, fühlten wir uns ungefähr wie Kolumbus. Jan Maat, der neun Monate lang nur Mastenklettern, Segelmanöver, Rudern und Ausguckposten erlebt hatte, bis seine Arme vom ständigen Tauziehen noch einmal so lang geworden waren, eilte nun dem Genuß tropischen Tier- und Pflanzenlebens zu. Wir Haifische der See, die selbst in unserm schweren Dienst unablässig noch stärkere Raubtiere, die nach uns suchenden Kreuzer auf unserer Spur wußten, verwandelten uns nach langer Nervenanspannung in friedliche Sommerfrischler als Gäste der Franzosen, die uns ihr Mopelia zur Verfügung stellen mußten. Wie überrascht waren wir, als wir an Land kamen, über das, was wir hier alles fanden. Millionen von Seevögeln der verschiedensten Arten nisteten hier. Die Schildkröte hat dort ihre Heimat und Brutstätte. Fische waren in Unmengen vorhanden, auch viele verwilderte Schweine, die vor Jahren einmal ausgesetzt waren und sich von den heruntergefallenen Kokosnüssen nährten. Mehr Möglichkeiten, frischen Proviant zu finden, konnten wir nicht erwarten. Auch drei Eingeborene fanden wir, die von einer französischen Firma hier abgesetzt waren, um Schildkröten zu fangen. Die Kanackers waren anfangs sehr besorgt, als sie uns als Deutsche erkannten, aber durch unser herzliches Entgegenkommen gewannen wir bald ihr Vertrauen, und sie boten uns ihre Unterstützung an.
Meine Jungs verteilen sich zunächst gruppenweise, um ihre Neugier zu befriedigen, laufen hierhin und dorthin; einige fangen Fische, die sich in den ausgewaschenen Korallenbecken aufhalten, die andern sammeln Vogeleier; dort haben verschiedene den Arm voll Kokosnüsse; unser Koch ist dabei, eins der verwilderten Schweine zu schlachten; dort sieht man, wie fünf bis sechs eine große Schildkröte auf den Rücken geworfen haben und an einem Tau über den Sand hinziehen. Andere wieder fangen Langusten, kurz und gut, jeder hat irgend etwas, um ein gutes Mahl herzurichten. Wie wir mit dem Boot wieder an Bord zurückfahren, ist es schwer beladen mit den schönsten Delikatessen. Ein förmliches Diner stand als Abendbrot auf dem Tisch: Schweinebraten, Schildkrötensuppe mit Eiern, Langusten, Möweneier; selbst der wohlhabendste Mann konnte sich nichts Besseres leisten. Wir erholten uns schnell und trafen unsere Vorbereitungen für die weitere Kreuzerfahrt. Eine Fischräucherei wurde ausgemacht, Schildkröten und Schweinefleisch eingesalzen und Eier zu Tausenden in Salz eingelegt.
»... Der Ankerplatz machte uns anfänglich Sorge.«
Der Ankerplatz machte uns anfänglich Sorge und wir überlegten, ob wir das Schiff nicht frei im Meere treiben lassen und nur abends und morgens je einmal an Land fahren sollten. Das hätte uns aber zu viel unserer kostbaren Motorkraft gekostet und außerdem war der Motor selbst sehr ausbesserungsbedürftig. Deshalb versuchten wir, mit allen Sicherheitsmaßnahmen zu ankern. Es zeigte sich bald, daß der Anker vom Riff schlippte; das stärkte unser Vertrauen, denn wenn der Strom so stark war, daß selbst der Anker nicht hielt, so war ein Herumschwoien des Schiffes an das Korallenriff durch etwaiges Umspringen des Windes unmöglich.
Am 2. August, morgens gegen ½ 10 Uhr, gerade im Begriff, das Beurlaubtenboot an Land zu schicken, sieht man am Horizont die Meeresoberfläche eigentümlich schwellen. Was ist das? Man vermutet anfangs eine Fata Morgana; nach einer gewissen Zeit sieht man, wie die Schwellung immer näher heranrollt, immer höher, je näher sie kommt. Es war eine Flutwelle, die durch ein Seebeben entstanden war. Wir disputierten noch über die Erscheinung, die uns unerklärlich war, da keiner von uns bisher ein Seebeben erlebt hatte. Aber man begreift die Gefahr: »Kappt die Anker, Motor klar, alle Mann an Deck« sind die sofortigen Befehle. Immer näher rollt die Flut heran, und immer kräftiger wiederholen sich die Kommandos »Motor klar!« Die Preßluft wird hineingedrückt, aber der Motor springt nicht an. Mit fieberhafter Erwartung horcht man in den Maschinenraum, immer wieder wird Preßluft eingedrückt, man lauscht auf die Zündung, alles ist tätig ... und näher rollt das Ungetüm heran. Schon dünt das Schiff in der vorauseilenden Schwell. Man kann die Sekunden zählen, die zur Rettung übrigbleiben. Alles horcht bang auf den Motor. Zu spät! Hoch rast die Flut heran, packt unsere Planken, hebt sie empor und schleudert sie krachend auf das Korallenriff. Die Masten, die Krone unseres Schiffes, brechen stückweise zusammen; beim Aufschlagen auf das Riff werden zentnerschwere und tonnengroße Korallenblöcke losgebrochen und wie Granathagel über das Schiff geworfen, und als die Flutwelle verrauscht ist, da liegt unser stolzer »Seeadler« zum Wrack zerschmettert auf dem Korallenriff. Das bißchen deutscher Boden, die paar Bretter, die in dieser Erdhälfte noch dem Deutschen Reich gehört hatten, unsere Heimat, das Einzige, was wir besaßen, lag zertrümmert.