Seeadlerdorf, die letzte deutsche Kolonie.
Mancher reiche Mann hätte für ein paar Wochen Sommerfrische in unserem Paradies ein kleines Vermögen gegeben. Nach einer Woche ausbauender Arbeit, die in der Hitze immerhin anstrengte, war das Idyll fertig. Unsere große Schiffsglocke war in der Mitte vom Seeadlerdorf an einer Palme befestigt; es wurden wieder Glasen geschlagen und zeitweilig Musterungen abgehalten. Auf der höchsten Palme in der Nähe von Frenchtown war der Ausguck errichtet, indem die Krone der Palme durch einen hölzernen Boden ersetzt, aber durch hinaufgebundene Palmenwedel so künstlich wieder ersetzt wurde, daß kein vorbeifahrendes Schiff dem Baum etwas angesehen hätte. Das Hauptpatent bestand aber aus einem endlosen Tau, das unten und oben auf einem Block lief. Der abzulösende Ausguckmann setzte sich oben, der ablösende unten auf einen in das Tau geknüpften Knüppel. Der Mann oben zog, wenn er schwerer war, den unteren allein in die Höhe; war er ein leichter, so mußte durch einen dritten Mann etwas durch Ziehen nachgeholfen werden.
Die Requisitionskolonne kauft ohne Lebensmittelkarten und Geld ein.
Einige unserer Leute, die romantisch veranlagt waren, bauten sich kleine Hütten von Palmenblättern im Walde. Piefzeck, Messeordonnanz und Mädchen für alles, errichtete sogar mit einem gefangenen Holländer zusammen ein Wasch- und Plätthaus; darin hatte er auch seine Nähmaschine stehen und schuf aus gekaperten Tischtüchern Bettlaken, Hemden und Unterhosen. Zimmermann Dreyer baute sich seine Werkstatt in der Nähe der kleinen Werft, die wir gegenüber von Americantown anlegten, um unser Motorboot für eine neue Fahrt ins Unbekannte instand zu setzen. Denn zu unserer Vollkommenheit fehlte uns nichts, als ein Schiff, das uns wieder der Kulturwelt und dem Krieg entgegentragen konnte. Wenn unser Kreuzer auch zerschmettert auf einsamem Korallenriff lag, und wenn wir auch nicht mehr in die Heimat zurücksegeln konnten, der Mut war ungebrochen. So setzten wir jetzt alle Hoffnung auf das kleine Boot. Undenkbar schien es freilich den meisten, mit einem solchen Ding von unserer abgelegenen Insel abzufahren und in ungewissen Breiten ein größeres feindliches Schiff damit abzufangen. Aber einmal waren wir deutsche Soldaten, die auch die geringste Möglichkeit, weiterzukämpfen, wahrzunehmen hatten; und dann gleicht der Pirat dem Spieler, der das Glück immer wieder herausfordert.
Takelage und Segel wurden entworfen, Mast, Klüverbaum, Großbaum und Gaffel für das Boot fabriziert, Pardunen, Stagen und laufendes Tauwerk gespleißt, Segel genäht, Proviant klar gemacht, das Boot geschruppt und gemalt. Was Werftarbeit alles erfordert, das wurde uns jetzt erst klar, als wir selbst ein Boot für eine lange Seereise instand setzten.
Über solchen Vorbereitungen wurde die Gegenwart nicht vergessen. Auf den Korallen pflegten wir zu fischen, wo das Wasser nur etwa einen Fuß hoch steht. Wenn morgens die Fische kamen, um dort ihre Nahrung zu suchen, bildeten wir eine lange Kette von Menschen und trieben die Tiere nach oben ins flache Wasser. Dann verengten wir den Kreis, spannten ein Stahlnetz auf und zogen es zusammen. Schließlich wurde es rings umstellt und unsere drei Eingeborenen spießten die Fische auf. Geht der Südseeinsulaner allein zum Fischen, so steigt er tiefer in die Korallen hinein. Er trägt eine große, festanliegende Brille, taucht unter und spießt den Fisch von der Seite auf, beißt ihm darauf das Rückgrat durch. Nach größeren Fischen wirft er mit einem besenartigen Bündel von Speeren mit Widerhaken.
Ferner übten wir das Angeln und erbeuteten Fische auch durch Sprengpatronen, die wir ins Wasser warfen; brachen dann von den Korallenbauten einige zusammen, so wurden Hunderte der wohlschmeckenden, bizarr schönen Fische herausgeworfen. Die Korallen geben einen hellen Widerschein, so daß man tief ins Wasser hinuntersehen kann. Außer Papageifischen fingen wir Langusten, Rockfische, Plattenfische und Muränen. Letztere schauen nur mit dem Kopf aus den Korallen heraus, und wenn man sich nicht vorsieht, beißen sie zu. Wir erfuhren zuerst aus dem Großen Meyer, was das für Fische wären, und zugleich, daß die alten Römer die Muränen für die größte Delikatesse hielten und mit Sklavenfleisch gefüttert haben sollen. Bei Tagesanbruch wurde der Strand nach Riesenschildkröten abgesucht, deren Fleisch und Eier sehr wohlschmeckend sind.
Mit den Eingeborenen waren wir täglich zusammen und verständigten uns in Pitschinenglisch; übrigens lernte der Junge, den sie mithatten, ein halbes Kind, ziemlich schnell Plattdeutsch. Ich könnte noch vieles erzählen von Vögel- und Schweinejagd, von abendlichem Lagerfeuer mit Seemannsklavier und Heimatliedern, träumerischer Ruhe und Heimwehgefühlen. Gegen 10 Uhr abends lag die ganze Kolonie meist im wohligen Schlummer; nur der Posten wanderte einsam vor den Hütten auf und ab. Zeitweise kam es dabei vor, daß der Posten vom sanften Rauschen der Palmen und Gezirp der Grillen zu weit ins Traumland kam und selig eindusselte, wofür er natürlich seine Extrawache ablaufen mußte; aber ein Arrestlokal brauchten wir nicht; es war das einzige, was bei unserem Stadtbau fortblieb.