Sie kommt direkt von vorn, das Schiff macht Fahrt über den Achtersteven, die Vorstengen krachen über Bord, daß eine Rahe durch meine Koje rast, die Großstengen gehen über Bord, alles stürzt zusammen, nur die Untermasten stehen noch.
Wir hinaus, sehen das Tohuwabohu an Deck, rechts und links hängt die große Takelage herunter. Der Kapitän stürzt zum Ruder, da liegt der Rudersmann unter dem Rad, total zerschlagen. Er starb zwei Tage später.
Jetzt begann der Kampf mit dem Element. Mit Äxten und Beilen wurde gekappt, die Segel an den Unterrahen, die einzigen, die oben geblieben, mußten in den Wind gepraßt werden, um das Schiff überhaupt zu halten. Nach vier Stunden harter Mühe waren wir so weit, daß wir das Schiff einigermaßen in der Hand hatten. Daß dabei keiner totgeschlagen wurde, während die Brechseen fortwährend über das führungslose Schiff rollten, war ein wahres Wunder.
Die schlechte Mannschaft hatte sich einfach verkrochen; die Wut auf sie war so groß, daß sie sich nicht sehen lassen durfte. An Bord wird nicht gefragt, wie lange Arbeitszeit ist, da gibt es keine Überstunden. Bei Gefahr muß jeder heran. Der Matrose schickt keinen Jungen nach gefahrvollen Stellen hin, sondern er geht selbst, das ist ihm Ehrensache. Das Deck hatten wir einigermaßen klar, der Sturm steigert sich allmählich zum Orkan. Wir kämpfen uns durch die ganze Weihnachtsnacht und den ersten Feiertag. Am zweiten Feiertag nachmittags vier Uhr bricht das Zwischendeck zusammen infolge der schweren Arsenikladung. Mehrere Nieten sind gesprungen und das Schiff leckt stark. Alle Mann eilten, den Arsenik umzustauen, viele Fässer waren zerborsten. Wir wußten gar nicht die Gefahr, in der wir arbeiteten. Denn in diesem Arsenikstaub bekamen wir alle die furchtbarsten Entzündungen. Wir wurden davon förmlich dick und aufgeschwemmt nach einigen Tagen. Kurz und gut, der Arsenik wurde getrimmt, und dann ging der Kampf mit dem Element weiter. Das Schiff liegt vorn ganz tief. Beim Peilen stellt der Zimmermann drei Fuß Wasser im Schiff fest. »Klar bei Pumpen.« Wir pumpen und pumpen, aber das Wasser nimmt zu, wie draußen der Sturm. Um uns frisch zu halten, gab es dauernd Sprit. Wenn durchgehalten werden muß, heißt es seemännisch: »Hei geit op Sprit.« Wir wußten genau, daß es fraglich war, ob wir durchhalten konnten, pumpten aber, was wir vermochten.
Da fegt auf einmal eine Brechsee mit voller Macht über Deck und nimmt die ganze Kombüse weg; unser Koch, der gerade Kaffee für uns klar hielt und die Beine über die Herdgeländerstangen liegen hatte, um sich zu wärmen, geht über Bord, mit ihm Herd, Kessel, Potten und Pannen und der Kohlenkasten. Im letzten Augenblick saust der Koch heraus, hält sich am Kombüsenschornstein fest und will gerettet werden. Wir konnten seine Schreie im heulenden Sturm nicht hören. An Rettung war nicht zu denken. Ich höre noch, wie ein alter Segelmacher neben mir schreit: »Smutje, holl di fast. Kohlen für die Reis’ zum Düwel hest du ja.«
Das ging mir durch und durch, den eignen Tod vor Augen. Über achtundvierzig Stunden standen wir an den Pumpen. Wenn man wenigstens gesehen hätte, daß es half; aber das Wasser stieg immer höher. Wir konnten nicht mehr. Durch den Schnaps waren wir auch ermüdet. Wir waren fertig.
Der Kapitän stand da: »Wenn ihr nicht mehr wollt, dann schmeiß ich mit der Harpune nach euch.« Da ruft eine Stimme von achtern: »Achtung, Brecher!« Wir konnten an den Pumpen nichts sehen, hörten es aber schon rauschen. Da kommt die Brechsee mit solcher Gewalt, daß sechs Mann von den Pumpen losgerissen werden; zwei gehen gleich über Bord, einer wird gegen die Wanten geschlagen, verliert einen Arm und wird über Bord gespült. Einem anderen wird der Schädel eingeschlagen, und einer liegt mit zerschmetterten Knochen da, rollt an Deck hin und her. Ich habe Unglück, das auf der anderen Seite Glück war. Die Brechsee drückt mich zwischen den losgerissenen Reservemast beim Pumpenrad, mein Bein wird dazwischen gepreßt und bricht.
Wir können nicht mehr pumpen. Das Schiff rollt hin und her. Die Wassermassen spülen an meinem zerbrochenen Fuß; ich war festgeklemmt, und so wäre ich beinahe an Deck ertrunken. Der Reservemast hatte sich fest geblockt, und mein Bein war dazwischen. Der Steuermann und ein Matrose befreien mich mit einem Brecheisen, der Kapitän läßt mich in die Kajüte kommen. Der Stiefel wird aufgeschnitten. Der Kapitän sieht sich die Sache in Ruhe an und sagt: »Sieben Mann haben wir verloren, mehr dürfen wir nicht verlieren. Timmermann, nu paß god op.« Er tat sorgfältig einen Taustrop um den Fuß, setzte einen Flaschenzug an, befestigte das eine Ende an der Büfettschublade; Steuermann und Zimmermann müssen ganz langsam ziehen. Der Kapitän als erfahrener Mann überwacht die Sache und gibt seine Befehle: »Hol noch etwas! Noch ein wenig! Noch einmal! So! Ik glöv, de Foot is wedder op sin Platz.« Es tat weh, aber auf diese seemännische Weise wurde vermieden, daß das Zusammensetzen der gebrochenen Teile ruckweise geschah. »Jetzt ist es gut.« Dann sagte er: »Timmermann, nu guck her. Nimm ein ordentliches Kernholz, miß die Wade und pack sie zwischen Holzbacken.«
Zwei ausgehöhlte Hölzer umfaßten das Bein vollkommen, Schraubengewinde kamen hinein und schnürten das Holz zusammen. So hatte ich Halt, konnte auftreten und hatte geringere Schmerzen, da der Stützpunkt des Beines nach oben verlegt war.
Unterdessen wurde der Zustand des Schiffes immer hoffnungsloser. Es blieb nichts anderes übrig, als »Klar bei Boote!«