Ein Boot ging mit dem ersten Steuermann, eins mit dem Kapitän. Sie wurden an langen Tauen über Bord geworfen, während die See mit Öl beruhigt wurde. Ein Mann nahm ein Tau um sich, sprang ins Wasser und schwamm zum Boot hin. Der nächste sprang nun an dem Tau ins Wasser und wurde vom ersten ins Boot hineingeholt.
Wrack der »Cäsarea«, bei den Bermudas angetrieben und eingeschleppt.
Als die Boote besetzt waren, trieben wir vom Schiff ab, das Boot nur mit den Riemen gegen die schwere See haltend, denn an ein Vorwärtsrudern war ja nicht zu denken. Tag und Nacht wurde diese Aufgabe von uns verlangt, solange der Sturm anhielt, damit das Boot nicht querschlug. Trotz meinem gebrochenen Bein konnte auf Schonung nicht geachtet werden. An Proviant war nur etwas Hartbrot, stark von Salzwasser durchtränkt und eine spärliche Ration frisches Wasser vorhanden. Die bittere Kälte und die schlaflosen Nächte erschöpften den Körper derart, daß man sich am liebsten den Tod gewünscht hätte. Vier Tage haben wir uns zunächst so durchgekämpft. Endlich, am vierten Tage, wird ein Dampfer gesichtet. Frohe Hoffnungen steigen auf. Alle Kräfte werden noch einmal zusammengenommen. Ein Beinkleid wird an den Riemen angebunden, um uns erkenntlicher zu machen. Gespannt sehen wir auf den Dampfer. Sieht er uns oder nicht? Wir bilden uns schon ein, daß er Kurs auf uns hält, dann aber, nach längerem Warten, müssen wir uns von den Täuschungen befreien, da der Dampfer immer mehr aus Sicht kommt. Diese Hoffnung auf Rettung, die sich nun als vergeblich herausstellte, nimmt uns alle Energie und den Willen, weiter zu leben.
Der Kapitän als erfahrener Mann redet uns Mut zu mit der Bemerkung: »Smit ju junges Leben nich so weg, kikt op mi ollen Kerl, hollt dör, Jungs, und mokt nich slapp.«
Er mußte uns abhalten, daß wir nicht Seewasser tranken, was unseren Untergang beschleunigt hätte. Wir waren so durstig, daß wir an den Händen saugten, um die Speichelabsonderung zu beleben.
Glücklicherweise wurde das Wetter einigermaßen ruhig, so daß wenigstens ein Teil im Sitzen schlafen konnte. Die spärliche Ration an Wasser nach all den langen Entbehrungen entkräftete uns aber derart, daß wir selbst die Riemen kaum noch bedienen konnten. Wir wußten, wenn nicht Rettung in nächster Zeit kam, waren wir verloren. Wir kommen schon auf die Idee, ein Los zu ziehen, wer sich von uns zuerst opfern soll, damit wir an dessen Blut unseren Durst löschen. Jeder beschäftigt sich in Gedanken mit dieser Idee, keiner wagt sie jedoch auszusprechen, jeder schreckt davor zurück, da ja keiner weiß, wen das Los treffen wird, und ob er selbst nicht zuerst drankommt.
Bis zum späten Nachmittag hatte der Kapitän mit seinen Ermutigungen Einfluß auf unser Leiden, bis wir schließlich dem geringen Rest unseres Trinkwassers nicht mehr widerstehen konnten, über den wir herfielen, um ihn mit einem Male auszutrinken. Uns war es einerlei, was danach kam.
Am nächsten Morgen wird ein Dampfer gesichtet. Sichtet er uns oder dampft er wieder an uns vorbei? Wir winken matt, und tatsächlich, er kommt auf uns zu.