Klar unter Segeln lag unsere »Kronprinzessin Cäcilie«, der kleinste Kreuzer der deutschen Marine. Der Augenblick des Abschieds rückte heran. Nochmals ein kerniger Händedruck, das Band, das die 64 bisher so eng und fest umschlungen hatte, war aufgelöst. Es war als ob die Seele in zwei Hälften zerrissen würde. Erst jetzt kam es zum Bewußtsein, was uns jeder der Kameraden gewesen war und was uns nunmehr bevorstand. War es auch ein stolzes Gefühl, daß unsere winzige Kriegsmacht die deutsche Flagge wieder auf mehrere Punkte ausbreiten konnte, so sahen uns doch die Zurückbleibenden zweifelnd nach. Jeder bangte bei sich: »Kann das kecke Boot schwerem Wetter standhalten?« Es war keine Stimmung für Hurrarufen, nur die feste, ruhige Zuversicht erfüllter Pflicht. Dann lösten wir uns vom Lande, zwei deutsche Flaggen wehten nun wieder im weiten Ozean, eine von der Kokospalme, eine über dem Boot. Unsere Seegewalt stand im Verhältnis zu der Größe unseres Inselreiches, aber solange deutsche Herzen schlugen, war in diesem Miniaturkrieg doch ein erhebendes Streben.

»Kronprinzessin Cäcilie«, der kleinste Kreuzer der deutschen Marine.

Als wir unseren »Seeadler« passierten, lag das Wrack zusammengesunken da, schon rotbraun gefärbt von der Brandung, die Masten zerbrochen. Aufgelüftet von einer Dünung bewegte sich das Schiff wie etwas Lebendiges. Es war als ob es atmete, sich zu heben versuchte, sich noch einmal aufrichten wollte, um Abschied zu nehmen, ja, als ob es mit uns sterben wollte, und dann doch wieder ohnmächtig in seinen Fesseln lag. Dann glitt unsere Nußschale in die See hinaus und schwamm wie ein lebender Punkt immer weiter in die Tiefe des Ozeans. Aus der umdunsteten Ferne, in der die Insel schon verschwunden war, leuchteten uns zuletzt nur die Goldbuchstaben von der Schiffswand nach. ... »Irma«! Wir aber strebten hinweg.


Vierzehntes Kapitel.
Zweitausenddreihundert Seemeilen im offenen Boot.

Mein Leutnant Kircheiß malte stolz mit Blaustift auf die erste Seite unseres Logbuches den Namen »Kronprinzessin Cäcilie«. Unser Schiffchen machte bei anfänglich herrlichem Wetter durchschnittlich pro Stunde vier Seemeilen Fahrt. Der Kurs ging auf die etwa dreihundert Seemeilen Westsüdwest entfernt liegende Insel Atiu zu.

Wir hatten für zwei Monate Hartbrot, für drei Wochen Wasser mit. Ich muß nun die Einrichtung unserer neuen Häuslichkeit etwas näher beschreiben. Da unser Boot so voll war, daß man nur auf allen Vieren von vorn nach achtern kommen konnte, so hatten wir unser Hartbrot gleich von vornherein in die seitlichen Lufttanks gepackt; auch die Getränke, photographischen Apparate und der so notwendige Tabak war nebst einigem Unterzeug an diesem einzigen, auch bei schlechtem Wetter trockenen Platz verstaut, worunter allerdings die Schwimmfähigkeit des Bootes bedenklich litt. Wir besaßen vier Matratzen, so daß gleichzeitig vier Mann ausgestreckt liegen konnten, davon aber auch zwei nur halb, denn wenn man auf den beiden vorderen Matratzen lag, kam man immer unklar mit den Beinen zwischen Tauwerk und Belegnägel der Nägelbank. Als Kulturzubehör hatten wir sechs Emailleteller, sechs Paar Messer und Gabeln, sechs Moggen, einen Kaffeekessel, 20 000 Mark und einige Rollen Klosettpapier bei uns. Das Klosett bestand allerdings aus dem Vordersteven, der bei den Stampfbewegungen des Schiffes häufig untertauchte, eine Wasserspülung eingreifendster Art, die aber oft verfrüht kam; man mußte sich dabei an einem dünnen Stag halten, der beim Rollen des Schiffes den Körper hin- und herpendeln ließ. Fürchterlicher als diese äußeren Erschwerungen wurde uns freilich die Hartleibigkeit, die aus dem Bewegungsmangel und der Brot- und Wasserkost entstand.

Zu dem erwähnten Schiffsinhalt kamen noch die Wasserfässer, der Motor, die Duchten usw., was mit den Lufttanks zusammen den meisten Platz wegnahm. So begreift man kaum, wie sich noch sechs Menschen in diesen Patentschlitten hineindrücken konnten. Um etwas Schutz gegen Regen und See zu haben, hatten wir rings um das Boot am Dollbord ein breites Segeltuch angenagelt. Dieses wurde bei schlechtem Wetter nach mitschiff herübergeklappt und dort mit der gegenüberliegenden Seite zusammengezurrt. Damit nun das Segeltuch nicht unmittelbar auf der Nase lag, waren von zwei zu zwei Metern eiserne Bügel querüber befestigt. Ohne diese Vorkehrung wären wir häufig vollgeschlagen und fast mit Sicherheit ertrunken.