In Melbourne wurde die Ladung gelöscht und mit Ballast nach Newcastle, dem größten Kohlenplatz Australiens, weitergesegelt. Hier wurden Kohlen eingenommen mit der Bestimmung nach Caleta Buena in Chile.
Neujahr habe ich in einem chilenischen Gefängnis zugebracht. Das kam so. Wir waren an Land und feierten Neujahr, den größten Feiertag in der dortigen Gegend. Der Seemann feiert gern mit, aber er kann nicht viel vertragen. So ging es auch mir. Als ich es endlich doch vorzog, an Bord zu gehen, bildete ich mir ein, daß ich in einer bestimmten Richtung am schnellsten an Bord käme. Ich überkletterte deshalb eine Mauer ... und landete in einem Schweinestall; er war ziemlich groß, die Schweine grunzten mich an. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin und steuere nach einem Laden zu, aus dem einige Lichtstrahlen herausdringen. Ich klopfe an den Laden, worauf ein alter Mann herausruft: »Was wollt Ihr?« Ich sage: »Buenas noches, Señor.« Das war alles, was ich auf Spanisch erklären konnte. Er sagte: »Warte ein wenig.« Ich warte. Die Tür ging auf und der Mann fragte mich, wohin ich wollte. Ich sage: »Ich will an Bord.«
»Warte, ich werde dich an Bord bringen.«
Der Mann ist sehr freundlich zu mir; in ein paar Brocken Englisch versuchen wir uns zu verständigen. Auf meine Frage: »Ich komme doch ganz sicher hier an Bord?« antwortet er: »Jawohl.« Da führt mich der Mann zu meinem größten Erstaunen in ein Haus, vor dem eine Polizeiwache steht. Ich ahne noch nichts. Er bringt mich zur Wache hinein. Wie sich später herausstellt, hat er der Polizei erzählt, ich hätte ihm Schweine stehlen wollen. Ich wurde festgehalten, protestierte stark; sagte »Schweinerei, ich will an Bord.« Es nützte nichts. Sämtliche Sachen, die ich bei mir hatte, wurden mir abgenommen. Ich kam in einen Empfangsraum, wo mehrere Leute bereits auf dem Fußboden lagen, Seeleute und andere, überhaupt alle, die das Neujahrsfest zu gut gefeiert hatten.
An den vier Wänden war eine schmale Bank zum Sitzen. Ich setzte mich darauf, schimpfte noch, Müdigkeit überwältigte mich, ich schlief ein. Mit einemmal wird die Tür aufgerissen und in hohem Bogen fliegt ein Frauenzimmer herein, großen Spektakel machend. Ich wache auf, nehme wenig Notiz und penne wieder ein. Diese Person schien nun den geeignetsten Platz zum Schlafen auf der schmalen Bank zu finden, denn als ich wieder aufwache, liegt sie mit ihrem Kopf auf meinem Oberschenkel und schläft fest. Ich bin nicht wenig erstaunt und gehe nicht sanft um mit dem zarten Geschlecht, sondern schiebe sie weg. Sie fängt an fürchterlich zu schreien: »Robadores, Carajo!« Da kommt die Wache herein, fragt, was los ist; Señora klagt mich an, ich hätte sie geschlagen. Der Kerl von der Wache packt mich und schmeißt mich in einen dunklen Arrest. Die Tür wird aufgeschoben, es geht steil hinunter. Ich hatte noch keinen Halt, schieße nach vorn, da ich nicht stoppen konnte, und falle über Esel- und Maultierkummets in dicken Salpeterstaub. Ich lege mich auf die Eselkummets und schlafe weiter.
Morgens wird eine Schüssel hereingeschoben. Ich fühle in der Finsternis mit den Fingern, was das ist, und merke: gesalzener Reis. Pfui Teufel!
Wenn ich bloß wüßte, wie spät es ist. Da höre ich Ratten in meinem Reispott; sie kümmern sich gar nicht um mich. Sie sind anscheinend die Gesellschaftstiere dort und warten nur, bis wieder einer Dunkelarrest bekommt. Ich denke, daß ich bald herausgeholt werde. Aber ich sitze ein, zwei, drei Tage und weiß überhaupt nicht, woran ich bin. Endlich nach drei Tagen holte mich der Steuermann heraus. Der Kapitän hatte zwar erfahren, daß ich in dem »Kallabus« saß, aber keine Eile gehabt, mich zu erlösen: »Ach Filax, der versäumt ja nichts, wir haben doch drei Feiertage.«
In Chile wurde Kohle gelöscht und Salpeter geladen. Beide Mal mußte jeder mit Hand anlegen, da es keine Arbeiter gab. Was war das für eine Hitze und unglaubliche Anstrengung! Es war so heiß, daß man es schon an Deck kaum aushielt. Der dunkle Schiffskörper aber fing vollends die Strahlen auf, dazu die Tropenhitze von außenbords und heiße Ausstrahlung der Kohle. Die Nasenschleimhäute entzündeten sich infolge des trockenen Kohlenstaubes. Wenn man erst Grund hatte mit der Kohlenschaufel auf dem Schiffsboden, dann ging es; aber ehe man so weit war! Dazu die furchtbare Schiffskost und die lange Arbeitszeit. Man war so dumm, daß man für einen Schnaps, der vielleicht 10 Pfennig kostete, eine Stunde länger arbeitete.
Als in nicht minder harter Arbeit Salpeter geladen war, ging es nach Plymouth. Auf dieser Reise wurde ich zum Vollmatrosen befördert. Auf amerikanischen Schiffen war ich schon vorher Vollmatrose gewesen, auf deutschen mußte ich aber wegen ungenügender Fahrtzeit nochmals Leichtmatrose sein. Nun wurde ich also Vollmatrose, da ich laut Logbuch[7] die Oberbramsegel ganz allein festgemacht hatte.
Als wir zu den Falklandsinseln kamen, setzte ein mächtiger Orkan ein. Erst konnten wir vor dem Wind wegsegeln. Das Schiff war ein guter »Lenzer«, d. h., es lief gut vor dem Winde. Das Mitlaufen des Wassers am Heck ist sehr verschieden, mitunter saugt es sich geradezu fest, andere Schiffe werden es gut los. Anderseits darf man, wenn Sturm und See zu stark werden, nicht zu lange vor dem Winde herlaufen (»lenzen«), sonst kann man nicht mehr beidrehen. Verpaßt man den richtigen Moment, so geht das Schiff dadurch verloren, daß die See hinten über das Deck läuft und von achtern bis vorn klar Deck macht und alles wegreißt.