Schnäuzchen, wie so ein Teckel nun einmal ist, war in zappelnder Neugier auf die Insel gekommen. Nun gewahrte sie auf einmal, wie dort der ganze Erdboden wimmelnd sich bewegt. Vögel stoßen auf sie zu. Sie will unter sie fahren, will fressen und vernichten, aber wo sie hinpacken will, kribbelt und wibbelt das Leben. Da kommt ein großer Einsiedlerkrebs und hält seine Scheren gegen Schnäuzchen hoch. Schnäuzchen fiel vor Schreck um, erlitt einen Krampfanfall und starb. Sie war erst zwei Jahre alt und hatte nach der langen Seereise zum erstenmal Gelegenheit gefunden, ihre Jagdpassion zu entfalten. Wir haben ihr ein schönes Grab errichtet und eine Kokosnußpalme darauf gepflanzt. Piperle aber suchte noch lange nach seiner Gefährtin.
»Seeadler« wird gesprengt.
Nachdem unsere unentbehrlichste Habe aus dem Wrack geborgen war, durften wir an den Bau unseres Dorfes denken. In den ersten Tagen hingen unsere Leute einfach ihre Hängematten zwischen den Palmen auf. Das wäre ihnen beinahe übel bekommen. Kokosnüsse krachten des Nachts aus 15–25 Meter Höhe neben den Schlafenden nieder, und die konnten von Glück sagen, wenn diese vegetarischen Granaten ihnen nicht auf die Köpfe fielen, was einen Menschen absolut chloroformieren kann. Dagegen nützte es auch wenig, das ungemütliche Kopfende mit dem Fußende zu vertauschen und mit einem Auge nach oben zu schielen, ob etwa schon wieder solch eine Gabe Gottes hernieder käme. Auf dem kribbelnden Erdboden konnte man natürlich auch nicht schlafen, und so gab sich alles mit verständnisvollem Eifer dem Hüttenbauen hin.
Zuerst wurde für Seeadlerdorf ein großer Platz vom Unterholz und Gestrüpp gesäubert, dann Palmen abgesägt und Bauholz herangeschleppt. Das erste Zelt, das wir schufen, wurde eine ziemliche Mißgeburt, aber jedes folgende geriet besser. Wir bauten die Zelthütten gewöhnlich so, daß jeweils gerade ein Segel für eine paßte. Unsere Segel, die treulich in beiden Erdhälften über uns geweht und uns Zehntausende von Kilometern vorangebracht hatten, wurden jetzt den Schiffbrüchigen zur Behausung. Unterricht gab uns einer unserer Gefangenen, der Kapitän Jürgen Petersen, der mit seiner hübschen, jungen amerikanischen Lebensgefährtin sich eine blendend schöne Zeltwohnung herstellte. Die Gefangenenzelte lagen links von den paar Eingeborenenhütten, die unsrigen rechts. Der Strandweg vor den Zelten, die Seeadlerpromenade, führte also von Germantown, wie unsere Stadt von den Gefangenen benannt wurde, zu Americantown und Frenchtown. Mit den Amerikanern hatten wir auf unserem abendlichen Strandbummel freundschaftlichen Verkehr.
Unsere Stadt umfaßte neben Wohnhäusern Proviantzelte, Munitions- und Waffenzelte, Karten- und Instrumentzelte, eine große Kombüse mit Herd und Backofen, eine Funkenbude, die uns mit drahtlosen Neuigkeiten versorgte und somit die Kurzeitung ersetzte, ferner ein Motorzelt und vor allem auch eine Messe. In der Messe war sogar ein hölzerner Fußboden, den wir aus den Wänden eines Deckhauses legten. An der Rückwand prangte Meyers Konversationslexikon und ein Bücherbord, an der Seitenwand stand unsere Anrichte. Die Sessel waren um den Messetisch am Fußboden angeschraubt, so daß es einer richtigen Schiffsmesse ähnlich sah. Vor der Messe befand sich eine Veranda, eingeschlossen von Palmblättern, welche die Eingeborenen geflochten hatten.
Auch unsere Wohnräume waren mit allen guten Möbeln aus dem Schiff ausstaffiert. An meinem Schreibtisch habe ich selten gesessen. Die Unteroffiziere bauten sich ihre eigene Messe, das technische Personal ein besonderes Wohnhaus mit Kojen. Die Mannschaften hatten alle Spinde und Bänke in ihren Räumen. Alle Fußböden waren mit feinem, weißem Korallensand bestreut. In der Mitte des Lagers befand sich ein Marktplatz, auf welchem abends die Kapelle spielte. Unsere Lichtmaschine spendete elektrisches Licht. Dr. Pietsch, der Schiffsarzt, errichtete sein Lazarett und rauchte seine nie ausgehende Zigarre. Auch einen großen Räucherapparat besaßen wir, worin wir mit Hilfe von Kokosnußschalen täglich etwa zweihundert Fische räucherten. Ein wunderschöner Badestrand lag an der Lagune. Nachts hörte man die Brandung schlagen als ein sanftes Wiegenlied. War es nachmittags heiß, so erfrischten wir uns auf der Luvseite an der Seebrise.