Der schwarze Stab des »Gouverneurs« von Mopelia.
Ratten, Ameisen, Flöhe und tausenderlei Insekten waren in Myriaden vorhanden. Nachts lebten die Buden förmlich. Ein Oppossum, welches die Gefangenen mitgebracht hatten, kam jeden Abend in die Messe und verlangte Wasser. Piperle jagte nachts mit ungeheurem Skandal die Schweine vorbei. Überall knackte, raschelte, gurrte und summte es. Von den Blättern einer benachbarten Palme herab kamen die Ratten auf das Zeltdach; die ganze Nacht lief und rannte es auf und nieder. Man wurde aber alles gewöhnt, sogar wenn man plötzlich bemerkte, daß man in seinem Glas Wasser, das man nachts in der Dunkelheit trank, mehr Kakerlaken als Wasser hatte, oder wenn morgens die Zahnbürste voll Ameisen war. Retten kann man sich vor den Ameisen nur, indem man Tisch- und Stuhlbeine in Wasserschälchen stellt. Piperle kämpfte nachts fast unausgesetzt seinen drolligen Heldenkampf mit den Einsiedlerkrebsen, die am Abend zu Tausenden das Wandern vom Ufer in den Palmenwald anhuben; morgens krabbelte die ganze Gesellschaft wieder zurück. Ihre Beine und Scheren waren unserem Koch willkommen. Als Salat dazu wurde Palmenherz gestovt. Das ist das leckerste Gemüse der Welt, und es können sich’s nicht einmal Multimillionäre, sondern nur Piraten leisten. Es bildet nämlich die Mitte der Kokosnußpalmenkrone, aus welcher die neuen Blätter entsprießen. Will man also solch ein Herz im Gewicht von etwa 10 Pfund haben, so muß jedesmal eine große, schöne Palme ihr Leben lassen. Der Geschmack ist etwa zwischen Haselnuß und Spargel, nur feiner und lieblicher als beide.
Wir verlebten mannigfaltige Tage und genossen die Reize der Erde zwischen den beiden Wasserflächen, dem grauen, gewaltigen Meer draußen und der schönen, lieblichen Lagune drinnen. Aber ich wurde das Gouverneurspielen satt; es bewegte sich nichts vorwärts, wie wir es bisher gewohnt waren; es blieb zu sehr alles auf einem Punkt stehen. Des Seemanns alte Heimat zog uns wieder an, kaum daß wir uns dazu kräftig genug fühlten. Aber der Entschluß zu dieser Fahrt durfte nicht leichtfertig gefaßt werden, denn ich hatte das Leben von sechs Männern zu verantworten. Gefahr und Erfolgsaussicht wurden abgewogen und der Entschluß bejaht. Der Geist solcher Leute sollte nicht unter der Äquatorsonne eintrocknen! Schon am 23. August war unser Boot fertig zur Abfahrt. Unter Leutnant Kircheiß’ erfahrener Leitung war das Boot in vierzehntägiger Arbeit zu einem hohen Grad von Seetüchtigkeit gebracht worden. Einen kleinen Knacks hatte es allerdings; auch bei ruhigem Wetter haben wir später täglich 40 Eimer voll Wasser ausgeschöpft. Wir waren uns bewußt, daß die bevorstehende Unternehmung kriegerisch wie sportlich gewagter war als alles bisherige. Rasmus — so nennt der Seemann die überkommenden Wellen — würde uns diesmal gehörig die Gesichter waschen. Aus dem bequemen Salon, von der paradiesischen Insel hinweg trieb unser Wikingerblut hinaus auf eine Art von Einbaumkrieg, wie ihn die Südseeinsulaner früher pflegten.
Kriegsrat wurde gehalten. Welche Kurse wollten wir segeln? Wie lange sollte die zurückbleibende Mannschaft auf unsere Wiederkunft warten? Unter welchem Baum sollte sie, falls sie vorher Mopelia verließ, Nachricht zurücklassen? Aller halben Jahre lief nämlich ein Segler die Insel an, um die von den Eingeborenen gesammelten Kokosnüsse und Schildkröten abzuholen. Wir Bootsfahrer beabsichtigten, zuerst die Cookinseln anzulaufen und, wenn wir dort kein Schiff fänden, nach den Fidschiinseln weiter zu segeln, weil dort der größte Schiffsverkehr war und unsere Kriegsaussichten also besser standen. Leider haben wir dem Umstand, daß wir uns einem kleinen Schiffsboot anvertrauten, nicht genügend Rechnung getragen; denn sonst wären wir, da im September häufig stürmischer Wind in diesen Inselgruppen herrscht, nicht dorthin gegangen. Wir rechneten mit einer ungefähren Durchschnittsfahrt von 60 Seemeilen den Tag; in 30 Tagen konnten wir also die Strecke zurücklegen und in ungefähr drei Monaten mit einem gekaperten Schiff wieder in Mopelia sein.
Das Boot war offen, etwa 6 Meter lang und lag mittschiffs nur ganze 28 Zentimeter über Wasser. Aber einerlei, es konnte schwimmen! Wie wenig Schutz ein solches Fahrzeug gegen die andringenden Wellen einer hochbewegten See bietet, kann der Seebefahrene beurteilen. Aber auch jeder Leser, der einmal auf seinem Heimatflüßchen ein Boot gemietet hat, kann sich die Unternehmung vorstellen, ein solches Ding mit Ausrüstung für mehrere Wochen und mit einem halben Dutzend Gefährten voll zu packen und auf hohe See ins Ungewisse zu gehen. Armiert wurde es mit einem Maschinengewehr, zwei Gewehren und ein paar Handgranaten und Pistolen. Wir hatten einige Dosen Konservenfleisch, Speck usw. verstaut, aber in der Hauptsache bestand der Proviant nur aus Hartbrot und Wasser. Nautische Apparate und Sextanten waren eingebaut. Außerdem nahmen wir die Handharmonika und ein liebes plattdeutsches Buch mit. Alle wollten natürlich mitgehen, aber ich konnte nur die wählen, deren Gesundheit zurzeit am günstigsten stand. Leutnant Kircheiß, Steuermann Lüdemann, Maschinist Krause, Obermaat Permien und Obermatrose Erdmann bildeten die Besatzung. Ich selbst war froh, daß ich als Kommandant, der sein Schiff verloren hatte, einen fahrbaren Unterschlupf fand, und wenn es auch nur ein kleines Boot war. Auf Mopelia ging das Kommando auf Leutnant d. R. Kling über.
»... Alle wollten mitgehen.«