(Phot. R. Hofmann, Kassel.)

»... zum erstenmal bewohntes Feindesland.«

Wir spähten nun also nach Schiffen aus und suchten in den feindlichen Häfen danach. Am dritten Tag unserer Fahrt kamen wir zur ersten Insel der Cookgruppe, Atiu, und betraten zum erstenmal bewohntes Feindesland. Ich begab mich mit Kircheiß durch die unser seltsames Fahrzeug bestaunenden Eingeborenenhaufen hindurch in das Amtsgebäude des britischen Residenten. Der Herr lag auf seiner Veranda ausgestreckt in Hemd und Hose und erhob sich nicht, als wir eintraten. Die gottgewollte Notwendigkeit, daß alles Erdreich, sei es noch so fern und klein, von Angelsachsen beherrscht wird, stand auf seinem Gesicht geschrieben.

»Mein Name ist van Houten,« begann ich dem mißtrauisch blickenden Residenten auf englisch zu erzählen, »und dies hier ist mein Chief Offizier Southart«. Dann gab ich Kircheiß das Wort, der besser englisch sprach, und dieser fuhr fort:

»Wir sind Amerikaner von holländischer Geburt. Wir haben vor ein paar Monaten im holländischen Club zu San Franzisko gewettet, von Honolulu mit einem offenen Boot über die Cookinseln nach Tahiti und zurück nach Honolulu zu segeln. Die Wettsumme beträgt 25 000 Dollar. Wir sind verpflichtet, bestimmte Plätze anzulaufen. Darum, mein Herr, seien Sie so freundlich uns einen Ausweis zu erteilen, daß wir hier gewesen sind. Auch wünschen wir Wasser, Konserven und frische Früchte einzunehmen«.

Dem Residenten schien unsere Sache etwas übergewagt, aber sein Gesicht hellte sich auf. Er fragte nicht nach Logbuch und Papieren; auch hatte er als stolzer Brite die Beschäftigung mit fremden Sprachen offenbar so völlig verschmäht, daß er das Plattdeutsch, das Kircheiß und ich untereinander sprachen, für Holländisch nahm, obwohl er den Burenkrieg mitgemacht hatte. Er verwickelte uns darauf in ein Gespräch über den Krieg, den er verurteilte, da er nur der gelben Rasse nütze. Vor den Taten der Deutschen hatte er starken Respekt. Natürlich hüteten wir uns, Deutschland zu rühmen.

Nach einer Viertelstunde gesellte sich ein französischer Missionar hinzu, der, entzückt, als ich ihn mit ein paar französischen Brocken ansprach, als glühender Patriot uns sofort zu sich einlud, mit einer Grammophon-Marseillaise empfing und köstlich bewirtete, wobei natürlich die Deutschen im Gespräch nicht geschont wurden. Auf dem Wege zu seinem Missionshaus genossen wir die Pracht der Insel; in wilder Harmonie wuchsen zu beiden Seiten Kokospalmen, Bananen, Mangos, Apfelsinen und viel anderes Tropengewächs. Auf dem Rückweg schlenderten wir durch die Dorfstraße und gaben den schönen Häuptlingstöchtern Gelegenheit, auch einmal ein Auge voll von diesen Wettefritzen zu nehmen. Mit betäubenden Blumensträußen und allerhand entzückenden Einladungen für später beglückt gingen wir zum Boot zurück. Dann besuchte ich noch einmal den Residenten, um ihn über den Schiffsverkehr auszuhorchen. Leider war die Ankunft irgendeines Seglers ganz unbestimmt, so daß wir unsere Hoffnung nun darauf richten mußten, erst in Aitutaki ein Beuteobjekt anzutreffen. Dorthin segelten wir weiter. Der Ausweis des Residenten von Atiu sollte uns gute Dienste leisten.

Das Wetter hatte sich verschlechtert. Unaufhörliche Regenböen durchnäßten alles und schwere Seen schlugen dauernd ins Boot. Wir haben manchmal in einer Stunde 250 Eimer ausgeschöpft. In den ganzen letzten 25 Tagen unserer Fahrt wurden wir nie wieder recht trocken. Sämtliche Wolldecken, Matratzen, überhaupt alles was nicht in den Seitentanks verstaut war, durchnäßte vollkommen. Wir froren unbeschreiblich und bekamen nur selten noch den Kaffee warm. Auf den durchweichten Matratzen, unter den nassen, bleischweren Decken konnte man nicht mehr schlafen und freute sich darauf, Wache zu haben, um durch die Bewegung des Arbeitens etwas Wärme zu gewinnen. Der Segeltuchbezug hielt nicht mehr dicht. Spritzwellen hinderten das Trocknen der Sachen, wenn einmal der Regen aussetzte.

Einmal sahen wir dicht vor unseren Augen eine Wasserhose sich bilden. Zuerst zieht ein feiner, wirbelnder Sprühregen dicht an der Wasseroberfläche die Aufmerksamkeit auf sich. Allmählich dreht sich der Wirbel immer heftiger, immer breitere Wassermassen mit sich reißend, und dann sieht man oben am klaren Himmel ein schwarzes Gewitterwölkchen, das trichterförmig nach unten ausläuft. Plötzlich schießen der kreisende Wirbel auf der Wasserfläche und der Wolkenzapfen zusammen; ein Rauschen und Tosen der Wassermassen, Himmel und Wasser sind durch eine riesenhafte Säule verbunden. Diese himmelhohe Wand bewegt sich vorwärts. Das kleine Boot liegt totenstill, kein Luftzug regt sich um uns. Herr Gott, wenn dieser wandernde Gigant auf uns herniederbricht! Wie sollen wir ausweichen? Unwillkürlich dreht der Mann am Steuer immer wieder ab, doch das Schiff bewegt sich nicht. Da plötzlich, Gott sei Dank, bricht das rauschende Ungeheuer mit betäubendem Klatschen in sich zusammen, eine mächtige Dünung hinterlassend. Mehreren Wasserhosen entrannen wir nur durch glücklichen Zufall.