Wir »lenzten« also und standen in bangen Minuten, wenn die See von hinten aufkam und dann rechts und links mitlief. Wir standen jetzt in äußerster Gefahr, daß Brechseen über das Schiff liefen, und steckten alle Trossen, die wir hatten, achtern heraus, so daß sich die See darin verfing und brach.
Unser Schiff machte in diesem Orkan mit nur vier Segeln tüchtige Fahrt, denn wir liefen zehn Meilen durchs Wasser und noch mehr über Grund. Letzteres nennt der Seemann die Strecke, welche das Schiff noch durch die See vorwärts geschoben wird, während »durchs Wasser« dasjenige bedeutet, was lediglich durch die Segel vorwärts gebracht wird.
Nun kamen wir in das Zentrum des Orkans, das sich dauernd in einer gewissen Richtung fortbewegt. Zuerst dieser wahnsinnige Sturm, und nun im Zentrum plötzlich Totenstille, sternklarer Himmel, aber um uns her rollt das Wasser von allen Seiten wie in einem kochenden Kessel. Draußen aufgewühlt strömt es nach innen. Der Laie glaubt, im Zentrum wäre der Orkan am stärksten, aber da herrscht gar kein Wind und gerade darum ist hier die Gefahr am furchtbarsten. Denn das Wasser schießt und stürzt aus allen Richtungen an Deck, das Schiff hat beim Fehlen des Windes in den kreuzweisen Seen keinen Halt mehr, und kann nur gerettet werden, wenn man das Zentrum schnell passiert. Eine Bordseite nach der andern taucht ins Meer und es ist die Frage, wie lange es die Takelage in dem Hin- und Herschlingern der wechselnden Seen aushält, ohne über Bord geworfen zu werden.
Wir verloren nun die ganzen Stengen von den Masten nicht durch den Sturm, sondern eben durch das Schlingern. Nach einer halben Stunde, während der uns die Seele förmlich aus dem Leib geschlingert wurde, sind wir aus dem Zentrum, der Sturm setzt plötzlich wieder mit doppelter Gewalt ein und alles aus der Takelage bis auf die Mars- und Unterrahen kommt von oben, verfängt sich im Ruder, hängt draußen über Bord. Das Deck ist voll Wasser, und jetzt springt der Wind um 8 Strich herum ..., wir hatten gerade zur rechten Zeit die Rahen gebraßt. Wie durch ein Wunder kamen wir so aus dem Orkan heraus. An Deck war alles kaputt geschlagen, im Schiff stand hohes Wasser ... wir hatten aber durch das lange Lenzen eine gute Meilenzahl hinter uns, was für ein Schiff, das nach Hause geht, ja doppelt viel wert ist. Tag und Nacht gab es zu tun, durch Aufbringen von Notstengen die Takelage auszubessern.
Wir kamen also mit 120 Tagen Reise in Plymouth an, die Mannschaft musterte ab und nur ich blieb an Bord mit dem alten Steuermann und mit Nauke. Smutje verließ das Schiff. Die Ladung wurde gelöscht, wir nähten die Segel, setzten das Schiff instand, klopften Rost und taten alles, um wieder reisefertig zu werden. Von Hamburg wurde ein Teil der Besatzung geschickt. Den Rest derselben musterten wir in England an, aber es waren nur Heizer und Trimmer, die noch nie auf einem Segelschiff gefahren hatten. So war es eine jammervolle Besatzung und die wenigen Guten von uns mußten sich vollkommen einsetzen.
Der Schiffsboden, der durch die lange Fahrt mit Gras und Muscheln bewachsen war, wurde im Dock gereinigt und neue Ladung eingenommen, Kreide in Fässern. Infolge des großen Gewichts derselben war das Zwischendeck freigeblieben. Nur hinten hatten wir eine Ladung Arsenik, 300 Gewichtstonnen in kleinen Fäßchen, die aber ihres schweren Gewichts wegen nur geringen Raum einnahmen. So gab es eine ungünstige Verstauung.
Mit diesem Schiff hoffte der Kapitän schnelle Reise nach Neuyork zu machen. Aber wir hatten einen Sturm nach dem andern und kamen nicht vorwärts. Die Trimmer und Heizer konnten weder steuern, noch Segel festmachen. Sie bekamen mehr Heuer als wir, und wir sollten ihre ganze Arbeit für sie tun. Die Folge war, daß man ziemlich derb mit den Leuten verfuhr. Sogar unsre Hamburger Schiffsjungens, deren Pflicht es war, das Logis instand zu halten und zu waschen, wollten dies nicht mehr für diese Dampferjochens besorgen, die weniger konnten, als sie selber.
Diese wahnsinnigen Stürme! Endlich kommt Weihnachten, und zum erstenmal ist es schön Wetter und günstiger Wind. Wir haben nach langer Zeit wieder Bramsegel stehen. Es war ein wunderbares Gefühl, einmal trockenes Deck zu haben. Der Kapitän sagte: »Das ist ein Zeichen von Gott, wir wollen auch ordentlich Weihnachten feiern.«
Wir bauen einen Weihnachtsbaum nach alter Seemannsweise aus einem Besenstiel, schmücken ihn mit buntem Papier, Staniol und Flittertand, beschenken uns jeder mit einem Pfund Tabak, der Kapitän schickt uns einen Schinken und eine Bowle nach vorn. Als die Lichter angezündet sind, geht eine Abordnung nach achtern, wünscht dem Kapitän frohe Weihnachten, eine gute Fahrt, und bittet ihn, sich den Baum anzusehen. Der Kapitän kommt nach vorn, Smutje bringt die Bowle; und wir stehen da, haben unsre Mock (Trinkgefäße) klar, um auf das Wohl des Kapitäns anzustoßen; da auf einmal fällt eine weiße Böe von vorn ins Schiff.
Sie heißt »weiß«, weil sie bei ihrer Annäherung nicht zu sehen ist.