Hat der Leser wirklich noch niemals eine Reise im kleinen Boot mit knapp einem Fuß Freibord über eine sturmzerwühlte See gemacht? Wenn nicht, dann sollte er dies bei der ersten Gelegenheit nachholen. Doch empfiehlt es sich, den Magen vorher einer guten Probe zu unterziehen, etwa wochenlang täglich ein paar Stunden in einer hochaufgehängten Schaukel zuzubringen, an welcher mehrere Seile angebracht sind. An jedem muß ein halbwüchsiger Junge kräftig und unsystematisch ziehen. Nun geht es abwechselnd rechts, links, auf, ab, kreuz, quer. Das Gefährt darf die Pfosten nicht immer frei passieren, sondern soll durch Gegenrammen manchmal eine kleine Abwechslung in das Spiel bringen. Bisweilen muß dem Insassen der Inhalt eines mit kaltem Salzwasser gefüllten Eimers in weitem Bogen ins Gesicht geschleudert werden. In einigen Wochen wird sich der Magen an die Bewegung gewöhnt haben, und der Abenteuerlustige braucht die Schönheit einer solchen Reise nicht mehr allzusehr zu fürchten.
Die Besatzung der »Kronprinzessin Cäcilie«.
(Aufnahme ein Jahr später, in »erholtem« Zustand. Die Originalaufnahmen von der Bootsfahrt sind von den Engländern als Kriegsbeute einbehalten worden.)
Wir nannten unser Boot im allgemeinen nur den Zigeunerwagen des Ozeans und fühlten uns auf dem besten Weg, große Taten zu vollbringen. Nur das »Wenn« und das »Aber« hat uns später einige Hindernisse in den Weg geworfen.
Morgens um sechs Uhr wurde durch die beiden Wachmannschaften der Kaffeekessel gefüllt, was mit der kleinen Pumpe rund zehn Minuten dauerte. Das Kochen wurde unter den schwierigsten Umständen mit einer Lötlampe bewerkstelligt. Sobald etwas Brise war und das Boot schlingerte, gelang es nicht, das Wasser zum Sieden zu bringen; dann waren wir froh, anstatt Kaffee wenigstens etwas angewärmte Kaffeebohnensuppe zu bekommen. In den späteren entsetzlichen Tagen dieser Bootsfahrt haben wir überhaupt nichts Warmes, so wenig wie Trockenes zu essen bekommen. Freundlich dagegen war das Bootsleben in den ersten Tagen. Um acht Uhr standen die vier andern von ihrem Lager auf, wuschen sich mit Salzwasser und, wenn alles seine Ozeankultur vollzogen hatte, setzten wir uns hinten in den Kokpit, den einzigen freien Platz, und nahmen den Kaffee mit Hartbrotstullen ein. Dann wurde die Vormittagsstandlinie ausgerechnet, »Betten« gemacht, Moggen gewaschen und Messer geputzt. Um 10 Uhr konnte man sich bei gutem Wetter geistigen Interessen hingeben, und da unsere Bibliothek nur für einen reichte, so etablierte sich Lüdemann als Vorleser und gab uns einen Strämel aus der »Reis’ nach Konstantinopel« zum besten. Fritz Reuter war so ziemlich das einzige, was uns auf der ganzen Reise trocken zu halten gelang. Hätte Reuter gewußt, daß er einmal sechs deutschen Seeleuten mitten im Stillen Ozean die einzige Erquickung ihres Daseins würde, er hätte sich über seine ollen Kamellen doppelt gefreut.
Gegen 12 Uhr wurde wieder Nautik getrieben, das Mittagsbesteck ausgerechnet und zum Diner klar gemacht, das wir, wieder alle um den Kompaß gelagert, einnahmen. Der Nachmittag war meist unangenehm; in der Hitze ohne Schatten immer auf einem Punkte sitzend wurde man zuletzt ganz brägenklöterig. Mit Wassertrinken mußten wir sparsam sein; man durfte den Durst nie völlig löschen.
Am späteren Nachmittag wurde wieder etwas gelesen und Tagebuch geschrieben, gevespert und zu Abend geschmaust, und den Abend machte uns die Handharmonika gemütlich, zu der wir sangen. Manches alte deutsche Volkslied und mancher Gassenhauer verhallten in dem weiten Ozean. Dann noch ein wenig geklöhnt, bis Morpheus als siebenter Mann unsern Kahn bestieg. Nachts war es meist empfindlich kühl, was wir aber bei dem anfänglichen guten Wetter noch nicht so bemerkten, solange unsere Kleider trocken waren. Ungemütlich wurde es, wenn ein Walfisch nebenherschwamm, wir verzichteten gern auf die Nähe seiner Fontänen.
Die Navigation erwies sich in einem solchen winzigen Fahrzeug als recht schwierig. Man kann die Karten auf keinen Tisch legen, alles weht bei der geringsten Unachtsamkeit über Bord. Man sollte im rollenden Boot rechnen und beobachten, mit steifen Händen. Wenn wir unsere nautischen Tafeln, Hefte, Karten, Logarithmen und Bücher, die vor Nässe klebten, zum Trocknen in die Sonne legten, schwollen sie auf wie Pferdekadaver.