Wir kamen nicht gleich ins Zuchthaus, sondern zunächst in ein sogenanntes Bleibehaus für Eingeborene. Dieses Gebäude, von einem englischen Gouverneur gestiftet, diente dazu, den Eingeborenen, wenn sie von den verschiedenen Fidschiinseln zusammenkamen, Unterkunft zu gewähren. 25 Mann Bewachung waren dauernd um das Haus, vor den Türen, vor den Eingängen, vor den Fenstern, eine Verschwendung von Militär für so ein paar Kriegsgefangene. Zunächst hatten wir einen anständigen Kommandanten, Leutnant Woodhouse, ein Zivil-Bankbeamter, der uns gut behandelte. Wir bekamen ausgezeichnetes Essen und ruhten uns aus. Beim Verhör am ersten Morgen erzählte ich einen Roman, um die Spur von unseren Kameraden in Mopelia abzulenken. Meine Leute verweigerten verabredungsgemäß jede Auskunft, um einander nicht zu widersprechen. Unsere Bücher hatten wir in die See geworfen, mit Ausnahme von einem, das bald erwähnt werden muß.

Der Wachoffizier, der uns manche Freiheit gestattete, wurde wahrscheinlich deshalb bald durch einen Hauptmann Whitehouse abgelöst. Ich erwähne ihn hier deshalb, weil er, der in einer ziemlich lächerlichen Angst nie anders als mit der Hand am Revolver mit uns sprach, sich sehr wenig ritterlich gegen uns benommen hat. Er kommt eines Tages zu mir und sagt: »Herr Graf, machen Sie sich fertig, General Mackenzie will Sie sehen.«

»General Mackenzie? Meine Leute auch?«

»Jawohl.«

Ich sage: »Jungs, macht euch tadellos in Ordnung, heute nachmittag 4 Uhr sollen wir zum General Mackenzie.«

Wir waschen unser Zeug, lassen es am Leibe trocknen (wir hatten ja nur noch die eine Garnitur), damit wir als deutsche Soldaten sauber vor dem General erscheinen. Um 4 Uhr werden wir auf ein Viehautomobil verladen, worauf noch der Mist lag. Sonderbar! Im Viehautomobil zum General? Whitehouse sitzt vorn und hält sich am Revolver fest; sieben Mann fahren mit zur Bewachung. Wir sind gespannt, wo das hingehen soll. Auf einmal halten wir vor einem Gebäude, umgeben von sechs Meter hohen Mauern. Was ist das? Das Tor wird aufgemacht ... wir blicken in das Zuchthaus von Suva. Ein Kolonialzuchthaus mit chinesischen, indischen Verbrechern. ... Ich frage den englischen Hauptmann: »Sie Feigling! wohnen bei euch die Generäle in Zuchthäusern oder haben Sie nicht so viel Mumm in den Knochen, uns die Wahrheit zu sagen? Ist das britisch? Dann pfui Teufel!« Die Gefangenen, die sich nach dem Eingang drängen, staunen uns an: »Was, Europäer, Weiße kommen hier herein? Was müssen das für Verbrecher sein!« Wir reißen uns zusammen und stolz marschieren wir in den Zuchthaushof hinein. Verächtlich blicken wir weiter: Zellentür an Zellentür, und ein weiches, gelbliches Gesicht grinst uns höhnisch entgegen mit den Worten: »Heh, bei mir kommt ihr nicht wieder raus.« Wir protestierten gegen diese völkerrechtswidrige Behandlung von Kriegsgefangenen, aber der Zuchthausdirektor bezog sich auf seine Befehle; und so marschierten wir hinein in die kühlen, feuchtnassen Gänge. Eisentüren werden aufgeschlossen und jeder verschwindet in seiner Zelle. ... »Hah, dank deiner Ritterlichkeit, daß du Gefangener bist.« Als der Riegel fällt und der Schieber vorgeschoben wird, da läuft es einem kalt den Buckel herunter. Da ist man allein, die Jungs, die letzten Jungs sind einem genommen.

Nur ein Betonfußboden; keine Gitter vor den Fenstern; sie brauchten es nicht, sie sind so schmal, daß kaum ein halber Manneskopf hindurchgeht. Aber niemals ist man mehr Deutscher gewesen, als im Zuchthaus von Suva. Wie wohl tut es, als der erste Sonnenstrahl ins Fenster kommt, der Strahl, der vor zwölf Stunden den Lieben in der Heimat geschienen, der die Kameraden im Schützengraben gegrüßt hat. Man griff nach diesem Sonnenstrahl und war so dankbar. Aber nur kurze Zeit währte dieser Trost, und in der Zelle dunkelt’s. Wie fühlte man sich einsam, denn das Liebste war einem ja genommen, die Gefährten der Bootsfahrt. Aber so leicht, wie es der Feind sich gedacht hatte, Deutsche voneinander zu trennen, sollte es ihm doch nicht gelingen. Als aus Permiens Zelle plötzlich die Harmonika erklang, da sangen wir alle mit, und aus vereinten Männerkehlen brauste »Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot« durch das elende Haus. Dann stimmten wir an »Wenn die Liebe nicht wär’, das Herz wär’ so öd’ und leer«, dann wieder die »Wacht am Rhein« und so immer umschichtig fort bis um 2 Uhr morgens, ein deutscher Gesellschaftsabend in englischen Einzelzellen. Die Ronde kam und verwies uns vergeblich zur Ruhe. Wir sangen fort, bis wir müde auf unsern kalten Betonfußboden niedersanken und von der Heimat träumten. Ungeachtet meiner Proteste dauerte dieses Leben acht Tage fort. Unsere Bewachung verriet eine außerordentliche Angst, daß wir heimlich über Flügel oder sonst übermenschliche Kräfte zu etwaigen Fluchtversuchen verfügen könnten. Sehr interessant waren aber die Bekanntschaften, die wir unter den verständnisinnigen Mitzuchthäuslern von Halbblutrasse machen konnten. Weiße in einem tropischen Zuchthaus! Wir Deutsche sind ja so gerecht gegen unsern Feind; deshalb sei hinzugefügt, daß vielleicht nicht die Absicht war, uns zu quälen; jedenfalls wollte man aber diese paar Exemplare deutscher Kriegsgefangener in der Südsee ohne Rücksicht auf Sitte und Völkerrecht ihrem Seltenheitswert entsprechend fest verankern.

Als wir bereits acht Tage hier waren, kam eines Morgens Hauptmann Whitehouse zu mir. Er war besonders freundlich und entgegenkommend; ich merkte, daß etwas in der Luft lag. Er meldete mir, ein japanischer Admiral wünschte mich zu sprechen. Ich sage: »Ihnen soll ich glauben? Das ist dieses Mal wohl ein japanischer Mackenzie? Schicken Sie mir einen andern Offizier.« Eine halbe Stunde später kommt ein Leutnant, der mir nochmals versichert, ich würde zu dem japanischen Kreuzer »Izuma« gebracht. Mißtrauisch machte ich mich zurecht. Mittags um 2 Uhr ging ich in Begleitung dieses Leutnants durch den Hof des Zuchthauses nach dem Landungssteg. Welches Gefühl, wieder freie Luft zu atmen, weiter sehen zu können als die engen Gefängnismauern! Tatsächlich, im Hafen lag ein herrlicher Kreuzer. Am Landungssteg legt ein Ruderboot mit japanischer Flagge an; ein Offizier im Boot salutiert. Ich nehme neben ihm Platz. Der englische Offizier und zwei Soldaten gehen mit uns. Am Fallreep des Kreuzers waren alle Offiziere zur Begrüßung des Zuchthäuslers an Deck angetreten. Der Admiral empfängt mich, drückt mir die Hand mit den Worten: »I admire you, what you did for your country.« (Ich bewundere Sie, was Sie für Ihr Land getan haben.) Er stellte mir seine Offiziere vor, zu denen er etwa folgende Worte spricht: »Das ist der Mann, den wir drei Monate Tag und Nacht gejagt haben,« und zu mir gewendet: »Ich bedauere es, daß wir Sie in dieser Lage hier treffen und daß wir uns nicht, wie unser aller Wunsch war, in einem frischen, frohen Gefecht begegneten.« Ich bedauerte meinerseits, nicht in seiner Gefangenschaft zu sein, was ihn etwas erstaunte, da er vom Zuchthaus nichts ahnen konnte. Es fiel mir aber auf, wie kühl und steif die Japaner mit dem englischen Offizier verkehrten im Gegensatz zu der Art, die sie mir gegenüber an den Tag legten. Die feierliche Höflichkeit des Ostasiaten und die leider so platonische Sympathie der Japaner für Deutschland gaben mir ein Fest, das mir im Gedanken an meine Jungs wohl tat. Die englischen Posten, die mich an Deck begleiten wollten, wurden zurückgeschickt. Der Admiral lud mich in seinen Salon ein, der nach der Zelle wie ein Palast wirkte. Zigarren, Zigaretten, Portwein und eine Flasche Champagner standen da. Der Admiral legte mir zwei japanische Bücher vor, eines mit dem Titelbild der »Emden«, das zweite mit der »Möwe«. Er blätterte darin: Das hätte er alles selbst geschrieben. Ein drittes Buch war leer: »Da will ich etwas von euch hineinschreiben. Wir lernen von euch, und ich schreibe für unsere Jugend. Das ist Sitte in unserm Lande. Was Männer für ihr Vaterland leisten, daran soll sich unsere Jugend begeistern. Wollen Sie mir etwas Material geben von Ihren Erlebnissen?«

»Gern.«

»Nur eine Frage zuerst: Sind Sie mit Ihrem Schiff aus einem neutralen Hafen Amerikas, Argentiniens oder Chiles ausgelaufen?«