In dem zurzeit unbewohnten Haus des weißen Plantagenleiters fanden wir unter anderem eine alte Nummer der deutschen Auslandszeitschrift »Das Echo« und empfanden beim Durchblättern wieder einmal die ganze Größe und Ausbreitung unserer Weltstellung bis zum Krieg. Als der Krieg ausbrach, scheint der deutsche Pflanzer verjagt worden zu sein; er soll sich an einer wilden Stelle der Insel versteckt gehalten haben. Seine englischen Nachfolger haben das Haus traurig verwahrlosen lassen. Trotzdem war uns darin zwei Tage himmlisch wohl.
Von hier aus setzten wir unsere Reise fort nach dem Gebiet der großen Fidschiinseln. Wir lagen geschützt in einem Golf, der von Inselgruppen umgeben war. Es war abends. Da wir den Tag abwarten wollten, um den Schiffsverkehr auszuspähen, machten wir die Segel fest, legten uns vor Seeanker, ließen uns treiben und schliefen endlich einmal aus. Morgens um drei Uhr weckt uns Krause mit einem Schreckensruf: »Wir werden aufs Riff geworfen!« Wir stolpern auf und sehen die weiße Brandung wie eine Mauer vor uns. Rettung schien unmöglich; wir waren durch die Strömung schneller getrieben, als wir vor Seeanker annahmen, und sahen den Untergang vor Augen. Das einzige war, mit dem Segel etwas zu versuchen. Indes stand der Wind gegen Land. Trotzdem setzten wir die Segel; höchste Spannung: Kommen wir klar? Läßt die Strömung, der Winddruck und der Grundriß des Riffs unser Hasardspiel gelingen? Immer näher treiben wir der tosenden Brandung, Wind und Strömung sind gegen uns. Keiner spricht ein Wort, jeder sieht schon in den gurgelnden Wirbeln das Boot wie einen Spielball umgedreht und zerschmettert über die Korallen getrieben. Da, im letzten Augenblick, winkt uns Erlösung; das Riff hebt sich nicht in gerader Linie, sondern biegt knieförmig ab. Das war unsere Rettung, und wir konnten uns freisegeln.
Als wir dicht unter Wakaya-Insel Landschutz suchten, wurden wir von Land gesichtet, und ein Boot fuhr uns entgegen, um uns Schiffbrüchigen Hilfe zu bringen. Wir mußten also anlegen. Im Hafen fanden wir eine Anzahl Schiffe, die des Sturmes wegen vor Anker lagen. Nun hatten wir die Erklärung dafür, weshalb uns draußen keines der ersehnten Fahrzeuge begegnet und unsere mit so ungewöhnlicher Anstrengung unternommene Kriegsfahrt bisher ohne Erfolg geblieben war. Nun lagen wir also zum vierten Male in feindlichem Gebiet.
»... Im letzten Hafen fanden wir eine Anzahl Schiffe, die des Sturmes wegen vor Anker lagen.«
Wir wurden ausgefragt und logen allerlei. Ich glaube, wir haben diesmal im Lügen die neuseeländischen Zeitungen übertroffen. Die Eingeborenen waren nicht mißtrauisch, wohl aber ein Halbblut, der uns immer verzwicktere Fragen stellte und geschickt eine Verschwörung gegen uns einfädelte. Des Sturmes wegen waren wir gezwungen, an Land zu bleiben. Als ich mit Kircheiß auf einem vom Regen aufgeweichten Waldweg spazieren ging und unsere mißliche Lage besprach, kam uns ein Weißer entgegengeritten, der vor Aufregung ganz fahl unsern Gruß nur kurz erwiderte. Er war, wie wir später erfuhren, von dem Halbblut benachrichtigt worden, dieser hätte einen Trupp Deutscher gefangen. Das auffällige Wesen des Reiters veranlaßte uns, sofort umzukehren. Am Strand hörten wir, daß soeben ein Kutter den Hafen verlassen hatte. Wie wir später erfahren haben, sollte er die Behörden von unserer Ankunft benachrichtigen.
Ein abendliches Zechgelage mit dem Weißen und dem Halbblut, wofür wir schweren Herzens unseren letzten Rum opferten, löste beiden die Zunge. Der Weiße insbesondere wurde ganz vertrauensselig, kriegte sich mit dem Halbblut in die Haare und erzählte uns lachend, der hätte uns für Deutsche erklärt. Kircheiß und ich schliefen danach schwer und steif wie die Klötze im Haus des Engländers, während unsere vier Kameraden im feuchten Boot wieder eine fürchterliche Nacht durchwachten. Am andern Morgen machten wir sofort alles seeklar, um beim ersten günstigen Augenblick ausfahren zu können. Gegen 11 Uhr war es so weit, daß wir in See gehen wollten; wir bemerkten, daß auch die Segler sich seeklar machten. Wir verabschiedeten uns mit herzlichem Händedruck von unseren Wirten, die anscheinend alles Mißtrauen verloren hatten, und lichteten den Anker wenige Minuten, nachdem die beiden größten Segler den Hafen verlassen hatten. Da setzte eine schwere Regenböe ein, trieb die beiden Segler in den Hafen zurück und nötigte uns, noch für eine zweite Nacht Unterkunft zu erbitten. Unsere Leute, denen diesmal ein Stall angeboten war, mochten sich vom Boot nicht trennen, so ungemütlich es darin war. Wir bedauerten unsere Kameraden, aber es war gut, daß sie dort blieben, denn in der Nacht wurde durch geheimnisvoll aus dem Wasser auftauchende und wieder verschwindende Gestalten zweimal der Versuch unternommen, unser Boot zum Stranden zu bringen.
Gegen Abend kommt ein wundervoller Zweimastschoner mit Motorkraft in den Hafen eingelaufen. Kircheiß und ich, gerade von unserm Spaziergang zurückgekehrt, fassen augenblicklich einen Entschluß. Welch wundervolles Schiff! Das wird unser. Wollen wir es gleich kapern oder wollen wir warten bis morgen früh, bis es Tag ist? Wir gingen an Bord unseres Bootes und hielten Kriegsrat. Man kam zu der Übereinkunft, daß es das beste sei, wenn Kircheiß zunächst an Bord des Schiffes fährt und dem Kapitän vorstellt, daß wir Amerikaner von einem amerikanischen Dampfer sind und ihn bitten, uns als Passagiere mitzunehmen. Denn unsere Absicht war in Wirklichkeit die, auf hoher See das Schiff zu kapern. Kircheiß fährt hinüber.
Der Kapitän des Schoners ist mit allem einverstanden und teilt mit, daß wir am nächsten Morgen um 3 Uhr an Bord sein sollen. Wir packen alle unsere Waffen und Uniformen in Zeugsäcke und verschnüren sie gut.