Bei Aitutaki angelangt, fanden wir leider den erwarteten Schoner, den wir kapern wollten, nicht. Wir beschlossen trotzdem, an Land zu gehen, in der Hoffnung, über Schiffsverkehr etwas zu hören und eine Nacht trocken zu schlafen und unseren erschöpften Körper auszuruhen. Es war der 30. August.
Auf der Mole stand zwischen ein paar hundert Eingeborenen der Resident und erwartete die seltsamen Gäste. Wir hatten unsere holländische Abstammung in eine norwegische umgewandelt, da uns schon in Atiu die Nähe holländischer Landsleute angekündigt war, auf deren intime Bekanntschaft wir keinen Wert legten. Nur dem Obermaat Permien, der etwas holländisch sprach und sonst keine fremde Sprache, überließen wir die Freude dieser landsmannschaftlichen Begrüßung, gaben ihm aber vorher etwas Unterricht in Schwerhörigkeit.
Der Resident sah mit seinem Kneifer aus wie Präsident Wilson und brachte uns das denkbar größte Mißtrauen entgegen. Er schickte gleich einen norwegischen Zimmermann aufs Boot, mit dem sich glücklicherweise Lüdemann fließend unterhalten konnte, so daß dieser Zeuge warm für uns eintrat. Unser Wilson verfolgte nun einen recht schlauen Plan, um uns auszuforschen, indem er uns trennte, obwohl wir alle Ausflüchte versuchten, um beisammen zu bleiben. Wir wurden aber so dringend in die einzelnen Honoratiorenhäuser zum Bad und Essen eingeladen, daß wir nicht widerstreben durften. Ich nahm mir eine Handgranate in die Tasche und ebenso die andern. Mit dem Trocknen unserer Sachen war es wieder nichts, weil die Insulaner unser Boot dicht umlagerten, so daß wir die Decken, unter denen unser Waffenlager steckte, nicht aufheben durften.
Während ich beim Kaufmann Low und Kircheiß beim Residenten aßen, gingen zwischen unsern beiden Gastgebern fortwährend durch Boten kleine Zettel hin und her. Offenbar verabredeten sie darauf die an uns zu stellenden Fragen und verglichen die Antworten. Wir strebten, sobald wir konnten, wieder zusammenzukommen. Am Boot erzählte uns Lüdemann, der Norweger hätte uns gewarnt, man hielte uns für Deutsche und wollte das Boot an den Strand holen. Wir verabredeten darauf, daß immer zwei von uns im Boot bleiben und sobald sie etwas hörten, die Landungsbrücke mit Maschinengewehrfeuer bestreichen sollten; wir andern würden uns dann schon durchschlagen. Dann gingen wir, in Erwartung des vom Residenten versprochenen Ausweises, erst mal in den Kaufladen, um unsern Vorrat aufzufüllen. Als Permien dort vor der Tür stand, trat ein holländischer Missionar auf ihn zu und verwickelte ihn ins Gespräch. Permien mußte aber dringend zum Boot zurück und statt dessen unterhielt Erdmann den Himmelslotsen mit ein paar holländischen Brocken. Er lud uns alle ein, wir waren aber schon vergeben. Der Kaufmann, Herr Low, brachte uns illustrierte Zeitschriften an und bestaunte darin die deutschen Schützengräben usw. In seinem Laden fanden wir noch allerlei Waren »Made in Germany«, und als wir ihn darauf hinwiesen, sagte er, er freue sich, daß dies die letzten Restbestände wären; neue deutsche Waren würden nie mehr nach der Insel kommen. Von der Größe und ausgebreiteten Handelsmacht unseres alten Vaterlandes erhielten wir so auf Schritt und Tritt einen neuen Begriff. Aber wir durften uns nichts anmerken lassen, und unsere ungemütliche Lage auf beinahe verlorenem Posten war ein Abbild der traurigen Vereinsamung, der unser ganzes liebes, einst so großes Vaterland entgegenging. Damals aber hofften wir noch auf den Sieg, und wenn alle in der Heimat so durchgehalten hätten wie unser kleines schiffbrüchiges Häuflein, so würden auch deutsche Waren wieder rasch den Weg in alle Erdenwinkel finden. Denn der Respekt vor unserem Volk und Staat war unermeßlich groß; immer wieder hörten wir bei solchen, die uns für Nichtdeutsche hielten, die Besorgnis aussprechen, Deutschland würde noch die ganze Südsee annektieren und ähnliches mehr.
Wir wurden dann eingeladen, in den einzelnen Häusern zu übernachten. So gern wir das getan hätten, nahmen wir es doch nicht an, da es offenbar nur eine Falle war. Wir hätten dann wohl bis Kriegsende dort bleiben müssen.
Endlich ließ uns Wilson rufen, forschte nach meinen Schiffspapieren und fragte mich nach allerlei Namen und Daten. Auf meine Frage, warum er das wissen wollte, erwiderte er: »Die Leute halten Sie für Deutsche. Ich weiß, daß Sie es nicht sind, und möchte die Leute beruhigen.« Wilson schwankte offenbar zwischen dem Wunsche, uns dazubehalten, und der Furcht vor einem Kampfe. Ich fühlte nach meiner Handgranate und hakte in der Tasche den Karabinerhaken auf den Zünder und dann gingen wir mit dem Residenten, umgeben von Hunderten von Eingeborenen, hinab zum Boot. Auf der Landungsbrücke fragte ein langer Kerl mit englischer Militärmütze, der in Flandern gewesen war, den Residenten, ob er uns festnehmen solle. Ich flüsterte Wilson zu: »Wenn ihr hier Geschichten macht, schieße ich den Kerl über den Haufen.« Die Antwort war: »Reden Sie doch so etwas nicht.« Dann blieb ich auf der Landungsbrücke sitzen, während der Resident sich ins Boot begab, um unser Logbuch einzusehen und das Boot zu durchsuchen, wozu ihn weniger sein eigener Mut, als die uns durch den Norweger verratene Forderung der ganzen Bevölkerung trieb.
Das Logbuch war natürlich nicht aufzufinden. War es nicht über Bord gefallen? Doch konnte Kircheiß das Tagebuch eines früher von uns gekaperten amerikanischen Schoners überreichen, das wir wegen seiner geographischen Auskünfte mitgenommen hatten. Leider lag in diesem ungewöhnlichen Schiffsbuch auch unser Chronometertagebuch. Auf der ersten Seite war in fetter Schrift »Kaiserliche Marine« mit dem Reichsadler vorgedruckt. »Was ist das für eine Sprache?« fragte der Resident. »Das weiß ich auch nicht«, sagte Kircheiß, »wir haben das Buch in Honolulu bekommen.«
»Und was heißt hier ›Gang und Stand?‹«, fragte Wilson, indem er die handschriftlichen Seitenvermerke über den Zahlen mit dem Finger betippte.
»Das ist norwegisch«, sagte Kircheiß, »für Navigation.«
Wilson zog es vor, ihm zu glauben. Wir hatten im Augenblick zweifellos die militärische Übermacht. Im Vorbeigehen lüftete der Resident ein bißchen die Decken. Da lag eine Mauserpistole. Er deckte sofort wieder zu und sagte zu Kircheiß: »Lassen Sie das die Menge nicht sehen.« Alles war klar zum Gefecht: Maschinengewehr und Bajonette, und die Handgranaten hingen eine neben der anderen aufgereiht, daß wir sie nur so wie vom Apfelbaum herunterzupicken brauchten. Der Resident war schon ganz blaß geworden. Er rief seinen Begleitern, die auf der Brücke standen, zu: »Boys, es ist alles in Ordnung.« Ich stieg zu ihm ins Boot. »Decken Sie das zu«, sagte er kreidebleich und zeigte auf die Handgranaten, und dann wieder zu der Menge: »Ich finde nichts. Es sind harmlose Leute, Sportsleute.« Und dann zu mir leise: »Nehmen Sie mich bitte nicht mit.«