Wir wollten erst in ein paar Stunden fahren. Wilson zog aber die Uhr und sagte: »Gentlemen, es ist besser, Sie fahren sogleich ab.« Dann stieg er aus, ich mit ihm, und wir schnakten der Form halber noch ein bißchen am Strand, während Kircheiß gemütlich ins Dorf zurückging, um ein paar Apfelsinen abzuholen, die uns versprochen waren. Den erbetenen Ausweis hatte der Resident schon geschrieben. Der eingeborene Lotse meinte nun, wir könnten erst in einigen Stunden fahren. Da herrschte ihn der Resident aber an, es müßte sofort möglich sein. Ich stand ihm bei und wir beiden Weißen spielten zusammen eine Karte, damit die Schwarzen mit ihrem Verdacht nicht recht behielten, und den Weißen Unannehmlichkeiten bereiteten. Der Resident aber wußte genau, wen er vor sich hatte.

Als Kircheiß zurückgekehrt war, verließen wir diese kitzliche Ecke. Wir waren nun wieder auf hoher See und sahen 13 Tage lang kein Land. Trocken ist das Boot nie mehr geworden.

Die furchtbarste Leidenszeit sollten wir jetzt auf dieser Fahrt durchmachen, schwere Kämpfe mit den Elementen, Tag und Nacht ohne Schlaf, nur damit beschäftigt, das Boot gegen das stürmische Wetter über Wasser zu halten und das ins Boot schlagende Wasser mit Eimern wieder auszuschöpfen. Drei Tage lang fuhren wir durch ein Bimssteinfeld, das durch einen unter Wasser liegenden Vulkan ausgeworfen war. Hier lag das Ursprungsgebiet des Seebebens, das unsern »Seeadler« vernichtet hatte. Unter diesem Bimsstein hatten wir insofern schwer zu leiden, als er durch das über Bord kommende Wasser mit ins Boot geschlagen wurde. Alles war unbeschreiblich klatschnaß und von knirschendem Bimssteinsand beschmutzt. Alles schwabberte im Wasser, und trotzdem regnete es immer weiter. Wohl kann ich am Tage naß sein, wenn ich abends eine Koje habe, aber kein Dach und Fach! Der Körper rauchte infolge der Kälte. Dazu als Nahrung nur Wasser und hartes Brot. Wir verfielen tiefer Erschöpfung. Die Matratzen hatten wir längst über Bord geworfen, weil sie nicht mehr trockneten. Am Tag brannte zwischendurch mal die heiße Tropensonne auf die Haut, und nachts besaß man gegen die bittere Kälte keinen anderen Schutz als nasse Decken. Die Wasservorräte wurden knapp, und wir wagten unsern Durst nie mehr zu löschen. Sogar den köstlichen Speck, den wir mithatten, und nach dem wir förmlich lechzten, durften wir nicht mehr anrühren, um den Durst nicht noch mehr zu reizen. Tantalusqualen! Und dazu die weite Wasserfläche, die uns mit ihrem kristallklaren Naß fortwährend höhnte und an den Durst erinnerte. Regenwasser im Segel zu sammeln, mußten wir bald aufgeben, da das Segel durch den ewigen Wasserdampf des Meeres ebenso salzüberzogen war wie alles im Boot, und nur brackiges Wasser hergab. Wir gewöhnten uns unbewußt an, an den Fingern zu saugen und die Hand zu benagen, um den trockenen Gaumen, der wie ein Reibeisen war, durch Speichel zu erfrischen. Eben erst genesen, wurden wir wieder skorbutartig krank. Unsere Gelenke waren stark angeschwollen, besonders die Kniegelenke. In einem Schiff, dessen Kleinheit dem Körper die nötige Bewegung entzieht, verkommt man völlig bei längerem Aufenthalt. Stehen konnten wir nicht mehr. Die Zunge war angeschwollen, das Zahnfleisch schneeweiß, die Zähne saßen locker und schmerzten, und damit sollte man dieses harte Brot kauen! Was hätte man für eine warme Mahlzeit, ein trockenes Lager, ein wenig freie Bewegung oder sonst eine bescheidene Erholung gegeben! Schließlich ist der Mensch doch keine Amphibie. Große Schmerzen litten wir auch, wenn beim Hin- und Herschlagen des Bootes die stark angeschwollenen Kniegelenke anstießen. Schwerer Druck von innen nach außen lag auf den Augen. Wir konnten nicht mehr und wurden uns selbst zum Überdruß. Permien machte sich Striche am Körper, und wir beobachteten, wie das Wasser von Tag zu Tag in den Gliedern stieg und sich ausdehnte; wir bildeten uns ein: nur bis zum Herzen geht es. Jeder sagte: »Ich bin der erste, der geht.« Wir waren so müde und sollten immer wieder kämpfen! Wir wurden gleichgültig, warum sollten wir uns anstrengen, das bißchen Leben zu retten? In solchen Tagen zieht man den Tod vor, und wie wir schon das Ballasteisen hervorholten, denn wir wollten alle sterben, da war doch einer stark, und dieser eine ergriff unsern Tröster, unsern Fritz Reuter. Wie erfrischt uns der Humor, und der Mut kommt wieder: »Ne, wi wüllt wedder to Hus, wi wüllt nich dod gahn.« Der Gemütskranke ist wie ein Kind; das Buch hat ihm wieder die Heimat gezeigt, unermeßliches Heimweh durchströmt ihn und lenkt ihn von der Todessehnsucht ab. Ein Lichtpunkt! Nur heim zu dem Land, das solche Menschen hervorgebracht hat. Eine gewisse Umnachtung war eingetreten. Klar denken konnte man nicht mehr, das Gehirn war wie ein Baumwollknäuel. Richtigen Schlaf gab es nicht mehr, aber fortwährend nickte man ein, auch wenn man am Steuer saß. Man lebte in einer ganz andern Welt. Nur eines ging immerzu fort, der Trieb, gute Reise zu machen, nur keinen Wind unausgenützt zu lassen, keine Stunde zu verlieren. Immer weiter, immer weiter! Jede Stunde brachte uns der Erlösung näher. Und weiter kämpften wir.

Da kommt eines Morgens die kleine englische Insel Niue in Sicht. Wir mußten uns frische Nahrungsmittel verschaffen, wenn wir nicht umkommen wollten. Es ist immer ein Ereignis, wenn sich ein Boot einer Insel nähert. Wir sehen, wie die Eingeborenen den Landungsstellen zuströmen, machen ein Maschinengewehr klar, legen Gewehre bereit und heißen vor allem die deutsche Kriegsflagge. Bei allen Versenkungen hatten wir keine Waffe gebraucht, nur der Respekt vor unserer Flagge war es, der die Feinde auf die Knie zwang. Warum also schießen, warum Waffen anwenden, wenn wir sie bisher nicht gebraucht hatten? Die Leute am Landungssteg können die Flagge noch nicht recht erkennen. Vorsichtig steuern wir an und bleiben in einem gewissen Abstand liegen. Nun erkennt die Menge die deutsche Flagge, und wie erstaunt sind wir, als sie rufen: »Ihr Deutsche, ihr großes, herrliches Volk, kommt herüber zu uns, ihr kämpft ja gegen die ganze Welt! Wir sind auch Krieger, aber wir haben nicht mit allen Inseln gegen eine gekämpft.« Sie zeigten auf einige Leute, die abseits standen: »Hier unsere Kameraden sind mit großem Klimbim von der Insel heruntergeholt worden, um gegen euch zu kämpfen. Als sie aber das Westfrontklima nicht vertragen konnten und Krankheiten bekamen, von denen sie keiner heilen kann, sind sie als Nummern zurückgeschickt worden.«

Vulkanische Südseeinsel. Die Lava tritt ins Meer.

Man muß die Eingeborenenseele kennen, um zu verstehen, warum sie so deutschfreundlich waren. Diese oft so edlen Rassen, die aber seit Menschenaltern unter Fremdherrschaft stehen, haben selbstverständlich gegen ihre Beherrscher vieles auf dem Herzen. Sie hegten eine natürliche Achtung vor uns als dem großen Feind der Engländer. Dazu kommt, daß der Eingeborene als Gentleman-Krieger empfindet und einen hochentwickelten Sinn für die Kriegerehre und für den Kampf Mann gegen Mann hat. Die Hetzjagd der ganzen Welt gegen das umstellte deutsche Volk verletzte sozusagen ihr sportliches Gefühl, und zugleich erhöhte es unser Ansehen, daß wir uns so gewaltig wehren konnten. Die Schwarzen waren über die Weltereignisse erstaunlich gut unterrichtet. Abends kommen sie zusammen und »palavern«, die Alten erzählen. Sie haben gehört, Amerika, Frankreich, England, Australien, Neuseeland, alles kämpft gegen Deutschland, all, all people, und dann denken sie, so ein Land wie Deutschland müsse doch in kurzer Zeit zerquetscht werden. Aber sie hören von ihren Leuten, die krank zurückkehren, daß die Deutschen immer noch tief in Frankreich stehen, und es sind schon Jahre. Da werden sie mißtrauisch und machen sich ihre Gedanken. Nun taucht da auf einmal ein deutsches Schiff auf, sie sehen die deutsche Flagge und fragen sich: »Was, die Deutschen kommen bis hierher?« Sie sind gar nicht erstaunt, daß wir in einem kleinen Boot kommen. Sie nehmen es als selbstverständlich an; wenn ein Volk gegen die ganze Welt kämpft, muß jeder kleine Kahn verwendet werden. Gerade in denselben Wochen ereignete sich auch der denkwürdige Besuch eines deutschen Fliegers über Sidney; es war »Wölfchen«, das Flugzeug, welches »Wolf«, der zweite deutsche Hilfskreuzer in der Südsee neben »Seeadler«, zum Besuch der australischen Hauptstadt aufflattern ließ. Die Beunruhigung der Engländer durch diese Allgegenwart der Deutschen — haben sie doch sogar die Existenz »Wölfchens« durch die Zensur ableugnen lassen — erhöhte nur die stille Freude der Eingeborenen.

Wir sehnten uns unsäglich, in Niue an Land zu kommen, aber eins hielt uns zurück: Das Volk, das uns Deutsche so bewundert, soll seinen ersten Eindruck von den Deutschen bekommen, wie sie auf Krücken längs rutschen? »Ne, as Krüppel goht wi nich an Land.« Sitzend nahmen wir die Huldigungen entgegen und verheimlichten, daß wir nicht stehen konnten. Wir baten nur um etwas Frisches und sagten, daß wir nicht kommen könnten, da wir Befehle hätten, anderswohin zu fahren. Sie brachten Bananen, die Frucht, die am günstigsten gegen unser Leiden wirkte. Wir dankten ihnen, dippten mit klammen Fingern unsere Flagge und unter Jubelzurufen gingen wir wieder in See. Gott sei Dank, Bananen, etwas, was man mit den losen Zähnen beißen konnte. Bald merkte man, daß der Körper wieder etwas Frische bekam, und langsam ging das Leiden zurück. Das Suchen nach feindlichen Schiffen, die Hoffnung, endlich ein Kaperziel zu finden, trieb uns weiter und bewahrte uns vor der Verzweiflung.

Am 22. Tag unserer Fahrt steuerten wir eine östliche Insel der Fidschigruppe, Katasanga, an, und endlich nach dem vielen Sitzen und krank von Rheumatismus konnten wir uns wieder auf festem Land frei bewegen.