Wir gingen mit voller Fahrt längsseit, enterten und riefen: »Drehen Sie bei«. Die deutsche Kriegsflagge wehte, ich stürzte mich mit geschwungenem Säbel auf die »Moa«, meine Jungs kletterten über die Deckladung und schrien: »Ship is brought up! You are under the rule of the German Empire!« (Schiff ist aufgebracht! Sie stehen unter deutschem Befehl.)
»... meine Jungs kletterten über die Deckladung und schrien: Ship is brought up!«
(Abbildung aus einer englischen Zeitschrift.)
Alles war wie vom Schlag gerührt. »Don’t kill us!« Wir beruhigten die Leute, und ein entsetzter kleiner Junge bekam sofort Schokolade. Die Leute blickten entgeistert. Wir waren ja gar keine Hunnen, wie sie sich dieselben dachten.
Der Kapitän faßte sich schnell, als er sah, daß nichts zu machen war. Als er hörte, daß wir entkommene Gefangene wären, schimpfte er gewaltig auf die Regierung: Unsere Jungens kämpfen an der Front, und hier in der Heimat können sie nicht einmal Gefangene hüten. Immerhin, er hoffe, daß wir weiter Glück hätten, denn die Neuseeländer hätten es ja nicht anders verdient.
Der Koch kam auf uns zu und beteuerte: »Me cooky, me Russe, Russe peace with Germany.« (Ich bin der Koch, bin Russe, Russen Frieden mit Deutschland.)
Nun holten wir Waffen, Proviant und die drahtlose Station auf den Schoner herüber, die »Perle« wurde ins Schlepptau genommen. Die »Moa« war ein schönes Schiff, aber flach wie eine Streichholzschachtel, nur drei Fuß Tiefgang bei gewaltigen Masten. Unter frischer Brise segelten wir nach der Kermadecgruppe, um die Proviantstation für Schiffbrüchige aufzusuchen, welche dort auf irgendeiner der Inseln sein mußte. In der nächsten Nacht bekamen wir Sturm und lenzten vor dem Wind. Der Kapitän geriet in Aufregung. Das Schiff wäre für die hohe See gar nicht geeignet, weil es keinen Kiel hätte, wir setzten das Leben aufs Spiel. Ich mußte ihm antworten, daß wir für unser Leben segeln müßten, denn an der Küste erwartete uns größere Gefahr als auf dem Meer. Immer weiter! Vielleicht hält der Mast für Deutschland länger, als er für Neuseeland gehalten hätte.
Der Kapitän ging die ganze Nacht nicht hinunter und beruhigte die See mit Öl. Wir gingen unsere Wachen und fragten den Teufel, was kommen mochte. Unter gewöhnlichen Umständen hätte man selbst auch mehr Besorgnis empfunden, denn die Nacht war fürchterlich. Aber das Gefühl der Freiheit und das Bewußtsein, wieder ein eigenes Schiff unter sich zu haben und eine Kriegsflagge über sich wehen zu sehen, wenn sie auch nur auf ein Bettlaken gemalt war, ließ uns alles übrige gering achten. Unter dieser Flagge hatten wir ja schon manchen Sturm ausgekämpft. Immer stärker wird der Sturm, immer schwerer brechen sich die Wellen am Heck, die »Moa« wird bald hoch, bald tief geworfen. Wir müssen Segel kürzen und einen Teil der Deckladung, die aus Holz bestand, über Bord werfen. Hierin wurden wir gut durch eine Brechsee unterstützt, die an Deck schlug und einen Teil der Holzplanken mit sich riß, die uns aber gefährlich werden konnte, wenn Hände und Füße dazwischen gerieten. Für sechs Wochen hatten wir Proviant, den wir freilich mit den ihrerseits nur für drei Tage ausgerüsteten Schiffern teilen mußten, und fanden die Sache fast noch gemütlich, verglichen mit den sechs Wochen unserer früheren Bootsfahrt. Es kam freilich auf gutes Steuern an. Unsere schöne »Perle« wurde von einer See quergeschlagen, schlug voll und riß ab. Das durchkreuzte unsere Pläne sehr unangenehm. Erst nach 36 Stunden legte sich der Sturm.
Kircheiß korrigierte allmählich die Fehler unserer nautischen Instrumente, wobei sich der Kompaß des Kapitäns noch bedeutend schlechter als unser eigener erwies. Er war ja ein bloßer Küstenfahrer. Endlich kam am 21. Dezember morgens Curtis-Island in Sicht. Wir sahen große Rauchsäulen aufsteigen und fürchteten, daß die Insel bewohnt wäre von Schiffbrüchigen, die uns Rauchsignale machten und womöglich schon das ganze Proviantlager weggefuttert haben würden. Beim Näherkommen an die halbkreisförmige, amphitheatralisch aufsteigende Insel gewahrten wir aber, daß der Rauch von Geisern herrührte. Die Insel war ein Krater, der bei einer Erderschütterung auf einer Seite eingebrochen war.